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Flächenverbrauch: Ortsmitte statt Neubaugebiet

Jeden Tag wird in Deutschland eine Fläche von mehr als 100 WM-Fußballfeldern verbaut - obwohl die Bevölkerungszahl stagniert. Über die Hintergründe sprachen wir mit Jonas Daldrup, NABU-Experte für Flächenverbrauch

Interview:

Jonas Daldrup ist NABU-Experte für Flächenverbrauch und Projektmitarbeiter der "Woche der Fläche" (Foto von: NABU)
© NABU
Jonas Daldrup ist NABU-Experte für Flächenverbrauch und Projektmitarbeiter der "Woche der Fläche"

GEO.de: Die Bevölkerungszahl in Deutschland stagniert. Trotzdem werden hierzulande jeden Tag 74 Hektar zerstört - eine Fläche von 104 Fußballfeldern nach Fifa-Norm ...
Jonas Daldrup: Das liegt zum einen daran, dass viele junge Familien immer noch ihr Häuschen im Neubaugebiet auf der "grünen Wiese" bauen. Zum anderen werden immer neue Gewerbegebiete in der freien Landschaft an Stadträndern angesiedelt. Und das, obwohl in Deutschland viele tausend Hektar Gewerbe- und Industriebrachen verfügbar sind.

Was gilt eigentlich als "verbrauchte" Fläche?
Gemeint sind damit Siedlungs- und Verkehrsflächen, die der freien Landschaft, der Natur außerhalb von Siedlungen und Städten entzogen werden. Also auch Bereiche, die nicht versiegelt werden: Gärten, Parkanlagen, Grünstreifen. Doch auch solche Flächen sind problematisch, denn bestimmte größere Tierarten, wie etwa die Wildkatze, der Rothirsch oder der Schwarzstorch sind auf große, unzerschnittene und vom Menschen ungestörte Lebensräume angewiesen.


Er müsste ab dem 20. Juni 2014 stillstehen, wollte Deutschland das 30-Hektar-Ziel einhalten (Foto von: Juan Carlos Martin (revirao)/Moment/Getty Images)
© Juan Carlos Martin (revirao)/Moment/Getty Images
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Er müsste ab dem 20. Juni 2014 stillstehen, wollte Deutschland das 30-Hektar-Ziel einhalten

Vom Häuschen im Grünen träumen viele. Wollen Sie den Menschen vorschreiben, wie sie zu leben haben?
Vorschreiben möchten und können wir nichts. Aber wir können die Folgen aufzeigen, die diese Art des Wohnens mit sich bringt. Und dann können die Menschen sich überlegen, ob sie das wirklich wollen. Gleichzeitig können wir die Alternativen zum flächenintensiven Wohnen aufzeigen. Nahe der Ortsmitte zu wohnen, in schon bestehenden Wohnungen und Häusern, hat mehrere Vorteile: Die Wege zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen sind kürzer, man spart Zeit, vermeidet Schadstoff-Emissionen und Lärm. Außerdem wird so der Ortskern belebt, und wertvolle Erholungsräume am Stadtrand bleiben erhalten und gut erreichbar. All das sind Qualitäten, von denen die Bewohner selbst profitieren.

Sie fordern Nachverdichtung statt Landschaftszerstörung an der Peripherie. Sind damit nicht auch wertvolle potenzielle Erholungsflächen in der Stadt in Gefahr?
Wir wollen nicht die letzten Grünanlagen innerhalb der Städte zubauen. Besonders in den dicht bebauten Gebieten und den Ballungsräumen geht es darum, die knappen Grünflächen zu erhalten. Insbesondere muss geprüft werden, ob die Flächen, die zur Verdichtung ins Auge gefasst werden, aus Naturschutzsicht wertvoll sind. Solche Flächen müssen natürlich erhalten bleiben. So etwas muss jeweils im Einzelfall entschieden werden.

Am 20. Juni begeht der NABU den "30-Hektar-Tag". Was ist das eigentlich?
Die Bundesregierung hat sich schon 2002 vorgenommen, den täglichen Flächenverbrauch in Deutschland bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar zu reduzieren. Der 30-Hektar-Tag ist der Tag, an dem dieses Kontingent, auf das Jahr hochgerechnet, aufgebraucht ist. In diesem Jahr fällt er auf den 20. Juni. Ab diesem Tag müssten Bagger und Planierraupen stillstehen, wenn man die 30 Hektar nicht überschreiten wollte. Von dem 30-Hektar-Ziel sind wir also weit entfernt. Und langfristig fordert der NABU - wie übrigens auch die EU-Kommission in ihrem "Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa" - ein Null-Hektar-Ziel.

Was hat die Bundesregierung bisher unternommen, um ihr selbst gestecktes Ziel zu erreichen?
Es gibt verschiedene Regulierungen und Gesetze, die einen hohen Flächenverbrauch unterstützen oder eher vermeiden helfen. 2006 wurde immerhin die Eigenheimzulage abgeschafft ...

... weil sie umweltschädliche Anreize setzte?
Sicher nicht nur aus diesem Grund. Die Zulage wurde dem Staat einfach zu teuer. Aber mit ihr wurden eben völlig undifferenziert auch Neubauten auf der grünen Wiese subventioniert. Der NABU fordert übrigens auch eine Reform der Grundsteuer, die unter anderem zu mehr Investitionen in die Gebäudesanierung, in leer stehende Häuser und Baulücken führen würde. Bebaute und bebaubare Flächen sollen stärker besteuert werden, Gebäude dafür überhaupt nicht mehr. Das würde zu einem sparsameren Umgang mit dem begrenzten Gut Boden beitragen und den Flächenverbrauch durch das Bauen auf der grünen Wiese spürbar reduzieren.

Welche Rolle spielen die Kommunen?
Viele Gestaltungsmöglichkeiten liegen eher auf regionaler und kommunaler Ebene. Denn hier werden schließlich die Regional- und Flächennutzungspläne erstellt. Es gibt inzwischen einige engagierte Bürgermeister, die sich dem 30-Hektar-Ziel verpflichtet fühlen und in ihrer Gemeinde zeigen, was geht. Zum Beispiel die Verbandsgemeinde Wallmerod in Rheinland-Pfalz, llingen im Saarland, oder die Samtgemeinde Barnstorf in Niedersachsen. Ein Leitspruch dieser Bürgermeister lautet: "Mein Neubaugebiet ist die Ortsmitte".




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Kommentare zu "Ortsmitte statt Neubaugebiet"

Klaus Gruber | 27.08.2014 16:42

Hallo, Herr Daldrup, wir bitten um Unterstützung, wir die "BI Frischluft für Alsbach" (unsere Facebook-webside). Auf unserer webside finden Sie unsere Anliegen. Die Gemeinde Alsbach-Hähnlein möchte ein einmaliges, heute noch geschütztes, landwirtschaftlich genutztes Ortsrandgebiet aus ökonomischen Gründen für Wohnbebauung frei geben. Auf Wunsch kann ich weitere Details z. V. stellen. Wir haben für Okt./Nov. eine Bürgerversammlung geplant und wünschen uns eine Beteiligung durch den NABU. Vielen Dank und Gruß Klaus Gruber Beitrag melden!

Uwe Thauer | 24.06.2014 08:21

Und der Denkmalschutz hintert viele junge Familien kostenintensive und teils sinlose umbauten an alten Häusern im Ortskern durchzuführen. Beitrag melden!


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