Reisebericht

Reisebericht: Mit dem Zug durch die Pampa

 
 
 
 
 

Diesen Bericht begleiten keine Fotos.
Es ist schon so lange her ( Mitte der 70er Jahre), dass ich die chaotischste Zugfahrt meines Lebens absolviert habe. Damals hatte ich bestimmt nicht den Nerv, unter den gegebenen Umständen auch noch zu fotografieren.
So hoffe ich, dass sich beim geneigten Leser die Bilder im Kopf einstellen.
Ich wünsche viel Spaß!





Mit dem Zug durch die Pampa

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Urlaubszeit! Die Sommerferien waren sehr lang - vom 15. Dezember bis 15. März.
Bei einer so langen Ferienzeit war für den Rest des Jahres nicht mehr viel drin. Im Juli gab es 14 Tage Winterurlaub, im September noch etwa 10 Tage um den Nationalfeiertag am 18.9. herum, das war´s.

In einem Juli flog ich nach Deutschland, um nach Mutter und Schwiegervater und vermietetem Eigenheim zu sehen, und um natürlich wieder Dinge auf Vorrat zu kaufen, die es in Chile nun mal nicht gab. Leider war auch ziemlich Schwergewichtiges dabei. Um nicht für allzuviel Übergepäck zahlen zu müssen ( Handgepäck wurde n i c h t gewogen), passierte ich anmutigen Schrittes den Zoll, mit allerdings zwei Stoßdämpfern in der Handtasche...

Dann ging es wieder zurück, aber nur bis Buenos Aires. Dort traf ich mich mit meinem Mann, der mit dem Auto von La Unión nach Bariloche gefahren und von dort aus in die argentinische Hauptstadt geflogen war. Von Bueno Aires aus ging es per Flugzeug ganz in den Norden, ins Länderdreieck Argentinien/ Paraguay/ Brasilien, zu den Wasserfällen von Iguazú.
Dort blieben wir einige Tage, es folgte der Rückflug nach Buenos Aires, um dort mein im Hotel deponiertes Gepäck aus Europa abzuholen und am nächsten Tag nach Bariloche weiterzufliegen (Entfernung ca. 3000 km). Von Bariloche aus sollte es dann mit dem Auto über die Kordillere nach Hause gehen, die Schulferien neigten sich schließlich dem Ende zu.
Prima Plan, nicht wahr?
Er ging leider schief.
Als wir von Iguazú zurückkamen war die große Nachricht in Buenos Aires: die Piloten von Aerolineas Argentinas streikten. Ach du große ...
Kaum hatten wir die Neuigkeiten vernommen, rasten wir zu der Station der Überlandbusse, nach dem Flugzeug das zweitüblichste und bequemste Verkehrsmittel. Zu spät. Es war schon alles ausgebucht.
Damit blieb nur noch der saure Apfel namens "Eisenbahn" übrig. Wir bekamen noch Karten für den Abendzug.
Es war saukalt in Buenos Aires. Der Wind kam von der pampa und brachte unsere Zähne zum Klappern. Es muss wohl eine Vorahnung gewesen sein, die uns dazu bewegte, am Nachmittag noch für jeden von uns einen mit Schaffell gefütterten Wildledermantel zu kaufen.

Wir waren zeitig am Bahnhof, und das war gut so. Nicht, dass der Zug etwa pünktlich abgefahren wäre, nein, natürlich nicht, aber so fanden wir noch Sitzplätze. Als der Zug endlich abfuhr, war der Waggon zu etwa 200 % belegt..
Die Leute saßen auf den Rück- und Armlehnen oder auf dem Boden. Der Zug glitt durch die Vororte der riesigen Stadt ( 12 Millionen Einwohner). Der Schaffner erschien und erklärte in entschiedenem Ton, dass alle Leute ohne Sitzplatz sofort diesen Waggon zu räumen hätten. Donnerndes Gelächter war die Antwort. Nun, er hatte seiner Pflicht genügt und begann, die Karten zu kontrollieren. Ich fragte ihn, welche Städte wir passieren würden. Äh, das wusste er nicht so recht.
Wie lange die Fahrt dauern würde? Hilfloser Blick. Mit dieser präzisen Auskunft musste ich mich zufrieden geben.
Die Fahrgäste fingen an, sich häuslich einzurichten. Meine nur durch den Gang von mir getrennte Sitznachbarin begann, aus einem großen Korb Verpflegung herauszuholen und großzügig zu verteilen. So kauten wir bald gebratene Hähnchenschenkel - nur, wohin mit dem Abfall? Ganz einfach: fallenlassen.
Schon bald türmte sich auf dem Boden das, was die Archäologen bei einer prähistorischen Ausgrabungsstätte "Kulturschutt" nennen würden: abgenagte Hühnerbeine, Papierservietten, hart gewordenes Brot, Pappbecher etc. Der Mate-Becher kreiste. Jeder bekam ein Schlückchen ab. Da mussten dann häufig die Teeblätter erneuert werden. Wohin mit den alten? Ein Besuch auf der Toilette bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen: der Inhalt der Becher wurde in die Waschbecken gekippt, die sofort verstopften. Das Klo war es bereits.

Auf dem Rückweg in meinen Waggon ging ich in den Speisewagen und kaufte jede Menge Schokolade, nur um einem etwaigen Aufenthalt auf der Toilette vorzubeugen.

Inzwischen hatte der Zug die Stadt gänzlich verlassen und die offene Pampa erreicht. Ich fing an zu frieren. Nanu? Ich bestellte Kaffee. Der kam auch - man musste ihn nur ganz schnell trinken, weil sich sofort auf seiner Oberfläche eine Staubschicht bildete. Die Fenster waren undicht, draußen tobte ein Sturm und -oh, nein- die Heizung fiel aus.
Die Nacht brach herein. Die Abfallschicht auf dem Boden wuchs minütlich. In der Sitzreihe hinter uns benutzte jemand eifrig seinen Kassettenrecorder. Er besaß allerdings nur eine Kassette. Ich liebe die Beatles wirklich sehr, aber wenn man über Stunden nichts anderes hört...
Vor uns hatte sich eine Gitarrengruppe zusammengefunden, die fröhlich sang und spielte. Ich sang mit.
Dazwischen immer wieder der Schaffner, der natürlich vergebens darauf pochte, dass die überzähligen Passagiere zu verschwinden hätte.
Ein wohlerzogener Einzelkämpfer verfasste eine Resolution - einen Protest gegen den Ausfall der Heizung. Er stand auf und las uns sein Schreiben vor, was bei dem ganzen Getöse - ich habe vergessen, die animierte Unterhaltung der Reisenden zu erwähnen - praktisch nicht zu verstehen war, und kein Mensch hörte zu. Nichtsdestotrotz verbeugte er sich und dankte für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit.

In der Nacht wurde es unglaublich kalt und ich war froh, dass ich mich unter meinen neu erstandenen Mantel kuscheln konnte. Es gab zwar einen Schlafwagen, aber für den waren die Karten sofort weg gewesen.
Der frühe Morgen fand uns halberfroren, hungrig und dreckig auf unseren Sitzen zusammengekauert. Der starke Wind der Pampa hatte den Staub über uns alle verteilt.
Der ganze Tag verlief so, wie bereits geschildert, nur dass wir inzwischen eine einzige große Familie waren, allerdings eine sehr große und sehr laute Familie. Das Ziel schien nicht näher zu kommen.

Die zweite Nacht brach herein. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hatte, aber jedenfalls ergatterte mein Mann einen Platz für die Nacht im Schlafwagen für mich. So konnte ich mich wenigstens etwas ausstrecken. An Schlaf war nicht zu denken, an Waschen auch nicht; beim Gedanken daran, dass meine Verdauung funktionieren könnte, befiel mich das blanke Entsetzen.

Es war um die Mittagszeit dieses Tages, als wir Bariloche erreichten.
Wir waren etwa 42 Stunden unterwegs gewesen. Die Kälte hatte sich in die Knochen gefressen, ich war hungrig und stank vermutlich wie ein Biber. Mein Gott, war ich froh, diesen Zug verlassen zu können! Deshalb wunderte ich mich sehr, dass unsere amigos von der Gitarregruppe keine Anstalten machten, ihre Sachen zusammenzupacken.
Auf meine diesbezügliche Frage bekam ich die fröhliche Antwort:
" Oh no, wir fahren gleich wieder zurück, wir sind nur de puras ganas nach Bariloche gefahren, nur aus Spaß..."

© Aries



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Kommentare
  • traveltime 17.02.2010 | 16:17 Uhr

    Hi Hedi,
    solche Berichte sind das Salz in der Suppe hier. Das keine Fotos dabei sind habe ich beim lesen nicht vermisst.
    Zugfahren in Südamerika habe ich zum Glück anders kennen gelernt.
    Von Cusco zum Titicacasee über die Hochebene bei bestem Wetter und guter Verpflegung.
    LG Rolf

  • Aries 17.02.2010 | 18:14 Uhr

    Huhu, Rolf,
    wie schön, dass du deinen Spaß gehabt hast!
    Ich habe seinerzeit auch andere Zugfahrten gemacht - von Cuzco durchs Urubamba-Tal nach Machu Picchu, oder von Arica (nördlichste Stadt Chiles) mit der Zahnradbahn den Altiplano nach La Paz, was auch schon abenteuerlich genug war, aber diese Fahrt durch die winterlichePampa werde ich nie vergessen...
    Vergnügte Grüße sendet dir
    Hedi

  • traveltime 17.02.2010 | 19:25 Uhr

    Von Cuzco durchs Urubamba-Tal nach Machu Picchu, ich habe im mittleren Wagon gesessen gleich hinter dem Speisewagen, und Du? :-))
    LG Rolf

  • Aries 17.02.2010 | 22:15 Uhr

    Das weiß ich nicht mehr... aber ich erinnere mich an den jungen Amerikaner, der auf der Fahrt mit dem Kleinbus die Serpentinen hoch neben mir saß: leichenblass und sich ununterbrochen bekreuzigend...
    Ach, ja!
    LG Hedi

  • mamatembo 28.02.2010 | 06:35 Uhr

    1979 unterwegs im "normalo" (nicht im Touristenzug!) von Cuzco durchs Urubamba-Tal nach Machu Picchu ... das war total interessant, aber Null im Vergleich zu Deinen hier geschilderten Erlebnissen, liebe Hedi!
    Volle Punktzahl für diesen wunderbaren, lebhaften Bericht. Der so gut ist, dass er die Bilder nicht vermissen lässt.
    De puras ganas nur eine Frage: stinken Biber wirklich? Die sind doch viel im Wasser ...
    :-)))
    LG Beate

  • Aries 28.02.2010 | 10:58 Uhr

    Meine Liebe,
    ich bin sicher, dass diese Spezies diesen unschönen Beinamen erst dadurch bekommen hat, weil sich ein Exemplar mit an Bord des Zuges geschlichen hatte und dann erst anschließend Leuten unter die Nase gekommen war ,die solche Begriffe erfinden... :-)))

    Dank dir für deine freundliche Rückmeldung - aber immer daran denken: sowas animiert mich bloß zum Weitermachen! Und ich habe noch mehr als reichliche Reise-Erinnerungen!!
    Es grüßt "gut zufrieden", wie man hier sagt
    Hedi

  • mamaildi 02.03.2010 | 15:42 Uhr

    Nein, Bilder habe ich nicht vermisst, so plastisch schilderst du deine Erlebnisse und Empfindungen. Das hat wirklich Spaß gemacht, diese Zugfahrt auf dem Schreibtischstuhl mit einer funktionierenden Toilette im Rücken mitzuerleben ...

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  • Aries 02.03.2010 | 16:34 Uhr

    Meine Liebe,
    in so mancher Lebenssituation sind funktionierende Toiletten ein Segen - Duschen auch, und mit dieser eleganten Überleitung möchte ich dich auf meinen ebenfalls fotolosen Bericht über "Ecuador - Blasrohre und alternatives Duschen" aufmerksam machen (Oh ,Vanitas! Oh, Eitelkeit!!)...
    Ich danke dir sehr für Bewertung und Kommentar und freue mich, dir ein paar vergnügte Minuten bereitet zu haben!
    Dankeschön sagt
    Hedi

  • desertflower 15.03.2010 | 20:31 Uhr

    Es ist alles schon gesagt, aber hier noch mal zur Bekräftigung: Ein herrlicher Bericht!!
    Ich werde gleich den Ecuadorbericht lesen!
    Ich bin gespannt, welche Reiseerfahrungen wir machen werden, wenn wir im Sommer unsere Tochter in Kolumbien besuchen.
    Ich wünsche Dir weiterhin viele abenteuerliche Reisen und uns Lesern Deine humorvollen Berichte"
    Lg, Resi

  • brandriba 23.03.2010 | 14:34 Uhr

    @Beate Jedenfalls die Biber die wir in Kanada gleich neben unserem Wildcamp hatten, hätten eine Dosis Chanel No.5 vertragen können....
    @Hedi Zu dieser Zeit war der Zug in den fernen Ländern noch ein echtes Abenteuer, hat uns aber den Zugang zu Mann/Frau von der Strasse ermöglicht. In Nordafrika waren die sehr trockenen Plätzchen zum Tee durchschlagend, hatte nachher das Gefühl erster Klasse unterwegs zu sein.... LG DAni

  • brandriba 23.03.2010 | 14:36 Uhr

    Oh, sollte zwar ARBEITEN komme aber von Deinen Schilderungen nicht los!! Natürlich Top Five!!

  • Aries 23.03.2010 | 23:00 Uhr

    Eine Zugreise war immer eine "am Busen des Volkes". Deshalb sind sie auch so unvergeßlich! Wenn ich noch an den chilenischen "Rápido" (Spitzengeschwindigkeit: 80 kmh) denke, der seinerzeit Santiago mit dem Süden verband... Da war der "Relámpago" (Blitz), der nach Concepción fuhr, mit seinen 100 kmh doch schon ganz was anderes!!!

  • ruma94 01.04.2010 | 22:05 Uhr

    Wow, dagegen war ja meine winterliche DB-Fahrt mit Hindernissen der absolute Luxustrip!!!! Schon immer wieder erstaunlich, was man alles überlebt, nur damit man nachher was zu erzählen hat! ;-)) Köstlich amüsiert hat sich im Nachhinein - Ruth

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  • shootingstar 11.04.2010 | 11:47 Uhr

    toller Bericht, sehr unterhaltsam ; )
    Deine Erlebnisse aus den 70er Jahren entsprechen noch sehr dem, was ich gerade auf 7000 Bahnkilometern durch Indien "erfahren" habe. Der einzig wirkliche Unterschied war, dass wir nicht frieren mußten sondern schwitzen, bei bis zu 42°C.
    lG Claudia

  • astrid 22.05.2011 | 20:03 Uhr

    Ein wunderschöner Bericht, danke für den Hinweis!! Ich bin die Strecke auch schon gefahren, aber freiwillig und superbequem im Schalfsessel von Andesmar. Mehr hab' ich dazu nicht zu berichten; ich könnte vielleicht noch das Essen und die Filme erwähnen, die an Bord gezeigt wurden, aber das ist doch langweilig. Dein Bericht dagegen ist noch ein richtiges kleines Abenteuer und herrlich kurzweilig zu lesen.
    LG Astrid

  • wildwind 17.09.2011 | 06:09 Uhr

    Du bist ja eine echte Entdeckung! Du kannst das alles so farbenfroh schildern. Es ist schon sehr lange nach Mitternacht und ich bin totmüde, werde mir aber noch ein paar Deiner Berichte reinziehen. Bin total begeistert!!!!
    Ganz liebe Grüße!
    Wildwind (den Namen hab ich mir ausgesucht, weil ich doch unter den "Brüllenden Vierzigern" lebe, in Patagonien eben.)

  • Blula 10.03.2012 | 17:32 Uhr

    Liebe Hedi!
    Ich habe diesen vergnüglichen Bericht über Deine so strapaziöse Bahnreise durch die Pampa leider erst heute aufgestöbert. So anschaulich, so lebendig wie Du sie hier schilderst, braucht man wahrhaftig keine Fotografien dazu. Ich, verzeih mir bitte, habe diese Reise genossen. *****!!!!!
    LG Ursula

  • Aries 10.03.2012 | 20:56 Uhr

    Ihr Lieben,
    es freut mich, dass ihr die Fahrt habt genießen können.
    Wenn ich sie problemlos hinter mich gebracht hätte, hätte ich sie seinerzeit wahrscheinlich auch genossen, nur wäre sie längst vergessen gewesen.
    So konnte ich einen Bericht schreiben, der für mich inzwischen längst schmerzlos die Tücken und die komischen Aspekte schildert. Wie sagte schon Wilhelm Busch? "Gehabte Schmerzen, die hab ich gern..." oder so ähnlich. :-))
    Vielen Dank dafür, dass ihr euren Spaß an dieser Fahrt zum Ausdruck gebracht habt, bzw. an ähnliche Erlebnisse erinnert wurde.
    LG Hedi

  • Jabba 27.03.2012 | 13:55 Uhr

    herzallerliebst :-))))

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  • Aries 27.03.2012 | 14:08 Uhr

    Liebe Kathrin,
    hättest du seinerzeit diese Zugfahrt mitgemacht, dann wären dir dazu eine Menge Adjektive eingefallen, unter denen "herzallerliebst" ziemlich weit hinten rangiert hätte!!
    :-)) Hedi

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