Als der Ozeandampfer im Mai 1937 im Oslo-Fjord einläuft, schaukeln dort schon Hunderte Ruderboote, größere Schiffe neigen sich bedenklich zur Seite, weil Menschenmassen an einer Reling drängeln. Auf den Pieren das gleiche Bild: Tausende Menschen, die aufgeregt winken.
Die Frau, auf die alle gewartet haben, lächelt breit und winkt zurück, als sie endlich an Land ist. Sie hält einen Blumenstrauß, der fast ihren gesamten zierlichen Körper verdeckt. Es ist ein stürmischer Empfang für Sonja Henie in ihrem Heimatland Norwegen. Ein Empfang wie für eine Königin.
Knapp zwei Jahre zuvor hat Henie Norwegen in Richtung Amerika verlassen. Als dreifache Olympiasiegerin im Eiskunstlauf, als Publikumsliebling, als Star. Seitdem hat sie, was kaum möglich schien, noch mehr erreicht. Sie hat Hollywood erobert, zwei Filme gedreht, in denen sie als Hauptdarstellerin über das Eis geschwebt ist, sie hat Millionen verdient.
Der Vater plant die Karriere – er ist ihr erster Manager
Sonja Henie ist zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt. Da hat sie ihr Lebenswerk eigentlich schon vollbracht. Sie ist die erste globale Sportikone der Olympischen Winterspiele. Mit ihr wurde Olympia zu einem Massenspektakel. Sonja Henie war glamourös, sie hatte das Eiskunstlaufen kommerzialisiert und nahm damit den Übergang vom Amateur- zum Profisport vorweg.
Geboren wird sie im April 1912 in Oslo als zweites Kind von Wilhelm Henie und Selma Lochmann-Nielsen. Der Vater, selbst ein früherer Olympiasieger im Bahnradrennen und später ein erfolgreicher Pelzhändler, setzt früh auf die sportliche Karriere seiner Tochter. Kaum kann sie laufen, zieht er Sonja schon Schlittschuhe an.
Mit fünf Jahren gewinnt Sonja Henie ihren ersten Eiskunstlaufwettbewerb, mit neun wird sie norwegische Meisterin. Bald dreht sich alles in der Familie um das Talent der Tochter. Der Vater koordiniert das Training, die Mutter achtet auf Kostüme und Ernährung. Bruder Leif muss sich fügen. Nach fünf Jahren verlässt Sonja Henie die Schule und wird von da an von Privatlehrern unterrichtet.
Als sie 1924 zum ersten Mal bei den Olympischen Winterspielen in Chamonix antritt, ist sie gerade mal elf Jahre alt. Sie stürzt mehrmals, fragt zwischendurch ihren Trainer nach dem Fortgang der Kür. Am Ende wird sie Achte von acht Teilnehmerinnen. Der letzte Platz.
Ihrer Karriere schadet das nicht. Im Gegenteil. Schon in Chamonix ist sie Publikumsliebling, gewinnt die Zuschauer mit ihrer Anmut auf dem Eis, ihrem strahlenden Lächeln, dem kindlichen Charme, den sie nie ganz verlieren wird. Anders als ihre Konkurrentinnen trägt Henie von Anfang an kurze Röcke. Nur so kann sie ihren athletischen Stil mit Sprüngen und Pirouetten zeigen. Später besteht sie auf weißen Schlittschuhen – wie der Schnee in ihrem Heimatland. So prägt sie eine ganz neue Art des Eiskunstlaufens der Frauen: sportlich anspruchsvoll und gleichzeitig ästhetisch schön. Sonja Henie ist die erste, die ausgefeilte Choreografien entwickelt, sie wagt Zweifachsprünge.
Adolf Hitler schenkt ihr ein Autogramm mit Widmung
Nach dem letzten Platz in Chamonix geht es sportlich nur noch aufwärts. Sechs Mal wird Henie Europameisterin, zehn Mal in Folge Weltmeisterin. 1928 gewinnt sie in St. Moritz die Olympische Goldmedaille, 1932 in Lake Placid.
Als sie 1936 in Garmisch-Partenkirchen zum dritten und letzten Mal bei Olympischen Spielen antritt, gewinnt sie knapp. Der Kommentator ist begeistert: "Jetzt ist der Schlangenbogen dran, sie kommt auf vorwärts einwärts, dicht geht der Spielfuß heran an den Standfuß, damit die Wendung tadellos gelingt. Und in einer souveränen, königlichen Haltung ist sie mit der Figur fertig."
Nach dem Sieg lädt Adolf Hitler Sonja Henie und ihre Familie auf den Obersalzberg ein. Sie hebt den Arm zum Nazigruß. Er überreicht ihr ein Autogramm mit Widmung. Bis heute ist Henies Verhältnis zu den Nationalsozialisten nicht eindeutig geklärt.
Der dritte Olympiasieg ist für Sonja Henie der Startschuss ihrer eigentlichen Karriere. Nur wenige Monate nach dem Triumph in Garmisch reist sie in die USA, die Familie kommt mit. Henie unterschreibt einen hochdotierten Vertrag bei der US-Filmproduktionsgesellschaft 20th Century Fox. Der Fünfjahresvertrag macht sie mit einem Schlag zu einer der höchstbezahlten Schauspielerinnen der Welt.
Ihre Filme haben Erfolg. Henie choreografiert selbst, besetzt sich selbst für die Hauptrolle. Derartige Musicals auf Eis, mit opulenten Kostümen und bombastischer Musik, sind neu für das Publikum. Parallel zum Filmgeschäft erfindet Sonja Henie eine neue Show-Gattung: die Eisrevue. Ihre Auftritte füllen riesige Stadien, Zehntausende kommen, um sie zu sehen, auch Charlie Chaplin, Bob Kennedy und Richard Nixon. Bald geht in Hollywood das Gerücht, die Eiskönigin verdiene mehr als Clark Gable. Sie kauft eine Villa in Beverly Hills.
Selbstbewusst und erfolgshungrig – sie war ihrer Zeit voraus
Mit über 40 Jahren, als Sonja Henies körperliche Kräfte nachlassen, zieht sie sich aus dem Showgeschäft zurück. Sie bleibt im Rampenlicht als Kunstmäzenin und läuft zum Spaß fast täglich auf dem Eis bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1969. Henie war an Leukämie erkrankt und stirbt, 57 Jahre alt, während eines Fluges von Paris nach Oslo.
Bald nach ihrem Tod erscheint eine Biografie über Sonja Henie, verfasst von ihrem Bruder Leif und dem Hollywood-Insider Raymond Strait. Sie beschreiben sie als missgünstige Frau, besessen von Geld und Sex. Das Bild der selbstsüchtigen und rücksichtslosen Henie verfestigt sich in den kommenden Jahrzehnten.
Kuriose Disziplinen: Als Tauziehen olympisch war
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Die Realität ist vermutlich wie immer komplexer. Möglich, dass das emanzipierte Selbstbewusstsein, mit dem Sonja Henie durchs Leben ging, ihr in der damaligen Männerwelt ihren zwiespältigen Ruf einhandelte. Der Sporthistoriker Ansgar Molzberger erklärte dazu im Deutschlandfunk: "Beim Mann hätte man vielleicht gesagt, er hat seine Karriere vorangetrieben, und im Frauenbild der damaligen Zeit wird dann gesagt, das ist aber mit Ellbogen und rücksichtslos."
Selbstbewusst, emanzipiert und ehrgeizig war Sonja Henie auf jeden Fall. Und sie war ihrer Zeit voraus. Sie erkannte als Erste, dass Schlittschuhlauf und Big Business sich glänzend vertragen. Und sie fand immer einen Weg, ihr Publikum zu begeistern. Die Süddeutsche Zeitung schrieb in ihrem Nachruf: "Man wusste auch, dass sie selbst die raffiniert geschickten Werbetexte für ihre Tourneen verfasste, zum Beispiel den, der auf ein Gastspiel der Show in Indien hinweisen sollte. Die Inder, deren Mehrzahl weder Schlittschuhe noch Eis bisher erblickt hatten, konnten auf einem Plakat lesen: "Erscheint alle, um schöne Mädchen mit eisernen Schuhen auf dem laufen zu sehen, womit die Reichen ihren Whisky kühlen."