Das antike Pompeji war bunt: Farbenprächtige Fresken, Statuen und Mosaike schmückten die Häuser der Reichen. Wer es sich leisten konnte, ließ Wände großflächig bemalen – mit kunstvollen Ornamenten, mythologischen Szenen, üppigen Landschaften in sattem Grün, Tiefrot, Gelb, Schwarz, Weiß. Selten dagegen taucht ein besonders intensiv leuchtendes Pigment an den Wänden auf: Ägyptisch Blau.
Hauseigentümer ließen die kostbare Farbe, wenn überhaupt, in kleinen Mengen auftragen, als Sinnbild für Status und Göttlichkeit. Ein einziger außergewöhnlicher Raum in Pompeji jedoch, der "Blaue Raum", ist ganz in Ägyptisch Blau gehalten. Forschende haben nun ausgerechnet, wie viel Kilogramm Farbe die antiken Maler auf die Wände aufgetragen haben – und wie teuer die Bemalung war.
Ägyptisch Blau wurde auch in der Nähe Pompejis hergestellt
Der "Blaue Raum" ist eine vergleichsweise junge Entdeckung: Erst 2024 legten Forschende im Nordosten Pompejis die Überreste eines Stadthauses mit dem auffällig gestrichenen Raum frei. Die drei blauen Wände sind mit geometrischen Linien und Figuren verziert, die unter anderem die vier Jahreszeiten repräsentieren. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interpretieren das acht Quadratmeter große Zimmer als Sacrarium, als Hausaltar, in dem die Eigentümer Rituale durchführten und Gottheiten verehrten.
Ägyptisch Blau gilt als das erste von Menschen künstlich hergestellte Farbpigment überhaupt: Die alten Ägypter stellten es bereits 3200 v. Chr. her, indem sie Quarzsand, Soda und Kupferspäne vermengten, zu standardisierten Kügelchen formten und im Ofen erhitzten. Im antiken Mittelmeerraum wurde Ägyptisch Blau so beliebt, dass mehrere Produktionsstätten entstanden – auch in der Nähe Pompejis. Handwerker mahlten die Pigmentkugeln am Einsatzort und trugen die Farbe dann auf die Wände auf.
Um die Pigmente im Blauen Raum zu untersuchen, setzten die Forschenden um die Archäologin Mishael Quaraishi vom Massachusetts Institute of Technology an der Universität Cambridgey mehrere bildgebende Verfahren ein. So konnten sie selbst winzige Überreste von Ägyptisch Blau nachweisen; zudem Hintergrundflächen, die mit anderen Farben übermalt wurden. Demnach haben Pompejis Maler in diesem Raum bis zu fünf Kilo Ägyptisch Blau auf die Wände gebracht, schätzt das Forschungsteam in einer Studie, die im Fachmagazin "NPJ Heritage Science" erschienen ist.
Die blaue Wandfarbe kostete ein Vermögen
Anhand antiker Berichte über Farbpreise konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hochrechnen, wie viel Geld der Anstrich des Raums wohl gekostet hat: bis zu 168 Denarii – etwa so viel wie 1344 Laib Brot oder 90 Prozent des Jahressalärs eines Legionärs. Hinzu kamen Personalkosten für die Maler. Die Hauseigentümer haben also ein kleines Vermögen in ihren Hausaltar investiert.
"Das Vorhandensein von Ägyptisch Blau in einem privaten Schrein innerhalb eines prächtigen Domus unterstreicht die Annahhme, dass dieses Pigment in den persönlichen, elitären Umgebungen der wohlhabenderen Bewohner Pompejis verwendet wurde", schlussfolgern Quaraishi und ihre Kolleg*innen. Kostbare Pigmente seien ein wichtiges Symbol gewesen, um Status zu signalisieren – und kulturelle Gewandtheit.
Jahrtausendelang gefragt, geriet Ägyptisch Blau nach dem Ende des Römischen Reiches allmählich aus der Mode. Vereinzelt kann das Pigment zwar noch für das Frühmittelalter nachgewiesen werden, etwa auf einem Wandmalereifragment aus der Kirche St. Peter ob Gratsch in Südtirol, das Wissen um die Herstellung des Farbstoffs scheint im Laufe der Zeit aber verloren gegangen zu sein. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Pigment wiederentdeckt – und erhielt den Namen Ägyptisch Blau.