Koloniales Erbe Jean-Jacques Muyembe: Die Welt übersah den Mitentdecker des Ebola-Virus jahrzehntelang

Jean-Jacques Muyembe hält eine Rede
2019 erhält der kongolesische Mikrobiologe Jean-Jacques Muyembe für seine Forschungen zum Ebola-Virus den "Hideyo Noguchi Africa Prize" von der japanischen Regierung
© Rhohei Moriya / picture alliance
Der kongolesische Mikrobiologe Jean-Jacques Muyembe riskierte sein Leben in der Erforschung von Ebola. Doch lange wurde er nicht als Mitentdecker des Virus anerkannt

Als Jean-Jacques Muyembe 1976 Yambuku im Norden der damaligen Republik Zaire erreicht, ist das abgelegene Dorf wie verlassen. Viele Bewohner sind an einer rätselhaften Krankheit gestorben, andere sind geflohen. Also hat ihn das Gesundheitsministerium geschickt. Die Nachricht von der Ankunft des jungen Arztes lockt einige der noch Lebenden zurück in die Dorfklinik. Die Menschen in Yambuku leiden an Fieber, Durchfall und Kopfschmerzen. Muyembe sucht die Ursache für die Symptome: Malaria, Gelbfieber, Typhus?

Er nimmt den Patienten Blut ab. Als aus der winzigen Einstichstelle Blut schießt, begreift Muyembe, dass er es mit etwas zu tun hat, das er noch nie zuvor gesehen hat. Dieser Vorfall gilt heute als einer der ersten bekannten Ausbrüche des tödlichen Virus: Ebola. Der 34-Jährige macht von diesem Moment an den Kampf gegen die Krankheit zu seiner Lebensaufgabe.

Ein Arzt aus dem Kongo

Jean-Jacques Muyembe wird 1942 in der Provinz Bandundu als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Damals ist der heutige Kongo noch belgische Kolonie. Er besucht eine Missionsschule, studiert danach Medizin an der Universität Lovanium in Léopoldville, dem heutigen Kinshasa. 1973 promoviert er in Virologie an der Universität Leuven in Belgien. Dann kehrt er in seine Heimat zurück, entschlossen, sein Wissen in den Dienst der Gesundheit seines Landes zu stellen. Doch seine Arbeit als Arzt ist risikoreich: Als er 1976 die Patienten in Yambuku untersucht, trägt Muyembe keine Handschuhe. Die Klinik in dem Dorf tief im Wald kann sie sich nicht leisten. Also wäscht er sich nach der Untersuchung die blutigen Hände mit Wasser und Seife. Dass er sich damals nicht mit dem hochansteckenden, über Körperflüssigkeiten übertragenen Virus infiziert, ist ein außergewöhnlicher Glücksfall.

Denn Ebola gehört zu den tödlichsten Viruskrankheiten der Welt: Je nach Erregertyp sterben zwischen 25 und 90 Prozent der Infizierten. Immer wieder erschüttern Ebola-Wellen den afrikanischen Kontinent – am verheerendsten 2014 bis 2016 in Westafrika, zuletzt erneut 2026 in der Demokratischen Republik Kongo. Allein im Kongo wurden seit 1976 3244 Todesfälle registriert, auf dem gesamten Kontinent mehr als 15.000.

Der Ruhm der anderen

Weil es im Kongo in den 1970er-Jahren keine geeigneten Forschungslabore für die Untersuchung des Erregers gibt, schickt Muyembe die Proben an seine Kollegen in Belgien. Im September 1976 kommt das Paket am Institut für Tropenmedizin in Antwerpen an, wo der junge Mikrobiologe Peter Piot ein Paket mit Blutröhrchen auspackt. Einige sind zerbrochen, das Eis darum bereits geschmolzen. Als er die Proben aus Yambuku unter dem Elektronenmikroskop untersucht, entdeckt Piot etwas bis dahin Unbekanntes: ein schlangenartiges Partikel, riesig im Vergleich zu anderen Viren und dem Marburg-Virus auffallend ähnlich. Der Erreger erhält den Namen Ebola, benannt nach einem Fluss in der Nähe des Dorfes Yambuku.

Nach der Entdeckung des Virus macht Piot Karriere in der Wissenschaft. In den folgenden vier Jahrzehnten erhalten er und seine Kollegen in England und den Vereinigten Staaten Würdigungen für die Erforschung des Ebola-Virus. Doch Jean Jacques Muyembe, jener Arzt aus dem Kongo, der die Blutproben unter risikoreichen Bedingungen entnahm, bleibt in der internationalen Wissenschaftswelt weitgehend unbekannt.

Pionier der Seuchenkontrolle

Auch ohne internationale Anerkennung widmet Jean-Jacques Muyembe sein Leben der Erforschung und Bekämpfung des Virus. Als 1995 in der kongolesischen Stadt Kikwit erneut Ebola ausbricht, leitet er die Notfallmaßnahmen – ebenso wie bei acht folgenden Epidemien, die das Land heimsuchen. Er gewinnt das Vertrauen der betroffenen Gemeinschaften, überzeugt sie von Schutzmaßnahmen und entwickelt Wege, Tote würdevoll zu bestatten, ohne das Infektionsrisiko weiter zu erhöhen. Er entwickelt Strategien für die Kontaktverfolgung und Isolierung sowie Regeln für einen möglichst kontaktarmen Alltag. So wird er zu einem Pionier jener Seuchenkontrolle, an der sich westliche Gesundheitssysteme 25 Jahre später während der Corona-Pandemie orientieren.

Während Ebola in Kikwit erst Dutzende, dann Hunderte Menschen tötet, sucht Muyembe nach einer Heilung. Dabei greift er auf ein Verfahren zurück, das schon vor der modernen Impfstoffentwicklung verwendet wurde: Er injiziert seinen Patienten das Blut von Ebola-Überlebenden. Deren Antikörper sollen das Virus im Körper der Kranken bekämpfen. Und es scheint zu funktionieren: Sieben der acht von Muyembe so behandelten Patienten überleben. Später schildert er im Rückblick auf seine Karriere, wie das medizinische Establishment im Westen diese frühen Forschungsansätze abtut. Der Kampf gegen das Virus wird für Muyembe damit zugleich zu einem Kampf um Anerkennung und eigene Forschungsstrukturen im Kongo.

Schon seit 1984 unterstützt Muyembe den Aufbau des Nationalen Instituts für Biomedizinische Forschung in Kinshasa. Doch erst als er 2006 eine Partnerschaft mit den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA erreicht, kann er seinen Heilungsansatz für das Ebola-Virus konsequent weiterentwickeln. 2020 lässt Muyembe schließlich das von ihm kreierte Medikament Ebanga patentieren. Das humane Antikörpermedikament ist die erste wirksame Behandlung gegen den Zaire-Typ des Ebola-Virus und rettet etwa 70 Prozent der Patienten.

Ein Jahr später reist er in die USA, um an der Universität Washington über den langen Weg zum Ebola-Medikament zu sprechen: "Es dauerte mehr oder weniger 20 Jahre, bis diese ersten Beobachtungen anerkannt wurden, weil sie von einem kongolesischen Team gemacht wurden", sagt er in seiner Rede. "Wäre diese Idee früher von der Wissenschaft akzeptiert worden, hätten wir viele Menschenleben retten können."

Inzwischen ist Muyembe Leiter des Biomedizinischen Forschungsinstitutes in Kinshasa. 2019 verbietet er, dass Blutproben aus dem Kongo ausgeflogen werden. Wer Proben aus dem Kongo untersuchen will, muss künftig in den Kongo reisen.

Heute tritt Muyembe an den großen Universitäten der Welt auf und fordert ein Umdenken in der globalen Forschung. Die Zusammenarbeit zwischen Europa, den USA und Afrika sei notwendig, sagt er – aber nur, wenn diese ihr koloniales Erbe reflektierten. Sein eigentliches Vermächtnis liege nicht in der Entdeckung von Ebola, sondern darin, dass die nächste weltverändernde Blutprobe von einem jungen kongolesischen Wissenschaftler im Kongo selbst untersucht werden kann.