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GEO Magazin Nr. 08/11 Seite 1 von 3
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Gartenkunst: Natur an die Wand!

Wie holt man mehr Grün in die Zentren moderner Metropolen? Der französische Botaniker Patrick Blanc pflanzt es ganz einfach vertikal. Seine senkrechten Gärten bringen, weltweit, Großstadtpflanzen zum Staunen

Text von Paula Almqvist

Paris, Musée du quai Branly, linkes Seine-Ufer. Täglich stehen hier Menschen mit zurückgelegtem Kopf und starren eine Wand an. Von morgens bis abends klicken Auslöser, zoomen Videokameras. Viele waren noch nie in dem wunderbaren ethnologischen Museum, das der französische Architekt Jean Nouvel entworfen hat. Sie sind gekommen wegen der wuchernden Wand - zurzeit eine der meistfotografierten Fassaden von Paris.


Die 1200 Quadratmeter große Fassade des Ethnologischen Museums in Paris: Hier sprießen weit über 100 Arten und Sorten (Foto von: Stéphane Compoint)
© Stéphane Compoint
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Die 1200 Quadratmeter große Fassade des Ethnologischen Museums in Paris: Hier sprießen weit über 100 Arten und Sorten

Begrünte Mauern sind nichts Neues unter der Sonne. Efeu kann jeder. Aber hier wächst statt einer grünen Gardine eine blühende Landschaft. Mit Blatt-Kaskaden und moosigen Schluchten, farbigen Oasen und winzigen Dolden unter überhängenden Zweigen.

Erst auf den zweiten Blick sortiert das Auge den exotisch anmutenden Überschwang. Und entdeckt verblüfft viele Vorgarten-Bekannte: Farne und Funkien, Lerchensporn und Lobelien, Bubikopf und Bergenien. Nur hat man ihnen noch nie so Aug in Aug gegenübergestanden oder sogar zu ihnen aufschauen müssen, statt sie von oben herab zu betrachten.


Madrid, Paseo Prado 36. Das neue Museum Caixa Forum haben die Schweizer Architekten Herzog und de Meuron entworfen und sind dafür ebenfalls hoch gelobt worden. Doch viele Schaulustige wallfahren auch hier nicht zur modernen Kunst, sondern zum lebenden Kunstwerk: dem puscheligen 600-Quadratmeter-Pflanzenteppich, der eine sechsstöckige Brandmauer bedeckt; geknüpft aus Abertausenden von Sträuchlein und Stauden mit 300 verschiedenen Namen.

Wie kann man weltberühmten Architekten und Museen so triumphal die Schau stehlen? Man nehme einen Metallrahmen, eine PVC-Platte, zwei Lagen Polyamid-Filz und eine Handskizze voller labyrinthischer Formen und lateinischer Pflanzennamen. Den Rest besorgt ein Gärtnertrupp mit Setzlingen und Samen, Teppichmesser, Tacker und Klebstoff.

Damit das funktioniert, muss man allerdings Patrick Blanc heißen. Der 58-jährige Pariser Botaniker hat weltweit 160 solcher vertikalen Gärten geschaffen, fast alle in Großstädten. Inmitten von Abgasen, Beton und Menschenmassen. Aber auch in Konzerthallen, Hotels und Designer-Boutiquen.


Erde? Ein Mythos, der überschätzt wird

Hausbesuch. Es ist ein fröstelgrauer Pariser Herbsttag, und im Vorort Ivry-sur-Seine beschleicht einen der Verdacht, man habe sich in der Adresse geirrt. Ein ehemaliges Arbeiterviertel mit ruppigem Multikulti-Charme: Karaoke-Café, Spedition, arabischer Schnellimbiss. Zwischen zaghaft sanierten Häusern in der Rue de Châteaudun ein abgewirtschaftetes Gebäude mit vernagelten Fenstern.

Der Mann, der das Hoftor öffnet, trägt laubgrüne Haartolle, Hemd mit grünem Blattmuster, zentimeterlange Fingernägel - Dr. Patrick Blanc ist seine eigene Visitenkarte. Und sein Zuhause seine Versuchsanstalt. Denn hinter dem Hoftor liegt der Dschungel.

Ein Patio, dessen Mauer zum Nachbarhaus verschwunden ist unter den mächtigen Tellerblättern des Riesen-Elefantenohrs, den gezackten Blättern der Fatsia und den zierlich gesägten der Boehmeria. Hoch oben winken die graziösen Riemenblätter der Japanischen Iris, wollen Feigenbäume in den Himmel wachsen.

Die Sinfonie aus Grüntönen und Wuchsformen macht auf den ersten Blick andächtig stumm. Unwillkürlich sucht der Blick auf dem Boden nach dem Ursprung der meterdicken Pflanzenpolster. Vergebens. Nirgendwo ein Krümel Erde oder wenigstens ein Blumentopf. Dieser Urwald scheint zu schweben, nur von Licht, Luft und Wasser zu leben. Patrick Blanc, trotz Herbstkühle in Shorts und Flipflops, erklärt das Prinzip, das all seinen Grünen Wänden zugrunde liegt: "Erde ist ein überschätzter Mythos. Viele Pflanzen brauchen sie gar nicht. Sie wurzeln genauso gut in einem Polyamid-Filz, solange sie jeden Tag fünf Liter Wasser pro Quadratmeter bekommen."

Auf Wasser steht, geht und sitzt man in Blancs Hinterhaus. Vor zwei Jahren hat er zusammen mit seinem Freund den Gewerbehof gekauft, "und als Erstes haben wir den Boden einen halben Meter tief ausschachten lassen und in ein 20.000-Liter-Wasserbecken verwandelt; ich hatte schon immer von einem begehbaren Aquarium geträumt." Jetzt können rund 1000 Fische im temperierten Wasser zwischen Büro und Patio hin und her schwimmen. Außen ist das Mega-Aquarium teilweise mit Holz abgedeckt, innen mit Sicherheitsglas - so kann Blanc am Computer sitzend die flitzenden Schwärme der Fischlein in tollkühnen Farben unter seinen Füßen beobachten.

Hinter dem Schreibtisch wuchert der Innen-Dschungel. Komponiert aus tropischen Blattschönheiten, die zum Teil schon seit 30 Jahren ein üppiges Mauerblümchendasein im Hause Blanc führen. In diesem lebenden Gemälde - als wär’s ein naives Urwald-Bild von Henri Rousseau - schwirren und picken Dutzendschaften kleiner bunter Vögel. Die Prachtfinken und Brillenvögelchen, erklärt Blanc, sind leidenschaftliche Schädlingsfresser und ersetzen auf anmutige Weise das Insektenspray. Und das Aquarium liefert naturgedüngtes Wasser für die Ernährung seiner Pflanzen.



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