Als Archäologen im Jahr 2024 bei Ausgrabungen in einem Keller in der tschechischen Kleinstadt Přerov auch ein glattes Stück Knochen fanden, maßen sie dem Fund zunächst keine größere Bedeutung bei. Erst als es einem Mitarbeiter des lokalen Museums in die Hände fiel, sah er deutlich, wozu der Knochen ursprünglich gedient hatte: Zum Gleiten über das Eis. Es war eine Schlittschuhkufe.
Der Knochen – vermutlich vom Unterschenkel eines Pferdes – lief an einem Ende spitz zu und wies an beiden Enden jeweils ein kleines Loch auf. Durch diese Löcher wurden Lederriemen gezogen, um die Kufe an einem Schuh oder Schlitten zu befestigen.
Der Archäologe schätzte das Alter der Kufe auf 1000 Jahre. Zu dieser Zeit hatte sich am Ort der Ausgrabung eine Festung des polnischen Königs Boleslaw des Tapferen befunden. Der hielt damals Mähren besetzt und hatte seine Soldaten in der Festung stationiert. In den kältesten Monaten des Jahres bewegten die sich vermutlich auf knochigen Kufen über den nahen zugefrorenen Fluss Bečva.
Speere als Stützen
Wann genau die Menschen mit dem Schlittschuhlaufen begannen, ist nicht geklärt. Als gesichert gilt aber, dass im Laufe des dritten Jahrtausends v. Chr. Völker von Mitteleuropa bis zur eurasischen Steppe lange Knochen von Tieren wie Pferden, Schafen und Kühen spalteten, zuschnitten und dann an ihre Schuhe anpassten. Diese frühen Erfinder bohrten dann – wie die Erbauer in Přerov – Löcher in die Knochen und fädelten Riemen hindurch. Da Knochen von Natur aus Fett enthalten, waren sie ein geeignetes Material für Kufen.
Doch obwohl die Knochen zum Teil angeschliffen wurden, war die Fortbewegung mit dem heutigen Schlittschuhlaufen wohl kaum zu vergleichen. Die damaligen Läufer nutzten wohl zusätzlich Stöcke oder Speere als Stützen und schlurften eher über das Eis, als dass sie glitten. Zum Teil wurden die Kufen unter Schlitten gespannt, um Waren besser transportieren zu können.
In der Schweiz, in Skandinavien, in der Nähe des antiken Roms, in Frankreich – überall stießen Archäologen auf die gleiche Art von Kufen. Sie vermuten deshalb, dass die Idee, sich auf angeschliffenen Knochen über das Eis zu bewegen, noch viel älter ist. Womöglich haben schon die ersten Jäger Schlittschuhe eingesetzt, um sich die Jagd im Winter zu erleichtern.
Metall ersetzte die knochigen Kufen
2007 bauten die Biophysiker Frederico Formenti und Alberto Minetti die prähistorischen Schlittschuhe nach und ließen Versuchspersonen über das Eis schlittern. Bei ihren Tests wiesen sie nach, dass der Gebrauch der Knochenkufen tatsächlich viel effizienter war als das simple Gehen auf dem Eis. Noch im 18. Jahrhundert wurden in London mit Riemen befestigte Knochenschlittschuhe verwendet, auch Norweger und Isländer nutzten sie bis ins 19. Jahrhundert.
Doch schon im 13. Jahrhundert hatten Handwerker aus dem Gebiet der heutigen Niederlande dem Schlittschuh einen entscheidenden Innovationsschub gegeben. Sie waren wohl die ersten, die die Knochen durch Holzstreifen mit eingelassener Eisenklinge ersetzten, bevor sie sie dann ebenfalls an den Schuhen befestigten.
Die Metallkufen verbreiteten sich schnell und lösten schließlich die knöchernen Exemplare ab. Kein Wunder: Auf ihnen konnten sich die Läufer viel schneller und geschmeidiger bewegen, Stöcke waren nicht mehr notwendig und schnelle, flüssige Kurven möglich. Bald darauf war Schlittschuhlaufen nicht mehr nur eine Frage der Fortbewegung bei eisigen Temperaturen. Es wurde zum Freizeitvergnügen und zum Sport.