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Ukraine-Krieg Natalia Klitschko: "Ich fühle mich schuldig, weil ich sicher bin"

Natalia Klitschkos Ehemann ist in der Ukraine, auch ihr Schwager und einer ihrer Neffen mit seiner Frau und dem fünfjährigen Sohn. Sie telefoniert oft mit ihnen
Natalia Klitschkos Ehemann ist in der Ukraine, auch ihr Schwager und einer ihrer Neffen mit seiner Frau und dem fünfjährigen Sohn. Sie telefoniert oft mit ihnen
© Marlena Waldthausen
Natalia Klitschko wurde im Bezirk Kiew geboren, seit 2006 lebt sie in Hamburg. Die Sängerin tritt bei Benefizkonzerten für die Ukraine auf, hilft Geflüchteten – und bangt um ihren Ehemann in der ukrainischen Hauptstadt
Von Verena Hölzl

GEO: In Ihrer Heimat ist Krieg, sie leben hier im Frieden. Wie gehen Sie mit diesem Zwiespalt um?

Natalia Klitschko: Ich fühle mich, als wäre ich ständig irgendwo zwischen Traum und Realität. Ich bin nur physisch hier in Deutschland, aber mit meinen Gedanken immer in der Ukraine. Ich freue mich, dass die Menschen hier in Hamburg die Sonne genießen oder in den Urlaub fahren. Aber ich beobachte das, als wäre es ein Film. Das ist ein ganz komischer Zustand. Ich würde manchmal auch gern einfach alles vergessen. Aber dann stoße ich im Internet wieder auf einen Bericht oder ein Foto, das mich traurig macht.

Das klingt, als hätten Sie Schuldgefühle?

Ganz bestimmt sogar. Ich gestehe mir keine Normalität zu. Ich fühle mich schuldig, weil ich hier sicher bin, während andere in der Ukraine in Gefahr sind. Seit Kriegsbeginn war ich kein einziges Mal im Restaurant. Ich kann mir das nicht erlauben, das schaffe ich nicht. Und dabei ist der Krieg ja nicht meine Schuld. Während ich spazieren gehe, die Sonne genieße, muss ich ständig daran denken: In der Ukraine stirbt gerade wieder jemand. Das bricht mir das Herz. Der Krieg ist alles, woran ich denken kann. Natürlich ist das ungesund. Ich muss mir unbedingt auch erlauben, das Leben zu genießen. Denn niemand kann mich gebrauchen, wenn ich kollabiere.

Wie haben Sie die ersten Kriegswochen erlebt?

Die ersten paar Tage war ich wie gelähmt. Ich wurde sofort überschwemmt mit Interviewanfragen, aber ich wollte mich nur verstecken und weinen. Meine Freunde riefen mich zur Vernunft und sagten: "Du bist eine öffentliche Person, das ist deine Aufgabe." In den ersten Wochen nach der Invasion war mein Haus wie eine Kommune. Teilweise waren wir sogar zu zwölft. Das war schön. Die gegenseitige Unterstützung hat Kraft gegeben. In solchen schweren Zeiten ist es wichtig, Zusammenhalt zu spüren. Jede neue Flüchtlingsfamilie, die ich aufnahm, kam mit einem neuen Schicksal bei mir an. Es gab ständig einen Grund zu weinen. Aber es gab auch Gründe dafür, weiterzuleben und sich zu freuen.

Was gibt Ihnen Kraft?

Ich bin Singer-Songwriterin und schöpfe viel Kraft aus der Musik. Musik bedeutet für unser Volk und auch für mich sehr viel. Die Ukraine war schon immer von anderen Mächten bedroht, denn unser Boden ist fruchtbar. Wir Ukrainer mussten unsere Freiheit schon immer verteidigen. Wenn man unterjocht ist, ist das Einzige, das bleibt, um sich auszudrücken, das Singen. Gesang befreit, er bringt die Menschen zusammen. Und die Vibration gibt dir Mut. Deshalb singen auch so viele Soldaten. Auch ich konnte nicht anders, als die Emotionen, die ich zu Kriegsbeginn hatte, in einen Song zu packen.

Sie haben Ihr letztes Album auch auf Russisch ­geschrieben?

Als ich 2016 "Naked Soul" geschrieben habe, hatte ich noch Hoffnung, dass Russland und die Ukraine nach dem Donbas-Krieg wieder zueinanderfinden würden. Ich singe deshalb auf Ukrainisch und Russisch, als Symbol für gegenseitige Akzeptanz. Ein Teil meiner Familie väterlicherseits ist aus Russland. Und damit bin ich in der Ukraine kein Einzelfall. Wir sind ja alle Kinder der Sowjetunion. Seit dem Krieg gibt es allerdings eine tiefe Spaltung. Die geht sogar durch Familien. Die Mutter meiner besten Freundin rief letztens aus Moskau an. Meine Freundin saß zu dem Zeitpunkt wegen russischer Luftangriffe im Bunker – und nicht einmal ihre eigene Mutter wollte ihr das glauben!

Spüren Sie Hass?

Ich verstehe, dass viele Menschen Hass gegenüber Russland empfinden. In der Ukraine werden jeden Tag Frauen und Kinder getötet. Wie soll man sich da fühlen? Trotzdem wünsche ich mir, dass wir es irgend­wann auch schaffen, diesen Hass abzulegen. Wird das morgen sein? Nein, sicher nicht. Dazu ist schon zu viel Blut vergossen worden.

Sind Sie stolz auf Ihren Mann?

Vitali und sein Bruder Wladimir sind zu echten Helden geworden. Sie leisten enorme Arbeit. Sie tragen für so viele Menschen Verantwortung.

Was ist im Moment die Rolle der Frauen in der Ukraine?

Es gibt verschiedene Rollen. Viele Mütter mussten auf sich allein gestellt ihre Kinder aus der Ukraine retten. ­Viele Frauen ohne Kinder sind dageblieben, um ihre Männer im Militär zu unterstützen. Und manche greifen sogar selbst zu den Waffen. Die Frauen sind unglaublich. Am ersten Tag der Invasion habe ich meine Mutter angerufen und gefragt: Mama, bist du im Bunker? Sie meinte nur: "Nein, ich bin beim Friseur. Wenn ich sterben muss, dann immerhin hübsch."

Wovor haben Sie Angst?

Dieser Krieg darf nicht Alltag werden. Leider funktioniert unser Gehirn aber so. Das war schon 2014 so. Die Menschen wussten nach ein paar Monaten gar nicht mehr, dass im Osten der Ukraine Krieg herrscht. Dieses Mal müssen wir dranbleiben. Ich höre deshalb nicht auf, Menschen zu helfen, Güter zu sammeln, zum Spenden aufzurufen oder mit Medien zu sprechen.

Für unser Sonderheft GEO Perspektive "Ukraine" haben wir auch mit Vitali Klitschko gesprochen. Wie er den Krieg und die Stimmung in der Ukraine aktuell erlebt, berichtet er im Interview:

Erschienen in GEO Perspektive 2022

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