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Vor 54.000 Jahren Studie gewährt erstmals Einblicke in das Familienleben der Neandertaler

Von wegen primitiv: Auch Neandertaler-Väter gingen wahrscheinlich liebevoll mit ihren Kindern um
Von wegen primitiv: Auch Neandertaler-Väter gingen wahrscheinlich liebevoll mit ihren Kindern um
© Tom Bjorklund
Gerade gab es für die Entwicklung der Paläogenetik den Nobelpreis für Medizin. Nun zeigt sich: Die Methode gibt nicht nur Einblick in Stammbäume und Wanderungen von Neandertalern, sondern sogar in ihr Zusammenleben

Malerisch überragen die Felsen der Chagyrskaya-Höhle ein Flusstal an den Ausläufern des Altai-Gebirges in Zentralasien. Vor Zehntausenden Jahren nutzten Gruppen von Neandertalern diese Karsthöhle im südlichen Sibirien, zumindest saisonal als Jagdlager. Der Ort der Höhle – auch Tschagyrskaja geschrieben – bietet einen guten Blick über das Tal, durch das einst Herden etwa von Bisons, Pferden und Steinböcken streiften. Von der damals regen Jagdtätigkeit zeugen Hunderttausende Reste von Knochen und Steinwerkzeugen zusammen mit 80 Neandertaler-Fragmenten.

Heute liefert die Höhle einen bislang einzigartigen Einblick in die Sozialstruktur der Neandertaler, die einst hier lebten. Demnach verließen die Frauen in der Regel ihre Gruppen und schlossen sich fremden Sippen an. Möglicherweise gelten die Erkenntnisse sogar generell für die nächsten Verwandten des Homo sapiens, die von vor etwa 430 000 Jahren bis zu ihrem Aussterben vor etwa 40 000 Jahren Eurasien zwischen der Iberischen Halbinsel und dem Altai-Gebirge bewohnten.

In der Chagyrskaya-Höhle, Sibirien, wurden Spuren des Neandertaler-Lebens gefunden
In der Chagyrskaya-Höhle, Sibirien, wurden Spuren des Neandertaler-Lebens gefunden
© Bence Viola

Im Fachblatt "Nature" zieht ein internationales Forschungsteam unter Federführung des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie aus Genom-Analysen von Bewohnern der Höhle Erkenntnisse zur Lebensweise dieser noch immer weitgehend rätselhaften Vettern des Homo sapiens.

Zu den Autoren der Studie zählt Svante Pääbo; dem Direktor am Leipziger Institut wurde gerade der diesjährige Nobelpreis für Medizin und Physiologie zugesprochen. Er gilt als Begründer der Paläogenetik - also der Erforschung prähistorischer Arten anhand ihres Erbguts.

Neandertaler haben sich mit Homo sapiens und Denisovandern vermischt

Der Schwede hatte vor einigen Jahren das Erbgut der Neandertaler entschlüsselt. Und aus Funden in der ebenfalls im Altai-Gebirge gelegenen Denisova-Höhle hatte er wenig später eine neue Gruppe von Menschen identifiziert: Die Denisovaner waren eng mit den Neandertalern verwandt, lebten aber weiter östlich, in Zentral- und Ostasien. Dank Pääbos Forschung weiß man, dass beide Menschenarten sich vor Zehntausenden von Jahren sowohl miteinander vermischt haben als auch mit dem Homo sapiens.

Die Gruppe um die Leipziger Forscher Laurits Skov und Benjamin Peter rekonstruierte aus Knochen und Zähnen die Genome von 13 Neandertalern: 11 dieser Männer, Frauen und Kinder lebten vor grob 54 000 Jahren in der Chagyrskaya-Höhle, die anderen beiden etwas früher in der nahegelegenen Okladnikov-Höhle. Zum Vergleich: Zuvor waren insgesamt erst 18 vergleichbare Genomdaten von Neandertalern aus 14 verschiedenen Fundstätten publiziert worden.

Während bisherige paläogenetische Neandertaler-Analysen Aufschluss gaben über grobe Verwandtschaftsgrade und Migrationsbewegungen, geht die jetzige Arbeit weit darüber hinaus. Lara Cassidy vom Trinity College Dublin schreibt in einem "Nature"-Kommentar von einem "Meilenstein": "Was diese Studie besonders bemerkenswert macht, ist, dass die sequenzierten Individuen nicht weit verstreut sind über die riesige Weite des Neandertaler-Daseins, sondern sich an einem Punkt in Zeit und Raum konzentrieren und so den ersten Schnappschuss einer Verwandtschaftsgruppe bieten."

Unter den 11 Individuen, deren Überreste aus Chagyrskaya stammen, identifizierte das Team einen Vater und seine jugendliche Tochter. Zudem stießen die Wissenschaftler auf einen acht- bis zwölfjährigen Jungen und eine erwachsene Frau, die Verwandte zweiten Grades waren: Demnach könnte die Frau die Cousine, Tante oder Großmutter des Jungen gewesen sein.

Erbgutanalyse ermöglicht Einblick in eine Familie

Damit nicht genug: Weitere Analysen deuten darauf hin, dass die untersuchten Individuen die Höhle möglicherweise zur gleichen Zeit bewohnten. "Insgesamt belegen die Daten die Vermutung, dass alle elf Chagyrskaya-Neandertaler Teil derselben Gemeinschaft waren", schreibt das Team.

Weil die untersuchten Individuen eine sehr geringe genetische Vielfalt aufweisen, gehen die Forscher von einer kleinen Gruppengröße aus. Demnach bestand die Gemeinschaft aus etwa 20 Individuen. Auf eine ähnliche Größe einer Neandertaler-Gruppe waren französische Forscher 2019 durch ein anderes Vorgehen gekommen: Sie hatten in Le Rozel in der Normandie Dutzende Fußabdrücke untersucht und gingen von 10 bis 13 Individuen aus.

Kleine Gruppen sind auch beim Homo sapiens für traditionelle Jäger und Sammler nicht ungewöhnlich. Die Gruppengröße sei ein Balanceakt und hänge von der Umgebung ab, sagt Jean-Jacques Hublin, emeritierter Direktor am Leipziger Institut und nicht an der Arbeit beteiligt. Gruppen brauchen demnach eine gewisse Mindestgröße, damit sie sicher überleben und eine neue Generation begründen können, andererseits dürfen sie nicht mehr Mitglieder haben, als ernährt werden können.

Ohnehin lebten solche Gruppen nicht in völliger Isolation, sondern vermutlich in einer Art Netzwerk-Verbund mit anderen Gemeinschaften der Umgebung. Wie der organisiert sein könnte, zeigt ein weiteres Resultat der Studie.

Denn das Team untersuchte bei den Individuen sowohl die genetische Vielfalt auf dem Y-Chromosom, das vom Vater zum Sohn vererbt wird, als auch die Vielfalt der mitochondrialen DNA, die die Mutter an die Kinder weitergibt. Demnach war die mitochondriale genetische Vielfalt etwa um den Faktor 10 höher. Daher vermutet das Team, dass mindestens 60 Prozent der Frauen ihre eigene Gemeinschaft verlassen und sich anderen Sippen angeschlossen hatten. "Die Männer waren näher miteinander verwandt, die Frauen kamen von außen", erläutert Hublin.

Frauen wechselten häufig die Gruppe

Hinweise auf eine solche – im Fachjargon patrilokal genannte – Lebensweise hatten schon im Jahr 2010 Forscher nach der Analyse von Funden aus der Höhle El Sidrón in der nordspanischen Region Asturien beschrieben. Sie hatten Neandertaler-Erbgut von drei Frauen und drei Männern untersucht. Dabei analysierten sie das Erbgut in den Mitochondrien – den Kraftwerken der Zellen –, das nur über die mütterliche Linie vererbt wird. Die Untersuchung ergab, dass die drei erwachsenen Männer von der gleichen Ahnenlinie abstammten, aber jede der drei Frauen von einer anderen Linie.

Das deuteten die Forscher damals als Beleg für eine patrilokale Lebensweise – allerdings war die Interpretation umstritten. Die jetzige Studie stütze die damalige Deutung, schreibt "Nature"-Kommentatorin Cassidy: "Skov et al. bieten den bislang überzeugendsten Beleg für ein solches Verhalten."

Das Resultat passe auch zur Sozialstruktur früher Gemeinschaften des Homo sapiens, sagt Hublin. "Es gibt Ausnahmen, aber in den meisten traditionellen menschlichen Gesellschaften haben Frauen eine höhere Mobilität als Männer." Möglicherweise habe dies hier dazu gedient, mehrere Gruppen miteinander zu verbinden. Und: Inzucht wird so begrenzt.

Hublin betont, Patrilokalität finde man nicht nur bei Menschen, sondern ebenfalls bei unseren engsten Verwandten im Tierreich, den Schimpansen. "Auch dort bleiben die Männchen in jener Gruppe, in die sie geboren wurden", so Hublin.

Die Forscher betonen in "Nature", es sei unklar, ob ihre Befunde nur für die Bewohner des entlegenen Altai-Gebirges gelten oder für Neandertaler allgemein. "Unsere Studie zeichnet ein ganz konkretes Bild davon, wie eine Neandertaler-Gemeinschaft ausgesehen haben könnte", sagt Ko-Autor Peter. "Das lässt mir die Neandertaler viel menschlicher erscheinen."

Wie ähnlich sich Homo sapiens und Homo neanderthalensis wirklich waren, bleibt offen. "Neandertaler waren komplexe Wesen, aber sie waren wahrscheinlich in vielerlei Hinsicht anders als wir", betont der Anthropologe Hublin. "Gerade das macht sie umso faszinierender."

Walter Willems, dpa

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