Lissabon erFAHRen

Reisebericht

Lissabon erFAHRen

Reisebericht: Lissabon erFAHRen

Lissabon erFAHRen beschreibt einen dreieinhalbtägigen Kurztrip in die morbid schöne portugiesische Hauptstadt. Wie der Titel vermuten lässt, stehen die vielen und sehr speziellen Räder im Mittelpunkt, auf denen sich die Stadt erkunden lässt - ganz gleich, ob sie auf Schienen laufen, mit Luft gefüllt sind oder Zähne haben.

20.05.2014

Lissabon erFAHRen

Die freundliche Angestellte lacht als wir zum dritten Mal im kleinen Laden von Bikeiberia erscheinen. Nach den Fahrrädern, die wir am ersten Tag ausleihen wollten und dem Scooter, der unseren Radius am zweiten Tag erweitert hat, haben wir nun am Tag drei ein ganz anderes Anliegen. Wir möchten ein Erinnerungsfoto mit unserem Miet-Roller nachholen.Er war eines von vielen Transportmitteln, die wir außer unseren Füßen während des kurzen dreieinhalbtägigen Aufenthaltes in der schönen portugiesischen Hauptstadt genutzt haben.
Dabei liegt unser Hotel Mundial im Herzen Lissabons, einen Steinwurf vom zentralen Praca Rossio entfernt und direkt an einem anderen Platz, dem Martim Moniz.
Von hier aus startet die Straßenbahnlinie 28, für deren Betreten wir sowohl einen Fahrschein als auch die Bereitschaft brauchen, den wenigen Platz im - auf charmante Art in die Jahre gekommenen - gelben Wagon mit vielen Menschen zu teilen. Kaum losgefahren, legt sich die Bahn quietschend und ratternd in die Rechtskurve und schiebt sich durch abenteuerlich steile Gassen in das Altstadtviertel um das Castelo de Sâo Jorge. Eng ist es dabei nicht nur in der Bahn, sondern auch rechts und links der Schienen, die zum Teil so nah an den oft bunt gekachelten Hausfassaden entlangführen, dass die Fußgänger in Eingängen warten müssen, um die Linie passieren zu lassen. Plötzlich öffnet sich der Blick auf so spektakuläre Weise, dass wir spontan aussteigen, um gleichzeitig durchzuatmen und uns den Atem rauben zu lassen. Der Miradouro de Santa Luzia bietet ein beeindruckendes Panorama über die alten Viertel Lissabons zur Linken und den Tejo zur Rechten. Der konkurriert gerade mit dem Himmel um das strahlendste Blau.
Hier über den Dächern der Stadt lässt sich erahnen, welche Höhenunterschiede zwischen der Uferlinie und der von der Burg gekrönten Altstadt zu überwinden sind.
Natürlich gibt es unzählige Treppen, die sowohl Willenskraft als auch Oberschenkelmuskulatur herausfordern. Aber es gibt auch die ganz besondere Lissaboner Lösung - die drei Ascensores da Gloria, do Lavra und da Bica sowie den Elevador de Santa Justa. Letzterer ist ein Aufzug, der 1902 von Raul Mesner du Ponsard, einem Schüler des berühmten Bauingenieurs Eiffel erbaut wurde. In einer Seitenstraße der belebten Fußgängerzone Rua Augusta befördert er senkrecht Fahrgäste aus dem rechtwinklig angelegten Geschäftsviertel Baixa in die historischen Gassen der oberhalb liegenden alten Viertel Chiado und Bairro Alto.
Wer ebenfalls hoch hinaus möchte, aber vorher noch die Prachtstraße Avenida da Liberdade am nördlichen Ende des Praca Rossio sehen möchte, wählt einen der Ascensores. Die gelben Gondeln dieser Standseilbahnen sehen den Wagons der alten Straßenbahnlinien nicht unähnlich und beginnen ihre gemächliche Fahrt in die Altstadtviertel Bairro Alto und Chiado sowie auf den Hügel Santana am Rande der Avenida da Liberdade - nämlich vom Praca Restauradores und Largo da Anunciada aus.
Oben angekommen, fällt es zunächst schwer, die Augen vom phantastischen Ausblick des Miradouros zu lösen und sich den stimmungsvollen Gassen zuzuwenden. Einmal eingetaucht in das Gewirr kleiner Plätze und Gänge betören aber die Klänge von Straßenmusik, der Duft frisch gegrillter Fische und der muntere Mix von Gesprächsfetzen in allen Sprachen dieser Welt.
Wie gut, dass die Rückfahrt mit dem Aufzug wieder am Miradouro Sâo Pedro de Alcântara beginnt. Die Sicht auf die glitzernde Wasseroberfläche am Horizont lässt vorfreudig an das Programm des nächsten, des ersten richtigen Urlaubstages in Lissabon denken: Eine kleine Radtour entlang des Tejo-Ufers nach Westen.
Dazu suchen wir nach dem Frühstück den Bikeiberia-Fahrradverleih am Largo di Corpo Santo, der sich nicht ganz einfach finden lässt. Unser Weg führt uns vom belebten und von prächtigen gelben Arkaden gesäumten Praca do Comércio am Wasser entlang in Richtung des Bahnhofs (und Fähranlegers) Cais do Sodré. Damit haben wir auch schon die Richtung für unsere kleine Radtour eingeschlagen, die uns nach Belém im Westen der Stadt führen soll. Unsere Mieträder haben wir schnell und unkompliziert erhalten und rollen, das Ufer des Tejo zur Linken, erfrischt vom Fahrtwind Richtung Ponte 25 de Abril. Das imposante Bauwerk überbrückt den Tejo nicht nur für den Autoverkehr, sondern auch für die Eisenbahn, die die untere Etage der Brücke nutzt, um auf die gewaltige Statue Christo Rei am südlichen Tejo-Ufer zuzurollen. Während die Figur an Rio de Janeiro denken lässt, erinnert die Brückenkonstruktion auf den ersten Blick sehr an die Golden Gate Bridge in San Francisco. Wir unterfahren die Brücke und steuern bereits auf den nächsten Blickfänger zu. Vor uns erhebt sich eher kolossal als schön das einem Schiffsbug nachempfundene Denkmal der Entdeckungen Padrâo dos Descobrimentos mit seinen heroischen Darstellungen portugiesischer Eroberer. Es entstand in der Zeit der Diktatur Salazars. Nur wenig weiter erreichen wir nach 8 Kilometern nicht nur unser Ziel, den Torre Belém, sondern auch die Erkenntnis, dass ein gutes Sonnenschutzmittel nicht fehl am Platze gewesen wäre. Der Turm - im Wasser liegend und über eine Fußgängerbrücke erreichbar - ist nicht nur ein Wahrzeichen der Stadt und ein beliebtes Fotomotiv, sondern, ebenso wie das berühmte und benachbarte Kloster Mosteiro dos Jerónimos als besonderes Beispiel der manuelinischen Baukunst (einer portugiesischen Variante der Spätgotik) zum UNESCO Welterbe geworden.

Schon wegen des Sonnenbrandes als Gratis-Bonbon zur Radtour am Vortag entscheiden wir uns am nächsten Morgen für ein Fortbewegungsmittel, mit dem wir nicht nur die Umgebung von Lissabon erreichen können, sondern das uns auch zum Tragen eines Helmes nötigt. In diesem Fall dient er dem Schutz im Falle eines Sturzes ebenso wie dem vor weiterer Sonneneinstrahlung. Die freundliche junge Frau von Bikeibero stellt uns einen 125er Scooter mit zwei Helmen bereit, gibt uns noch ein paar hilfreiche Tipps für eine schöne Strecke nach Sintra - unserem Ziel circa 20 Kilometer nordwestlich von Lissabon. Was uns nach einer launigen Anfahrt an der Küste entlang über Algés, Oeiras, Estoril und den wunderschönen Atlantik-Badeort Cascais in den Hügeln erwartet, ist zum einen ein kleiner Temperatursturz mit Nebelschwaden über den Baumwipfeln, zum anderen ein wirklich idyllischer Ort mit Palästen und Schlössern, Gässchen und Gärten, der in seiner ganzen Schönheit komplett zum UNESCO Welterbe erklärt wurde. Und wo UNESCO drauf steht,…..stehen Busse davor. Wir stärken uns mit Omelett und Salat, versuchen beim Spaziergang treppauf und treppab nicht zu vergessen, dass auch wir Touristen sind und steigen dennoch resigniert nach einem Kaffee im blau
gekachelten Café wieder auf unseren Roller, der uns nach einem Zwischenstop an der herrlichen Felsenküste bei Cascais zurück nach Lissabon bringt.

Wir hätten nicht das Spektrum an Transportmitteln ausgeschöpft, würden wir nicht auch noch die Fähre über den Tejo nehmen, um auf die Südseite nach Cacilhas zu kommen. Das machen wir gleich nachdem wir den Scooter zurückgebracht haben. Wenige Schritte von Bikeiberia entfernt befindet sich der Fähranleger am Cais do Sodré. Wir lösen eine Transtejo-Fahrkarte und finden uns an Bord wieder gemeinsam mit Pendlern, die ihren Arbeitsplatz in Lissabon hinter sich lassen und müde dem Feierabend in Cacilhas entgegen tuckern. Nach knapp 15 Minuten legt das Boot an und entlässt uns für einen traumschönen Abend am Südufer. Wir halten uns rechts, gehen einige Minuten an einer mit Graffitis verzierten Mauer entlang, das Plätschern des Tejo auf den Sandstrand begleitet den Rhythmus unserer Schritte. Vor uns die Ponte 25 de Abril im Licht der langsam sinkenden Sonne. Und dann taucht es vor uns auf - ein ungleiches Paar: Zwei Restaurants am Ende der Kaimauer. Vor dem einen haben sich gut gelaunte Leute versammelt, die offenbar vorwiegend trinken und Musik in markanter Lautstärke hören möchten. Wir aber haben Hunger und entscheiden uns für das „letzte“, das Ponte Final, auf dessen Tischen schon beängstigend viele Kacheln mit Reservierungshinweisen liegen. Aber wir haben Glück und dürfen Platz nehmen auf zwei der leuchtend gelben Stühle, die so gut zu den blau gestrichenen Wänden, zum Blau des Wassers, zum warmen Licht des Sonnenuntergangs, zum Goldgelb des Sandstrands unter uns passen. Und richtig Glück haben wir als uns die gegrillten Sardinen und Makrelen aufgetischt werden. Mit jedem Bissen und jedem Schluck macht sich Wohlbehagen breit. Zur Erinnerung an diesen paradiesischen Abend sammeln wir ein paar rund gewaschene Kachelscherben am Strand auf, stellen fest, dass das Tejo-Wasser hier nahe seiner Mündung in den Atlantik salzig ist und besteigen angesichts all dieser Idylle etwas zögernd das Fährschiff mit unserer Rückfahrkarte in das inzwischen nächtlich pulsierende Lissabon.
Den Flughafenbus bei der Ankunft und das bereits eingeplante Taxi zum Flughafen bei der Abreise mal als selbstverständlich ausgenommen, weist die Liste der bis hierher während unseres Kurztrips nach Lissabon genutzten Transportmittel trotz ihrer Länge doch noch eine gravierende Lücke auf. Wir haben eine Metropole besucht, aber noch keine Metro betreten. Diese Lücke gilt es am letzten Tag des Aufenthaltes zu schließen. Als Ziel wählen wir kulturbeflissen das Museu Calouste Gulbenkian im Norden der Stadt. Um diese nach ihrem Stifter benannte Sammlung von Kunstwerken und Kulturschätzen zu erreichen, betreten wir die Metro am Praca Rossio und kommen mit einmaligem Umsteigen von der grünen auf die blaue Metro-Linie an unser Ziel, den Praca Espanha. Von vielen ansprechend gestalteten Metro-Bahnhöfen erwähnen wir zwei, die mit ihren aufwändigen , kunstvollen Azulejo-Arrangements das Benutzen der Metro für einen Moment zum ästhetischen Genuss werden lassen. Die Station Parque (blaue Metro-Linie) und der Umsteige-Bahnhof Baixa-Chiado, mit seinen überdimensionalen „Osterhasen“-Kachelbildern, der die blaue und die grüne Linie verbindet. Selbstverständlich verblasst diese Dekoration vor dem Kunstgenuss, den das Museum Calouste Gulbenkian zu bieten hat. Der 1869 in der Türkei geborene Armenier brachte es durch Ölgeschäfte zu immensen Reichtümern, die er leidenschaftlich in den Erwerb von Kunstwerken investierte. 1942 brachte er sich und seine Schätze im neutralen Portugal in Sicherheit. Als er 1955 starb, hinterließ er sein Vermögen und seine Sammlung von über 6000 Kunstwerken einer Stiftung, die seinen Namen trug. Nach Regionen geordnet, zeigt das Museum Statuen, Teppiche, Schmuck, Porzellan, Handschriften und Gemälde aus aller Welt - darunter Werke von Rubens, Rembrandt, Turner, Manet, Degas, Renoir, Monet…. um nur wenige zu nennen.






Tipps und Adressen:
Flüge: Z.B. mit Lufthansa ab Hamburg. Der Flughafen in Lissabon ist nur ca 7km vom Zentrum entfernt und problemlos über Flughafenbus oder Taxi zu erreichen.

Das Hotel Mundial bietet neben seiner zentralen Lage am Praca Martim Moniz die „Rooftop-Bar“ - tatsächlich auf dem Dach über dem neunten Stockwerk und mit ihr einen spektakulären Rundblick auf Lissabon www.hotel-mundial.pt

Gut erreichbar und ideal, um mit dem Ausleihen von Fahrrad oder Scooter individuell beweglich zu sein, ist Bikeibero am Largo di Corps Santo www.bikeiberia.com

Wunderbaren Fisch in perfekt idyllischer Lage mit Blick auf Lissabon gibt es am Südufer des Tejo - direkt am Kai - im Ponto Final, Rua di Ginjal, 72

Die Straßenbahnlinie 28 ermöglich in einem charmant antiken Wagen eine Quasi-Stadtrundfahrt durch die steilen Altstadtgassen.

Nur in Lissabon gibt es die Fahrstühle Elevador und Ascensores, die eine spektakuläre Alternative zu Treppensteigen darstellen.



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