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Ukraine-Krieg Vitali Klitschko: "Ich kenne keine Feigheit, aber ich habe Angst!"

Vitali Klitschko hat Freunde in Mariupol, von denen er wochenlang nichts hörte
Vitali Klitschko hat Freunde in Mariupol, von denen er wochenlang nichts hörte
© Erin Trieb
Vitali Klitschko wurde als Boxweltmeister im Schwergewicht weltberühmt, seit 2014 ist er Bürgermeister von Kiew. Der Sohn eines sowjetischen Offiziers glaubt, dass der Krieg lang und blutig werden wird. Wirklich wütend machen ihn russische Freunde, die Putins Propaganda glauben 
Von Verena Hölzl

GEO: Sie leben seit Wochen im Krieg, haben Sie Angst?

Vitali Klitschko: Ich bin ein Mensch, und Angst ist ein normales Gefühl für einen Menschen. Wer sagt, er spürt keine Angst, mit dem stimmt etwas nicht. Wir alle haben Angst um Verwandte, Angst um Freunde, Angst um menschliches Leben. Aber es gibt verschiedene Arten von Angst. Die Angst, die ich im Moment spüre, motiviert mich, und sie hilft mir dabei, dass ich mich auf meine Aufgaben konzentriere. Es ist eine Angst, die Kräfte freisetzt. Angst ist nicht gleich Feigheit. Ich kenne keine Feigheit, aber ich habe Angst.

Wie wütend sind Sie?

Ich bin sehr wütend. Was Russland uns antut, ist ein Drama. Das Leben Zehntausender Menschen wird gerade zerstört. Menschliches Leben hat keinen Wert mehr. In der ­Ukraine sind Tausende Zivilisten gestorben, Ge­bäude sind zerstört. Das normale Leben existiert nicht mehr. Jetzt gibt es eine Zeit vor dem Krieg und eine Zeit nach dem Krieg. Und Russland hat gewissermaßen auch die Menschen außerhalb der Ukraine angegriffen.

Wie würden Sie die Stimmung in Kiew beschreiben?

Die Russen wollen mit ihren Raketen Panik im Volk verbreiten. Aber statt panisch zu werden, konzentrieren die Menschen sich auf ihre Aufgaben, sie bekommen eine riesige Wut und entwickeln einen eisernen Willen, Stadt, Familie und Kinder zu verteidigen. Es war für mich eine ­Überraschung, an den Checkpoints in der Stadt Menschen aus der Freiwilligenarmee zu treffen, die früher ganz friedliche Berufe hatten. Die wären nie auf den Gedanken gekommen, eine Militäruniform anzuziehen oder ein Maschinengewehr in die Hand zu nehmen. Heute ist das anders. Musiker, Künstler, Ärzte – sie alle sind wegen der russischen Aggression sehr wütend und sie sind deshalb bereit, unsere Stadt zu beschützen.

Ist Ihre Familie in der Stadt?

Nur mein Bruder. Meine Frau ist in Deutschland, die Kinder sind auch in Sicherheit.

Was war in den vergangenen Wochen für Sie persönlich der schwierigste Tag?

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Jungen, der noch nicht wusste, dass er keine Eltern mehr hat. Solche Gespräche sind psychisch eine riesige Belastung. Es ist schwer, mit Menschen zu sprechen, die von einer Sekunde auf die andere obdachlos geworden sind, die ­alles im ­Leben verloren haben. Ich bin zwar ein Optimist, mein ­Motto ist es, niemals aufzugeben. Und trotzdem bin ich manchmal deprimiert, weil ich nicht weiß, wie lange dieser sinnlose Krieg dauern wird. Tage, Wochen, Monate oder Jahre? Es deprimiert mich, dass ich kein Licht am Ende des Tunnels sehe. Es gibt leider nur einen einzigen Weg: Wir müssen kämpfen. Wir müssen unsere Unabhängigkeit und die Zukunft unserer Kinder mit Waffen verteidigen. Und das wird ein langer und ein blutiger Krieg werden, der viele ­Leben kostet.

Was werden die Narben dieses Krieges sein, für diese Stadt und ihre Bürger?

Zum einen muss natürlich eines Tages die Infrastruktur wiederaufgebaut werden. Aber vor allem ist da natürlich der Verlust von Menschen. Ein Kind zu verlieren oder einen geliebten Menschen, das hinterlässt eine lebenslange Narbe. Nicht nur für eine, sondern für mehrere ­Generationen. Russland will die Ukraine auslöschen.

Haben Sie persönlich jemanden verloren?

Ich habe Freunde, die als Soldaten dienten und gefallen sind. Und ich habe Freunde in Mariupol, von denen ich seit Wochen kein Lebenszeichen mehr bekommen habe. Wir können mit den Menschen dort nicht mehr kommunizieren. Wir wissen nicht, wie viele Zivilisten schon tot sind. Hier in der Hauptstadt halten sich sehr viele Journalisten auf. Die können über den Genozid in Butscha, Irpin oder Hostomel sofort berichten. Aber in Mariupol und in anderen besetzten Städten und Dörfern gibt es keine unabhängigen Journalisten. Was dort passiert, wissen wir deshalb noch nicht. Ich befürchte, es wird noch viel schlimmer sein als das, was wir aus den Vororten von Kiew wissen.

Fühlen Sie sich manchmal hilflos?

Was heißt hilflos? Wenn Raketen auf unsere Stadt fliegen, dann kann ich sie nicht stoppen. Ich kann den Krieg nicht stoppen. Aber was mich am meisten wütend macht, das sind meine Gespräche mit guten Bekannten in Russland. Gebildete Menschen, sehr intelligent – und die glauben fest daran, dass ihre Soldaten in der Ukraine gegen Nazis, Nationalisten, Radikale und Faschisten kämpfen. Das macht mich wirklich wütend.

Was, denken Sie, ist der größte deutsche Trugschluss über den Krieg?

Wenn jemand denkt, dieser Krieg betrifft ihn nicht persönlich, weil er weit weg ist, dann liegt er damit falsch. Es handelt sich um den größten Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Dieser Krieg betrifft uns alle. Niemand weiß, wie weit Putins Ambitionen reichen. Bis zur polnischen Grenze? Bis zur tschechischen Grenze? Bis zur deutschen Grenze? Oder will er vielleicht sogar die DDR wiederaufbauen? Wir verteidigen nicht nur unsere Kinder und Familien. Wir verteidigen im Moment in der Ukraine auch die Werte und Prinzipien des Westens. Und wir verteidigen die Freiheit und den Frieden in Europa.

Für unser Sonderheft GEO Perspektive "Ukraine" haben wir auch mit Vitali Klitschkos Frau Natalia Klitschko gesprochen. Wie sie die ersten Kriegswochen erlebt hat und welche Rolle die Frauen momentan in der Ukraine spielen, erzählt sie im Interview:

Erschienen in GEO Perspektive 2022

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