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Reisebericht: Mali. Trekking im Land der Dogon
Al-Qaida hat den Dschihad gegen Frankreich angekündigt. Die Terrorgruppe fordert ihre Anhänger zu Anschlägen gegen französische Ziele in der ganzen Welt auf. Auch deutsche Soldaten sind in Mali. Ich erinnere mich aus diesem Anlass an meine Reisen nach Mali, als diese noch gefahrlos waren. Zum Beispiel ins Land der Dogon.
Das Land der Dogon
Das Land der Dogon liegt südlich von Timbuktu an der Grenze zwischen Burkina Faso und Mali. Es ist ein trockenes Felsplateau innerhalb des großen Nigerbogens, dessen Rand zu der weiten Gondo-Ebene abstürzt. In der Nähe des Felsplateaus wechseln graue Felsplatten mit tiefen Spalten und Schluchten. Die nackten Felsen strahlen eine ungeheure Hitze aus, die bis weit in die Nacht anhält. Einzelne Baobabs, Wollbäume, Tamarinden und Akazien wachsen auf dem trockenen Boden.
Die Archäologen nehmen an, dass sich die Dogon im 15. Jahrhundert in der Region der Falaise von Bandiagara angesiedelt haben. Der mündlichen Überlieferung der Dogon zufolge haben sie ihre ursprüngliche Heimat wegen einer großen Dürreperiode verlassen. Bereits vor ihrer Ankunft müssen andere Völker hier gelebt haben. Die Dogon nennen diese früheren Bewohner Tellern. Diese kleinen, pygmäenähnlichen und angeblich rothäutigen Menschen hatten sich in der Felswand zahlreiche Höhlen zu winzigen Wohnungen ausgebaut.
Sangha
Sangha besteht aus zwei Vierteln, Ober- und Unter-Ogol genannt. Die Wohnviertel stehen auf felsigem Grund, zu jedem Gehöft gehören Hirsespeicher mit viereckigem Grundriss. Das charakteristische spitze, pyramidenartig zulaufende Strohdach der Dogon-Speicher fehlt in Sangha weitgehend. Die Wohnhäuser besitzen ausschließlich flache Terrassendächer, die man über eine Stiege erreicht, die aus einem mit Kerben versehenen Baumstamm besteht. Auf den Terrassendächern werden auch die Feldfrüchte zum Trocknen ausgebreitet.
Unangenehm in Erinnerung geblieben sind mir die Kinder von Sangha. Sie sind aufdringlich, umringen die Reisenden, johlen und kreischen und verlangen fordernd Geld von jedem, der sie fotografiert oder auch nur in ihre Richtung durch das Objektiv schaut. Ein älterer Tourist aus einer anderen Gruppe läuft ziellos umher, versucht, die Quälgeister abzuschütteln, die an seinen Kleidern zerren und zupfen. Gehetzt flieht er zurück in die relative Sicherheit des Campements, denn ohne Bonbons und Kugelschreiber zu verteilen, gelingt es ihm nicht, auch nur einen Schritt alleine zu machen. So hatte er sich das Abenteuer vermutlich nicht vorgestellt! Eine Erfahrung, aus unmittelbarem Erleben gewonnen? Wohl kaum, denn Abenteuer sind eine höchst subjektive Angelegenheit und von der eigenen Einstellung, dem eigenen Verhalten abhängig.
Aufdringliche Händler und laute Kinder in Sangha bleiben die einzige negative Erfahrung während der gesamten Mali-Expedition. Da die Kinder vor unseren geöffneten Zimmerfenstern im einfachen Campement fliehen, sobald sie uns erblicken, entschließen wir uns, Türen und Fenster vorsorglich abzuschließen. Wir meinen, dass möglicherweise schlechtes Gewissen und böse Absicht die Kinder zu dieser ungewöhnlichen Verhaltensweise veranlassen. Es ist eine kleine Vorahnung dessen, was das Land an negativen Folgen erwartet, die ein Massentourismus mit sich bringt. Möglicherweise ist unsere Vorsicht unbegründet, gestohlen wird jedenfalls nichts. Dafür verliert einer unserer Gefährten prompt seinen Schlüssel. Große Suchaktionen führen zu nichts. So wird die Holztür aufgebrochen. Das Zimmer ist nun die ganze Nacht über offen zugänglich.
Maskentanz
Eine für unsere kleine Gruppe organisierte Maskentanzveranstaltung hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl. Mich stört, dass tiefverwurzelte Traditionen mit religiösem Hintergrund und sozialem Sinngehalt durch den Tourismus derart vermerktet werden. Doch Aufnahmen von den Maskentänzen mache ich dennoch. Zwänge? Der Tag endet voller widersprüchlicher Eindrücke.
Am nächsten Morgen treffen wir auf unsere Lastenträger, mit deren Hilfe wir in das Innere des Bandiagara-Gebirges, dem Lebensraum der Dogon, vordringen wollen. Die meisten von uns sind ausgerüstet, wie man für einen Ausflug in Mitteleuropa ausgerüstet ist: mit Sonnenbrille und Feuerzeug sowie Zigaretten oder auch einer Dose Süßigkeiten. Mancher hat natürlich auch noch eine Kamera über der Schulter, zur fotografischen Dokumentation. Einer fällt aus dem Rahmen. »Was um Himmels willen schleppst du denn herum?« fragen wir ihn, mit seinem Rucksack auf dem Rücken. Etwas zum Knabbern und eine große Wasserflasche hat er eingepackt. Und ein Schweizer Armeemesser sowie Verbandszeug. Für ein Tages-Trekking? Nein, nein, wir wollen doch nicht für immer hier bleiben, wehren die anderen ab.
Abstieg in die Ebene
Von Sangha geht es über eine fast völlig vegetationslose Plateauebene und durch sandgefüllte Felsrinnen nach Bongo. Hier, oberhalb des Felsabsturzes, bietet sich ein grandioser Blick auf die steil abfallenden Felshänge und die sich weit erstreckende Sandebene des Gondo. Hinter dem Dorf beginnt der Abstieg vom Plateau in eine tief eingeschnittene Schlucht.
Trotz des recht gut ausgebauten Trails ist der Abstieg in die Schlucht nicht einfach, und Muskelkater am nächsten Tag ist garantiert. Zudem behindert mich mein großer Fotokoffer ganz gewaltig bei dieser Kletterei; ich werde mir morgen etwas einfallen lassen müssen, dieses Problem zu lösen.
Durch schluchtartige Felseinschnitte geht es an Felsenhöhlen vorbei, in denen die Dogon ihre Toten bestatten. In die zahllosen Spalten und Klüfte sind winzige Lehmbauten mit Fensterhöhlen eingemauert. Seit vielen Generationen ziehen die Dogon ihre Toten mit Hilfe von Seilen von den aus der Felswand heraushängenden Holzpfählen empor in die Lehmzellen.
Einer holländischen Forschergruppe gelang es Mitte der 70er Jahre nachzuweisen, dass die Felskavernen der Falaise schon 500 Jahre vor Christi besiedelt waren. Die Tellem, ein Volk, das vor den Dogon die Gebiete um die Bandiagara-Berge besiedelte, schufen die Grundlage für diese einzigartige Kunst. Die Dogon übernahmen später die Stilistik und Symbolik ihrer Kunstwerke und Bauten. Wie in einer Urlandschaft bieten sich riesige Steinblöcke und Felsplatten dem Besucher dar, der über in den Stein gehauene Stufen in den unteren Bereich der Falaise steigt, wo die Viertel des Dorfes Banani wie kleine Festungen auf Terrassen und an den Geröllhängen kleben.
Ireli
Vom etwa 150 Meter steil nach Süden abfallenden Bandiagara-Plateau hat man einen herrlichen Blick auf das Dogon-Dorf Ireli. In mehreren Etagen ziehen sich die Viertel des Dorfes über die Felsen bis an den Fuß des Gebirges. Gedrungene, viereckige Speicher mit Flachdächern reihen sich im oberen Teil von Ireli aneinander. Sie tragen eigenartige Zierfriese aus kleinen Dreiecken. Im Gegensatz zu Banani, wo sich zweistöckige Gehöfte finden, besitzt Ireli meist nur einstöckige Häuser.
Von einigen Felsvorsprüngen kann man deutlich den Grundriss der Bauten ausmachen: Ein Haus teilt sich in Ställe, Getreidespeicher und Wohneinheit, in eine Vorhalle und einen Hof.
Toguna
Der Bauweise der Dogon liegt der Schöpfungsmythos zugrunde, demzufolge das Universum aus 14 Sphären besteht. Eine davon ist die Erde, umgeben von riesigen Wassermengen und umsäumt von einer sich in den Schwanz beißenden Schlange. Das wichtigste Gebäude in einem Dogon-Dorf ist die »Toguna«. Sie ist in den meisten Fällen rechteckig gebaut. Ihre Seiten sind nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Acht Hauptstützpfeiler verkörpern die Urahnen, vier männliche und vier weibliche. Unter dein Dach finden die Sitzungen der Dorfältesten statt, die der »Hogon«, der Dorfälteste, leitet. Bei der Haupt-Toguna wurde stets darauf geachtet, dass die Gabelhölzer von Nordwest nach Süden in spiralförmiger Anordnung aufgestellt wurden - Hinweis auf die Schlange, die im Schöpfungsmythos die Erde umschließt.
Auf einem kubischen Lehmsockel ist der Toguna errichtet. An den vier Seiten des Sockels finden sich Lehmreliefs, die mythische Wesen darstellen. Das mächtige Strohdach ruht auf massiven Lehmsäulen. Über den obersten Häusern der zylindrischen Wohntürme erhebt sich fast senkrecht die Falaise mit zahlreichen dunklen Fensterhöhlen.
Trekking nach Banani
Bereits nach zweistündigem Trekking und anschließender Kraxelei einen Felsspalt hinab auf den ersten Felsvorsprung wird erst einmal eine ausgiebige Pause gemacht. Ein kalter Drink könnte jetzt nicht schaden. Selbst wenn es nur kaltes Wasser wäre. Unser Freund ist fein raus mit seinem Rucksack, kann er sich doch jetzt laben. Und auch noch eine Hartwurst hat er darin verstaut.
In der glühenden Mittagssonne müssen wir wiederholt unter den wenigen Bäumen Schutz suchen. Wir verspüren brennenden Durst, unsere Wasserreserven sind schneller als gedacht zu Ende. Wir beginnen zu ahnen, welche Entbehrungen uns erwarten, wie kostbar uns lauwarmes Wasser erscheinen wird. Unter weit ausladenden Affenbrotbäumen machen wir Rast in Banani. Unsere Träger haben bereits Hühner geschlachtet und ein köstliches Mahl vorbereitet. Gierig schlürfen wir den heißen Tee und ruhen ein wenig aus, bis die Sonne weitergewandert ist.
Im Dorf Banani wiederholt sich die Symbolik der Dogon-Architektur. Die Hauptelemente eines Kornspeichers sind Symbole der acht wichtigsten Organe der Lebenskraft »nomos«, einem der vom Schöpfergott »amma« geschaffenen Genien. Sie lassen sich mit den Organen der Menschen vergleichen. Vieles ist noch unerforscht, mancherlei unter den Forschern umstritten. Zumeist werden die vier Streben als Arme Und Beine einer auf dem Rücken liegenden Frau gedeutet. Das Dach, das sie tragen, soll den Himmel verkörpern.
Die zweistöckigen Gehöfte von Banani weisen einen kreuzförmigen Grundriss auf An der Südseite findet sich jeweils ein runder, hoher Turm mit flachem Dach. Dies ist die Küche, die bis auf eine Öffnung im oberen Teil, der als Rauchabzug dient, keine Fenster besitzt. Auf das Dach gelangt man über eine hölzerne Tritt»leiter«.
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