ISS Horizons "In solchen Momenten zahlt sich das Training aus" - Alexander Gerst schreibt uns direkt aus dem All

In unserem Logbuch "Horizons" schildert Alexander Gerst auf GEO.de seine ganz persönlichen Gedanken zu seiner zweiten Mission ins All. Diesmal schreibt der deutsche Astronaut über erholsame Nächte in der Soyuz Kapsel und den Moment, als die Luke zur ISS aufging
Alexander Gerst, ISS

Alexander Gerst an Bord der ISS: "Wenn man in der komplexesten Maschine der Menscheit arbeitet, dann hört man niemals auf, Neues zu lernen", sagt der deutsche Astronaut

Wir sind auf der ISS sicher angekommen, haben mit unserer Forschungsarbeit begonnen - und es fühlt sich fantastisch an, wieder hier oben zu sein!

Der Start mit der Soyuz-Rakete war bombastisch, verlief aber dennoch relativ entspannt. Was sich wie ein Widerspruch anhört, hat einen sehr einfachen Grund: weil ich wusste, was auf mich zukommt. Vor allem die Stimmung in unserer Mannschaft, mit Sergey und Serena, war super. Zum Beispiel während der Wartezeit während der Drucktests vor dem Start, wenn man als Crew schon im engen Cockpit sitzt: Jeder darf sich vorher ein paar Musikstücke wünschen, die dann über Funk gespielt werden. Auf Serenas Liste war auch „Billie Jean“ von Michael Jackson, dazu haben wir aus Spaß mit den Händen getanzt, und wir dachten, wir seien unter uns. Genau in diesem Moment aber hat die Bodenkontrolle dann unsere Cockpit-Kamera angeschaltet! Ich bin mir sicher, das hat für den ein oder anderen spontanen Lacher im Kontrollzentrum gesorgt – von unseren Zuschauern im Live-Stream ganz zu schweigen.

Die Showeinlage war zwar nicht geplant, aber sie zeigt eine wichtige Kunst unseres Berufs: Man sollte zwischendurch nicht den Humor verlieren. Ernste Momente gibt es genug.

"Es würde reichen, zwei falsche Knöpfe zu drücken, um das Raumschiff in drei Teile zu sprengen"

Auch während des Flugs zur Raumstation liefen die Dinge fast zu glatt. Im Gegensatz zu unserem Training gab es während des richtigen Fluges keinen Augenblick, in dem Sergey und ich als Pilot und Copilot an unsere Grenzen gehen mussten. Was natürlich absolut wünschenswert ist, kam uns doch ungewohnt ruhig vor. Anders als bei der ersten Mission hatte ich ja das volle Trainingsprogramm absolviert, um die Soyuz selber steuern zu können. Und das war ein tolles Gefühl: zu wissen, ich habe das wirklich unter Kontrolle, ich könnte ein Raumschiff wenn nötig mit meinen eigenen Händen fliegen. Nicht nur im Simulator.

Selbst im Automatikbetrieb muss man das Raumschiff mit unzähligen Eingaben auf dem Konsolenpult kontrollieren. Im Vergleich zum Simulator schaut man im richtigen Raumschiff jedoch immer dreimal, ob man auch wirklich die richtigen Befehle eingibt. Es würde reichen, zwei falsche Knöpfe zu drücken, um das Raumschiff in drei Teile zu sprengen oder die Luft abzulassen – und zwar sofort, ohne ein „Sind Sie wirklich sicher?“. Denn in manchen Situationen, wie beim Notfall-Wiedereintritt, oder im Fall eines Feuers muss man genau das blitzschnell tun, um das Leben der Crew zu retten.

Komplett nutzlos war unser Training unter pausenlosem Bombardement mit Fehlfunktionen übrigens nicht. Bei unserem Anflug zur ISS hat uns, kurz vor einem Schubmanöver, ein Alarmsignal angezeigt, dass ein Triebwerk ausgefallen sei. Dank der sicheren Bauweise der Soyuz Kapsel ist das jedoch kein Problem: Wir haben den nächsten Schub einfach mit dem Ersatztriebwerk ausgeführt. Letztlich stellte sich aber heraus, dass nur der Sensor falsch ausgelöst hatte. Das muss man im Hinterkopf behalten, damit man beim Andocken an die Station, wenn es wieder zu einem Fehlalarm kommt und man nur Sekunden Zeit hat, nicht falsch reagiert. In solchen Momenten zahlt sich das Training aus: Man muss ständig hellwach sein, ständig agieren, selbst wenn das Raumschiff oft automatisch fliegt. Die erfahrensten Kosmonauten sagen zu Recht: Du musst dem Raumschiff gedanklich „vorausfliegen“.

"Ich war ich völlig entspannt, als wir an der ISS ankamen"

Die zwei Tage in der Soyuz waren zwar lang, aber ich konnte wider Erwarten relativ gut schlafen, einmal acht und in der nächsten „Nacht“ sogar fast elf Stunden lang - was für ein Luxus verglichen mit den letzten Monaten. Und glücklicherweise wurde mir, wie schon bei meiner ersten Mission, nicht schlecht, obwohl die Kapsel sich während des Anflugs zur ISS ständig dreht. Durch diese zwei eher ruhigen Tage war ich völlig entspannt, als wir an der ISS ankamen: Man hat schon mal was gegessen, war auf der Toilette, hat sich eingewöhnt an das Leben im All.

Als dann die Luke zur Station aufging, fühlte sich das für mich an, wie nach Hause zu kommen: Mit dem Schweben bin ich sofort wieder so gut klar gekommen wie ein Fisch im Wasser. Interessanterweise haben sich meine Füße und Hände sogar unbewusst noch daran „erinnert“, wo Schlaufen und Griffe sind - und haben manchmal, wenn ich um eine Ecke geflogen bin, wie von allein richtig gegriffen. Nur einmal hat’s nicht geklappt: Da wusste mein Körper zwar noch genau, wo ein Handgriff sein musste - nur hatte den irgendjemand seit meiner letzten Mission leider abgeschraubt...

Alexander Gerst
Interview
Der lange Weg ins All: Wie Alexander Gerst zum Astronauten wurde
Wer zu den Sternen fliegen will, muss hunderte Aufgaben lösen können: wissenschaftliche Experimente durchführen, Wunden nähen, eine Zahnfüllung setzen und im Falle einer Notlandung bei 20 Grad unter Null in der Wildnis überleben. Alexander Gerst kann es. Im Interview mit Lars Abromeit erzählt er, wie er Astronaut wurde.

Ich weiß bis heute nicht genau wieso, aber mein Körper scheint für solche fremden Umgebungen einfach ganz gut geschaffen: So, wie ich mich als Kind schon unter Wasser immer sehr wohl gefühlt habe, im freien Fall beim Fallschirmspringen, oder in der Kälte der Antarktis, so fühlt es sich für mich jetzt aus irgendeinem seltsamen Grund völlig natürlich an, zu schweben.

"Beim Anlegen von Helm, Schuhen und Handschuhen kann jeder kleinste Fehler fatal sein"

Bei meiner ersten Mission war meine größte Herausforderung in den ersten Wochen, mich in die vielen komplexen Computersysteme und Geräte auf der ISS einzuarbeiten. Auch das aber fühlt sich jetzt für mich an, als ob ich nie weggewesen wäre. Zum Glück: Wir mussten gleich richtig loslegen, schwierige wissenschaftliche Versuche vorbereiten. Und Serena und ich hatten einen komplizierten Außenbordeinsatz von zwei NASA-Kollegen zu betreuen.

Wir haben dabei den Roboterarm gesteuert, und ich musste meinen Kollegen die Raumanzüge anziehen und überprüfen. Beim Anlegen von Helm, Schuhen und Handschuhen kann jeder kleinste Fehler fatal sein, und die Umgebung im freien Weltraum ist nicht gerade lebensfreundlich. Wie ein Schäfer bei Sturm und Nacht war ich erst wieder entspannt, als meine beiden Kollegen wieder sicher zurück in der Station waren.

Ich freue mich sehr auf die vor uns liegenden Monate in diesem fantastischen Labor, mit hunderten von einmaligen wissenschaftlichen Experimenten, die das Leben auf der Erde besser machen werden. Mit meiner Erfahrung kann ich nun zwar meinen neuen Kollegen helfen, sich hier oben einzugewöhnen, aber auch für mich ist die Lernphase noch nicht zu Ende. Denn wenn man in der komplexesten Maschine der Menscheit arbeitet, dann hört man niemals auf, Neues zu lernen.

Und das ist gut so.

Das Logbuch von Alexander Gerst entsteht in Kooperation zwischen GEO und der Europäischen Weltraumorganisation ESA.

Foto: VYACHESLAV OSELEDKO/AFP/Getty Images, Alexander Gerst
Horizons
Verfolgen Sie hier die Mission von Alexander Gerst
Zum zweiten Mal fliegt der deutsche Astronaut Alexander Gerst zur Internationalen Raumstation ISS, diesmal als Kommandant. Ein Online-Special von GEO.de
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