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Teilung Irlands Der Preis der Freiheit

Nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft erkämpfen sich die Iren 1921 endlich einen weitgehend unabhängigen Staat. Doch dafür müssen sie den britischen Besatzern enorme Zugeständnisse machen. Der Streit um das Abkommen mit London spaltet zudem die Nation – und eskaliert zu einem blutigen Bürgerkrieg
Irland

Der Preis für die Freiheit Irlands war die Teilung der Insel, denn einige Grafschaften verblieben als Nordirland im Vereinigten Königreich. Heute wirft der Brexit die Frage auf, wie es mit dem Eiland weitergeht

Die Iren sind den Kampf gewohnt. Über Jahrhunderte hinweg haben sie sich immer wieder gegen die Briten erhoben. Doch diesmal, im Jahr 1922, ist es anders, schlim- mer – denn diesmal kämpfen Iren gegen Iren, Nachbarn gegen Nachbarn, Väter gegen Söhne. Und das, obwohl beide Gruppen im Grunde das gleiche Ziel haben: die Souveränität ihres Heimatlandes.

Nach dem gescheiterten Osteraufstand von 1916 haben die irischen Freiheitskämpfer einen neuen Weg eingeschlagen: Sie wollen die Unabhängigkeit ihres Landes mit einer engen Verknüpfung von bewaffnetem Widerstand und politischer Kampagne erringen. So gründen sie, ohne London zu fragen, im Januar 1919 ein eigenes Parlament. Und stellen die IRA auf, die Irish Republican Army. Deren Anführer wird der 29-jährige Michael Collins, ein Vorstandsmitglied der tonangebenden Partei Sinn Féin.

In Zivil gekleidet, verüben IRA-Kämpfer Anschläge und Attentate auf britische Soldaten und Polizisten; Mehr als 600 Sicherheitskräfte werden bis 1921 getötet. Unter den Iren genießen die Attentäter großen Rückhalt und sind kaum zu fassen.

Außerstande, die Lage zu kontrollieren, lädt London schließlich Vertreter des irischen Parlaments zu Friedensverhandlungen ein – und akzeptiert sogar, dass Michael Collins mit am Tisch sitzt. Nach komplizierten, monatelangen Gesprächen einigen sich beide Seiten am 6. Dezember 1921 auf einen Vertrag. Er gewährt Irland eine eigene Regierung und ein echtes, gesetzgebendes Parlament sowie eine eigene Armee und eine selbstständige Außenpolitik.

Umgekehrt sichert das Abkommen den Briten das Nutzungsrecht für drei Marinestützpunkte in Irland zu, hält fest, dass die Endkontrolle über eine irische Verfassung bei Großbritannien liegt und der englische König das Staatsoberhaupt bleibt. Vor allem aber besiegelt es die Teilung der Insel: Der protestantische Norden wird vom Süden abgetrennt und verbleibt im Vereinigten Königreich. Irlands Freiheit kommt zu einem hohen Preis.

Als Collins den Vertrag unterzeichnet, sagt er angeblich zu einem britischen Unterhändler, er habe soeben vielleicht sein „Todesurteil unterschrieben“. Und tatsächlich: Die Unabhängigkeitskämpfer entzweien sich. Die einen, mit Collins an der Spitze, sehen den Vertrag als ersten Schritt zur vollkommenen Freiheit eines geeinten Irlands. Die anderen geißeln das Ergebnis als zu schwach, verdammen vor allem die irische Teilung. Schließlich wird nach hitzigen Debatten im irischen Parlament über den Vertrag abgestimmt. Nur knapp, mit 64 zu 57 Stimmen, nehmen die Abgeordneten ihn an.

Kurz nach dieser Entscheidung eskaliert der Konflikt, ein Bürgerkrieg bricht aus. Männer, die eben noch Seite an Seite gegen die Briten gekämpft haben, töten sich nun gegenseitig, mitunter sind Familien zerrissen. Zur Hassfigur der Vertragsgegner wird Michael Collins. Am 22. August 1922 gerät seine Wagenkolonne in einen Hinterhalt. Statt zu fliehen, wehren sich seine Begleiter und er 30 Minuten lang mit Gewehren gegen die Angreifer. Schließlich trifft ihn eine Kugel tödlich.

Seine Seite aber obsiegt: Nach elf Monaten Bürgerkrieg und gut 2000 Toten setzen sich die Befürworter des Vertrags im April 1923 schließlich durch – auch weil die britische Regierung ihnen Waffen gesandt hat. Etwa 12.000 Vertragsgegner landen im Gefängnis. Irland ist nun weitgehend selbstständig, aber geteilt in Nord und Süd.

Daran ändert auch die neue irische Verfassung nichts, die 1937 verabschiedet wird, und ebenso wenig der „Republic of Ireland Act“, mit dem Irland 1949 das britische Commonwealth verlässt und vollends unabhängig wird. Die politische Spaltung der Insel bleibt bestehen. Sie dauert bis heute an.

Video: Irland am Scheideweg

Vor knapp 100 Jahren führten unter anderem die Attentate der neu gegründeten Irish Republican Army (IRA) dazu, dass London die Iren in die Unabhängigkeit entließ. Der Preis für die Freiheit aber war die Teilung der Insel, denn einige Grafschaften verblieben als Nordirland im Vereinigten Königreich.

Heute wirft der Brexit die Frage auf, wie es mit dem Eiland weitergeht: Führt eine harte Grenze zwischen dem Süden (EU) und dem Norden (nicht-EU) eventuell zu einem Wiederaufflammen des IRA-Terrors? Oder erweist sich der Brexit gar als Segen für Irland?

Das Video liefert eine Einschätzung von Robert McClenaghan, einem ehemaligen IRA-Aktivisten, der wegen Bombenanschlägen 12 Jahre im Gefängnis saß und sich heute bei der Partei Sinn Féin engagiert.

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