Hauptinhalt
GEO Magazin Nr. 03/08 Seite 1 von 3


Der gefahrvolle Trek der Monarchfalter

Ein kurzer Zwischenstopp zum Auftanken, dann geht ihr Transkontinentalflug durch Nordamerika weiter: In nur zwei Monaten legen Millionen Monarchschmetterlinge 4000 Kilometer Luftweg zurück, um schließlich zielgenau in mexikanischen Hochlandwäldern zu landen. Warum ausgerechnet dort? Eines von vielen Rätseln um die fragilen Überflieger. Mit Video

Text von Claus-Peter Lieckfeld

Wandernde Tiere sind uns nicht unbekannt. Wir wissen von Zugvögeln, die im Extremfall von der Arktis in die Antarktis fliegen. Wir lesen von Fledermäusen, die Hunderte von Kilometern ins Winterquartier ziehen, und von Walen, die von Ozean zu Ozean tauchen. Aber dass Schmetterlinge, filigrane Flugobjekte mit Miniaturmuskeln, ganz vorn unter den Marathon- Weltmeistern mitmischen, ist wohl doch noch immer eine Überraschung.



In den mexikanischen Hochlandwäldern spürte Ingo Arndt Heerscharen von Monarchfaltern auf. Sehen Sie im Video die prachtvollen Insekten, Eindrücke von der Landschaft - und von der Arbeit des Fotografen (Foto von: Silke Arndt)
© Silke Arndt
In den mexikanischen Hochlandwäldern spürte Ingo Arndt Heerscharen von Monarchfaltern auf. Sehen Sie im Video die prachtvollen Insekten, Eindrücke von der Landschaft - und von der Arbeit des Fotografen

Den Superlativ der Superlative schafft eine orange-schwarze Schönheit: Der Zug des nordamerikanischen Monarchfalters überspannt bis zu 4000 Kilometer Nord- und Mittelamerikas. Ein einzelner Falter, der sich irgendwo vom Ufer der Großen Seen Mitte September zum Transkontinentalflug aufschwingt, durchmisst - im Pulk oder als Einzelkämpfer - den ganzen Mittleren Westen und die staubtrockenen Südweststaaten der USA, um dann nach durchschnittlich 75 Kilometern pro Tag sein gebirgiges Winterquartier in Zentralmexiko zu erreichen. Mit einer Punktlandung in einem etwa 1000 Quadratkilometer kleinen Zielgebiet - das ist die Fläche der Insel Rügen.


Die Sonne leuchtet den Weg

Wie ist das möglich? Wie orientiert sich dieser Überflieger, den der US-Kongress sogar einmal als "National Insect of the USA" vorgeschlagen hat? Einer, der sich dem inneren Kompass von Danaus plexippus mit Akribie widmet, ist Orley Taylor vom Monarch-Forschungsprojekt der Universität Kansas. Die erste Arbeitshypothese des Professors lag nahe: Er hatte die Sonne als Richtungsgeber im Verdacht. Um dies zu prüfen, verfrachtete er Hunderte Monarchen auf Südkurs von Kansas, der geografischen Mitte der Vereinigten Staaten, nach Washington, D. C., an die Ostküste. Jene Exemplare, die er dort umgehend wieder freiließ, orientierten sich südwärts, gerade so, als hätte kein Ortswechsel stattgefunden: Sie flogen auf einem Kurs, der sie auf die Halbinsel Floridas geführt hätte und nicht nach Mexiko. Sobald Taylor seine Testflieger nach der Verschickung an die Atlantikküste ein paar Tage hinter Fliegengitter gefangen hielt - und zwar so, dass sie Sonnenaufgänge und -untergänge erleben konnten -, orientierten sie sich neu. Und zwar richtig! Sie wählten eine Route, die es ihnen erlaubte, wieder das ursprüngliche Ziel anzuvisieren. Die Sonne leuchtet ihnen offenbar den Weg.


Der Flatter-Trail der Monarchschmetterlinge führt von den Großen Seen im Norden der USA über den Mittleren Westen zum
Winterquartier in bis zu 3600 Meter Höhe  (Foto von: Ingo Arndt)
© Ingo Arndt
Foto vergrößern
Der Flatter-Trail der Monarchschmetterlinge führt von den Großen Seen im Norden der USA über den Mittleren Westen zum Winterquartier in bis zu 3600 Meter Höhe

Magnetfeld der Erde spielt eine Rolle bei der Navigation

Aber auf welche Weise? Zumindest verfügt Danaus plexippus über ein Protein, das Sonnenkompass und eine "innere Uhr" miteinander verbindet, so jüngste Erkenntnisse des Neurobiologen Steven Reppert von der Universität von Massachusetts. Damit könne der Falter einen gradlinigen Kurs halten, obwohl sich der Sonnenstand ändert. Doch wie wird daraus ein verlässlicher Wegweiser zu einem zuvor unbekannten Ziel? Auch war mit Taylors Sonnenlicht-Experiment keineswegs bewiesen, dass nicht noch etwas anderes, etwa das Magnetfeld der Erde, eine Rolle spielt, zumal die Tiere sogar bei bedecktem Himmel Kurs halten können. Und in der Tat enthüllten Orley Taylor und andere Forscher, dass auch die magnetischen Feldlinien eine zentrale Bedeutung haben. Dafür wurden herbstwandernde Monarchen unter dreierlei Bedingungen getestet: Sie waren normalen Gegebenheiten ausgesetzt, dann einem künstlich umgepolten Magnetfeld und schließlich totaler Abschottung von magnetischen Einflüssen.


Wanderer der Lüfte: Wie sprühende Funken zeichnen die Falter
flüchtige Spuren in den Himmel (Foto von: Ingo Arndt)
© Ingo Arndt
Foto vergrößern
Wanderer der Lüfte: Wie sprühende Funken zeichnen die Falter flüchtige Spuren in den Himmel

Bei fehlenden magnetischen Einflüssen zeigen sich die Monarchen desorientiert

Die Ergebnisse waren so, wie man sie sich klarer nicht hätte wünschen können: Bei natürlichen, unveränderten Bedingungen taten wandernde Monarchen das, was sie immer tun: Sie orientierten sich südwestwärts. Bei künstlicher Umpolung des Magnetfelds gingen sie exakt auf Gegenkurs: nordostwärts. Und bei experimentell abgeschotteten - also fehlenden - magnetischen Einflüssen zeigten sich die Monarchen gänzlich desorientiert. Die Resultate von Sonnenlicht- und Magnetismus-Test zusammen ergeben für den Monarchfalter so etwas wie ein Doppel-Leitsystem. Das ist wundersam, aber nicht unvorstellbar: Aus der Vogelzug-Forschung ist bekannt, dass Weitzieher sowohl das Magnetfeld als auch die Himmelskörper als Orientierungssysteme verwenden. Aber Vögel haben ein Gehirn, und sei es nur ein knapp haselnussgroßer Minicomputer. Schmetterlingen dagegen steht nur ein Quasi-Gehirn zur Verfügung, ein winziges Paar Nervenknoten. Und doch schaffen sie ein paar Dinge, die Superhirnträger nicht können.



Seite 1 von 3
Mehr zu den Themen: Schmetterlinge, Insekten, Mexiko

Kommentar verfassen

Ja, ich möchte eine Benachrichtigung per Mail erhalten, wenn es neue Kommentare zu diesem Artikel gibt.
* Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine gültige Mailadresse ein. Diese wird später nicht auf unseren Seiten zu sehen sein. Um Missbrauch zu vermeiden, senden wir Ihnen jedoch eine Mail mit einem Aktivierungslink - einfach anklicken und schon ist Ihr Beitrag online!

Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Momentan sind zu dem Artikel "Der gefahrvolle Trek der Monarchfalter" keine Kommentare vorhanden.

GEO im Abo

Daten werden gesendet ...


Bitte geben Sie Ihren Namen an!


Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!


Bitte geben Sie eine Empfänger-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!




* Pflichtfeld

» E-Mail versenden «
Hinweis: Ihre E-Mail-Adresse und die E-Mail-Adresse des Empfängers werden ausschließlich zu Übertragungszwecken verwendet und nicht gespeichert oder an Dritte weitergeben!