Menschen und Maschinen Was Alexander Gerst über die vielleicht wichtigste Frage unserer Zukunft denkt

In unserem Logbuch "Horizons" schildert Alexander Gerst auf GEO.de seine ganz persönlichen Gedanken zur aktuellen Mission. Diesmal schreibt der deutsche Astronaut über die Symbiose zwischen Mensch und Maschine. Es ist der letzte Text, den Astro-Alex direkt aus dem All schickt, bevor am 20. Dezember zur Erde zurückkehrt.
JUSTIN & Alexander Gerst

„JUSTIN“ ist ein humanoider Roboter. Alexander Gerst hat ihn vom All aus in einem Labor auf der Erde gesteuert - zur Vorbereitung von Mond- oder Mars-Missionen. Wie das Experiment lief, sehen Sie weiter untem im Video.

Die International Space Station, auf der wir inzwischen seit mehr als fünf Monaten um die Erde kreisen, ist eine „Mensch-Maschine“ - eine perfekte Symbiose aus Technik und der humanen Kunst, damit umzugehen.

Ohne uns Menschen wäre die Raumstation nutzlos, und umgekehrt könnten wir Astronauten ohne die ISS hier im Kosmos nicht überleben. Sie versorgt uns, sie gibt uns Schutz; und wir helfen ihr dafür, ihre Aufgaben zu erfüllen: die Wissenschaft weiterzubringen mit einzigartigen Experimenten, die an keinem anderen Ort auf der Erde durchzuführen wären. Neue Entdeckungsreisen ins fernere All vorzubereiten. Die friedliche, internationale Zusammenarbeit der Weltgemeinschaft zu stärken.

Raumstation ein robotisches System

Wie in jeder Symbiose bringt es für all dies am meisten, wenn beide Seiten das einbringen, was sie am besten können. Von uns Menschen ist das vor allem unsere Intuition, und von den Maschinen ist es ihr Talent für Prozesse, die oft wiederholt werden müssen.

Zu mehr als 90 Prozent ist die Raumstation ein robotisches System. Viele Funktionen regeln sich selbst. Und auch bei vielen Experimenten greifen wir nur dann ein, wenn es sein muss, weil etwas schief geht zum Beispiel. Wir haben inzwischen Instrumente an Bord, die uns sehr entlasten, wie DNA-Sequenzierer und Mikroskope, die beinahe vollautomatisch arbeiten.

Foto: VYACHESLAV OSELEDKO/AFP/Getty Images, Alexander Gerst
Horizons
Verfolgen Sie hier die Mission von Alexander Gerst
Zum zweiten Mal fliegt der deutsche Astronaut Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation ISS, diesmal als Kommandant. Ein Online-Special von GEO.de

Dafür aber können wir uns umso besser auf andere Versuche konzentrieren, die unsere volle Aufmerksamkeit verlangen. Und das erlaubt uns, immer mehr und auch immer komplexere Experimente auf der ISS durchführen: Wie das „Cold Atom Lab“ etwa, in dem wir bei Temperaturen nahe des absoluten Nullpunktes (-273,15 Grad Celsius) die Quantenmechanik von Atomwolken untersuchen, die in der Schwerelosigkeit viel stabiler sind als am Erdboden. Oder das Plasmakristall-Experiment „PK-4“, bei dem wir atomare Prozesse in ionisierten, also elektrisch leitenden Gasen dank unseres Schwebezustandes für das menschliche Auge sichtbar machen und dadurch erforschen können.

Solche Versuche wären vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar gewesen.

Die Maschinen ersetzen uns nicht

Die Rollenverteilung zwischen Technik und Menschen unterliegt einer kontinuierlichen Evolution, auf der ISS ebenso wie auf der Erde. Doch die Maschinen ersetzen uns nicht, davor brauchen wir keine Angst zu haben. Sie nehmen uns vielmehr vor allem immer mehr Aufgaben ab, die wir nicht gerne oder nicht sonderlich gut machen.

Routineaufgaben erledigen die Maschinen oft besser als wir. Das schenkt uns die Freiheit, uns anderen, spannenderen oder schöneren Dingen zu widmen. Insofern ist die Entwicklung der Technik in unserem Interesse.

Sie geht ständig weiter, gerade auch hier auf der ISS. So habe ich jetzt zum Beispiel „CIMON“ („Crew Interactive Mobile Companion“) getestet – eine Technologie, aus der in Zukunft für Langzeitmissionen einmal ein robotisches, mit künstlicher Intelligenz ausgestattetes Assistentsystem hervorgehen könnte.

Und vor ein paar Wochen bereits habe ich vom All aus mit „JUSTIN“ einen humanoiden Roboter in einem Labor auf der Erde gesteuert - zur Vorbereitung von Mond- oder Mars-Missionen.

GEO Nr. 6/2018
GEO Nr. 06/2018
Aufbruch ins All
In dieser Ausgabe begleiten wir Alexander Gerst bei seinen Vorbereitungen für seinen Aufenthalt auf der ISS und berichten über seine neue Mission im All

Das war hochinteressant. In der Simulation sollte ich JUSTIN bei der Wartung und Reparatur von Solarmodulen auf einer Planetenoberfläche dirigieren. Das Experiment ist Teil des „METERON“-Projekts, an dem ich schon bei meiner ersten Mission auf der ISS mit einem Telerobotik-Versuch teilgenommen hatte. Doch ich muss sagen: Die Steuerung aus der Ferne hat sich inzwischen extrem verbessert!

Für mich war das eine große Befreiung, weil ich gesehen habe: Ich kann JUSTIN manche Aufgaben anvertrauen und muss nicht jeden Schritt vorgeben. Wenn ich ihm etwa sage, „Fahre zum rechten Solarpanel und reinige es!“, dann macht er das - dank seiner Sensoren vielleicht sogar besser, als es ein Mensch könnte. Und ich selber kann mich darauf konzentrieren, den Überblick zu behalten und die wichtigen Entscheidungen zum weiteren Vorgehen zu treffen.

Ingenieure wollten schauen, ob Astronauten das intuitiv hinbekommen

Die eigentlich größte Schwierigkeit war, am Anfang herauszufinden, wie die Software des Tablets funktioniert, mit dem ich den Roboter von der ISS steuern sollte. Das hatte mir nämlich niemand erklärt, weil die Ingenieure einfach mal schauen wollten, ob Astronauten das auch intuitiv richtig hinbekommen!

Es ging auch ganz gut. Manchmal wusste JUSTIN zwar nicht mehr genau, wo er eigentlich steht, und immer wieder ist die Satellitenverbindung kurz unterbrochen worden. Es gab auch Momente, da weiß man nicht, was der Robotor eigentlich für ein Problem hat - das kennt ja fast jeder auch vom Computer zu Hause. Ich konnte jetzt bei der Bodenkontrolle kurz nachfragen; doch in solchen Situationen erkennt man, wie wichtig es für uns Menschen ist, genügend Optionen und alle wesentlichen Informationen zu haben, um die Entscheidung „Was machen wir jetzt als nächstes?“ auch richtig treffen zu können. Aber letztlich haben JUSTIN und ich zusammen alle Aufgaben doch in kurzer Zeit lösen können.

Mensch füllt Entdeckungen mit Sinn

Ich denke, das JUSTIN-Experiment kommt dem Szenario einer zukünftigen Erkundung von Mond und Mars schon sehr nahe. Dass wir Roboter bauen können, die auf anderen Planeten wertvolle Untersuchungen vornehmen, haben wir in der Raumfahrt bereits oft gezeigt. Das Problem ist, dass sie auf dem Mars zum Beispiel nur langsam vorankommen, weil die Funksignale zwischen der Erde und unserem Nachbarn im All so lang unterwegs sind.

Wenn wir das vom Orbit aus dirigieren können wie jetzt bei JUSTIN, arbeiten wir viel effizienter. Und dieses Vorgehen bereitet die Landung von Menschen vor: Denn diese neuen, fremden Welten nur mit Robotern entdecken zu wollen, funktioniert einfach nicht. Maschinen können stets nur Gehilfe sein. Um in Situationen, die niemand vorgesehen hat, richtig zu reagieren, Neues wahrzunehmen und das Erlebte zu teilen - dafür brauchen wir Menschen. Es ist gar eines der Grundgesetze der Exploration: Maschinen geben uns die Möglichkeit, etwas zu erforschen, erst der Mensch jedoch mit seiner Blickweise füllt diese Entdeckungen mit Sinn.

Alexander Gerst
Interview
Der lange Weg ins All: Wie Alexander Gerst zum Astronauten wurde
Wer zu den Sternen fliegen will, muss hunderte Aufgaben lösen können: wissenschaftliche Experimente durchführen, Wunden nähen, eine Zahnfüllung setzen und im Falle einer Notlandung bei 20 Grad unter Null in der Wildnis überleben. Alexander Gerst kann es. Im Interview mit Lars Abromeit erzählt er, wie er Astronaut wurde.

Auch die Kontrolle über die Technik muss immer in unserer Hand bleiben, das ist klar. Die Bedeutung von Technologien, auch von „intelligenten“ Computer-Systemen, wird weiter wachsen: Wenn eine fünfköpfige Astronauten-Crew irgendwann in Richtung Mars aufbricht und dafür monatelang autonom unterwegs ist, dann wird sie technische Unterstützung brauchen, um das vielschichtige System ihres Raumschiffs zu überblicken.

Unser Verstand ist begrenzt. Aber das Wichtige ist, dass wir uns als Menschen genau überlegen, welche Entscheidungen wir in die Hand von Maschinen legen. Darüber müssen wir uns beständig Gedanken machen, sowohl für Anwendungen auf der Erde, als auch im Weltraum.

Die Balance zwischen Mensch und Maschine wird eine der wichtigsten gesellschaftlichen Fragen der Zukunft werden. Und wenn wir es schaffen, diese nachhaltig zu beantworten, dann werden uns die Mensch-Maschinen der Zukunft noch viel weiter ins All hinaus tragen als jemals zuvor.