Drohende Versalzung Wenn Küsten verdursten – Forschende warnen vor weltweitem Grundwasserschwund

Frau und Kind stehen vor überflutetem Dorf
Die Inselstaaten im Südostpazifik wie Kiribati sind weltweit am stärksten betroffen vom steigenden Meeresspiegel. So im Dorf Tarawa von Beia Tiim. "Es wird richtig schlimm", sagt sie. "Die meisten Brunnen sind versalzen, Fäkalien wurden in die Häuser gespült. Ich fürchte um die Zukunft meiner Kinder und die ganz Kiribatis."
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Steigende Meeresspiegel und Übernutzung bedrohen das Grundwasser in Küstenregionen. Mehr als ein Fünftel aller Gebiete ist schon betroffen

Küsten sind lebenswerte Orte. Schon immer siedelte der Mensch gern am Meer, das ihn mit Nahrung versorgte und einen gewissen Schutz gewährte. Von Küsten aus eroberte der Mensch die Welt. Heute leben etwa 60 Prozent der Weltbevölkerung nahe einer Küste, in Europa sind es um die 100 Millionen Menschen. 13 der 20 größten Megastädte der Erde liegen in Küstennähe.

Genau diese Beliebtheit wird nun zum Verhängnis, denn Küsten sind gleich doppelt bedroht: Der hohe Siedlungsdruck führt schon heute dazu, dass Grundwasser übernutzt wird, während durch den Meeresspiegelanstieg die Reserven versalzen. Und wo das Grundwasser zurückgeht, kann das salzige Meerwasser noch leichter eindringen. Eine großangelegte Studie konnte den Schaden nun beziffern: Mehr als 20 Prozent aller untersuchten Küstengebiete weltweit sind betroffen.

Die Untersuchung ist gerade in der Fachzeitschrift "Nature Water" erschienen. Das Forschungsteam um Robert Reinecke vom Institut für Geographie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Annika Nolte vom Climate Service Center Germany in Hamburg griff dafür auf Messwerte aus fast einer halben Million Brunnen überall auf der Welt zurück. Zwischen 1990 und 2024 sank bei einem Fünftel von ihnen der Grundwasserpegel, teilweise über 50 Zentimeter in nur einem Jahr. 

Blick auf Georgetown von oben am Wasser
Georgetown, die Hauptstadt von Guyana, liegt knapp am Rand des Atlantiks. Etwa ein Viertel der Einwohner des Landes wohnt in ihrem Einzugsgebiet. Die Menschen sind stark vom Meeresspiegelanstieg bedroht, nur eine niedrige Mauer schützt das dicht bebaute Gebiet vor den Fluten
 

 
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An manchen Orten stieg das Grundwasser dagegen auch. "In welchem Maße sich die Grundwasserspiegel verändern, variiert deutlich – innerhalb vieler Regionen auch kleinräumig", sagt Robert Reinecke. Allerdings registrieren die Forschenden seit 2016 zunehmend sinkende Pegel, vor allem an Küsten der USA und Zentralamerikas, im Mittelmeerraum, in Südafrika, in Indien sowie im Süden Australiens.

Weil Küstengrundwasser so anfällig für eindringendes Salzwasser ist und gleichzeitig sehr viele Menschen davon abhängen, könnten die Auswirkungen in Zukunft sogar noch gravierender sein. "In den kommenden 50 Jahren kann es in allen Küstengebieten der Welt zu Trinkwasserproblemen kommen", warnt Reinecke. Das sei nicht nur problematisch für die Trinkwasserversorgung der Küstenbewohner und -bewohnerinnen sowie der Ökosysteme dort. Denn schließlich werden an Küsten viele Lebensmittel für den Weltmarkt erzeugt. Und leidet der, trifft das auch Menschen, die weit entfernt vom Meer leben.