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Vegane Ernährung "Es ist unmoralisch, Haustiere zu halten"

Die Juraprofessoren Gary Francione und Anna Charlton sind unerbittlich in ihren Ansichten: Sie vergleichen Haushunde mit Sklaven – und fordern radikalen Schutz für alle Tiere. Ein kämpferisches Interview
Gary Francione, Anna Charlton

Gary L. Francione, 63, und seine Frau Anna E. Charlton, 60, Juraprofessoren an der Rutgers University in Newark, sind die Gründer der Abolitionismus-Bewegung für Tiere. Sie wollen jegliche Tierhaltung abschaffen und verlangen von jedem Menschen, vegan zu leben

Interview: Michaela Haas

GEO: Sie haben sechs Hunde, aber Sie argumentieren, Menschen sollten keine Hunde halten. Wie passt das zusammen?

Gary L. Francione (zieht einen Mischling auf seinen Schoß): Das ist Duncan. Jemand hat ihm den Kiefer gebrochen, sein Maul zugeklebt und ihn langsam verhungern lassen. Als er gefunden wurde, war er fast tot. Alle unsere Hunde stammen aus dem Tierheim.

Anna E. Charlton: Wir sind Experten darin geworden, misshandelte Hunde aufzupäppeln.

GF: Wir mögen Hunde gern, aber wir sind gegen Hundehaltung, weil es falsch ist, Tiere zu domestizieren. Allerdings gibt es nun einmal Milliarden von ihnen, und Millionen von ihnen werden jedes Jahr umgebracht. Also ist es auch unsere moralische Pflicht, uns um sie zu kümmern.

Selbst wenn ich meine Hunde gut behandle, halten Sie Hundehaltung für unmoralisch?

AC: Wenn sie aus einem Tierheim gerettet wurden, ist es, wie Flüchtlinge aufzunehmen. Aber es gibt keinen Grund, Hunde zu unserer Unterhaltung oder als Gefährten zu züchten. Jedes Jahr werden allein in Amerika Millionen Hunde und Katzen umgebracht.

Aber Sie wenden sich ja nicht nur gegen diese Grausamkeit, sondern sprechen Menschen grundsätzlich das Recht ab, ein Tier zu halten.

GF: Weil Tiere kein Eigentum sein sollten; niemand sollte sie besitzen. Vor dem Gesetz gelten sie als „Sache“. Wenn uns die Hunde zu viel werden, kann mich niemand daran hindern, sie einschläfern zu lassen. Weil sie mein Eigentum sind, könnte ich ihnen null Wert zusprechen und sie töten, wenn es mir passt.

Anna Charlton

"Wir sind Experten darin, misshandelte Hunde aufzupäppeln", sagt Anna Charlton. Aber sie lehnt es ab, "Hunde als Gefährten zu züchten"

In Deutschland ist es illegal, einen gesunden Hund zu töten.

GF: In Deutschland könnte ich ihn in ein Tierheim bringen. Aber die Leute werden das moralische Problem mit der Haustierhaltung nie verstehen, solange sie Tiere essen und damit an der Ausbeutung von Tieren teilhaben.

Sie leben vegan. Erinnern Sie sich daran, wann Sie zuletzt ein Steak oder Käse gegessen haben?

GF: Ich liebte Eiscreme, und vermutlich war es das letzte Milchprodukt, das ich 1982 gegessen habe. Damals dachte ich nicht, dass ein veganer Lebensstil gesund sei. Ich habe mich dazu entschlossen, weil ich es für moralisch richtig hielt, und die Gesundheit meiner Seele war mir wichtiger als die meines Körpers. Wir leben nun seit 35 Jahren vegan, und ich habe die Energie eines 25-Jährigen. Aber ständig höre ich: Woher bekommst du denn dein Protein? Fühlst du dich nicht schwach?

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Das ganze Interview mit Gary Francione und Anna Charlton lesen Sie in GEO 10/2017. Darin erklären die Juraprofessoren, warum sie selbst Tierschutzorganisationen erbittert bekämpfen und sie nicht einmal den Einsatz von Blindenhunden für legitim halten.

Sie vergleichen jeden, der nicht vegan lebt, mit dem US-amerikanischen Football-Star Michael Vick; er ergötzte sich daran, Hunde aufeinanderzuhetzen und umzubringen. Ist ein Mensch, der Käse isst, moralisch vergleichbar mit einem Mann, der Hunde quält?

GF: Es gibt psychologische Unterschiede, aber keine moralischen. Die meisten Menschen verurteilen Michael Vick, weil er den Hunden Schmerzen zufügte, bis zum Tod. Seine einzige Rechtfertigung dafür war, dass er den Kampf als Unterhaltung genoss. Die meisten von uns glauben, dass es verwerflich ist, einem Tier Schmerzen zuzufügen, wenn es dafür keinen vernünftigen Grund gibt, und Vergnügen, Unterhaltung oder Bequemlichkeit sind keine vernünftigen Gründe. Schätzungen zufolge töten wir rund 60 Milliarden Tiere im Jahr für den Verzehr, dazu noch einmal mehr als eine Billion Fische und andere Wassertiere. Das heißt: Für unseren Genuss fügen wir Tieren Leid zu und bringen sie um.

Hund

Tiere, sagt Gary Francione, hätten nicht denselben moralischen Wert wie Menschen – "aber sie haben das Recht, kein Eigentum zu sein"

Warum reicht es nicht, Vegetarier zu sein?

GF: Um Milch zu bekommen, muss man einer Kuh das Kalb wegnehmen. Das ist für beide traumatisch. Die Kuh steckt in einem Teufelskreislauf der Ausbeutung, wird ständig gemolken, und nach fünf oder sechs Jahren landet sie im Schlachthaus. Normalerweise könnte sie etwa 30 Jahre alt werden. Die Legehennen-Industrie ist schrecklich, gleichgültig ob es eine konventionelle oder eine käfigfreie Haltung ist. Dieses System ist Folter.

Sie würden auch keine Eier essen, die frei laufende Hühner auf dem Familienhof gelegt haben?

GF: Nein. Tiere und ihre Nachkommen sind nicht zum Essen da. Hühner mögen es nicht, wenn man ihnen die Eier wegnimmt. Und sie werden gezüchtet, um wesentlich mehr Eier zu legen, als sie es natürlicherweise täten. Aber die meisten Eier werden ohnehin nicht auf idyllischen Höfen produziert, sondern in schrecklichen Legebatterien. Ich verstehe nicht, wie sich Leute Tierfreunde nennen, aber dann essen sie Eier, Bio-Schinken oder trinken „Ahimsa“-Milch, also „gewaltfreie“ Milch. Das ist kompletter Unsinn!