Es ist 18 Uhr, als der Abteilungsleiter seiner Angestellten noch einige Papiere schickt und sie bittet, bis zum nächsten Morgen eine Stellungnahme zu schreiben. Sie nickt, lächelt, obwohl sie eigentlich Nein sagen möchte. Stattdessen legt sie den Kopf schräg, gibt zustimmende Worte von sich, ergänzt beflissen eine Idee. Sie wünscht dem Leiter einen schönen Feierabend. Dann verschiebt sie ihre private Verabredung. So wie sie es auch in den Wochen davor getan hat: Statt eine Grenze zu ziehen, sich durchzusetzen, passt sie sich seit Jahren an, verschiebt Sport und eigene Termine.
Hinter dieser Freundlichkeit steckt manchmal ein altes Überlebensmuster, ein Nervensystem, das auf Hochtouren arbeitet, obwohl die Szene leise, nahezu still und zuvorkommend freundlich wirkt. Psychologen sprechen beim übermäßigen Gefallenwollen seit geraumer Zeit von "Fawning"— abgeleitet vom englischen Verb "to fawn": kriechen, schmeicheln, sich unterwürfig anbiedern. Dass das Substantiv "fawn" im Englischen zugleich ein von seiner Mutter verlassenes Rehkitz bedeutet, ist sprachwissenschaftlich Zufall – und doch ein treffendes Bild: ein hilfloses Jungtier, das stillhält, um Gefahren zu entgehen. Populärpsychologisch wird manchmal der Begriff Bambi-Reflex genutzt.
Es war der amerikanische Psychotherapeut Pete Walker, der in dem Gefallenwollen eine von den bekannten Traumareaktionen nicht abgedeckte Strategie im Umgang mit Gefahr und Trauma erkannte. Er rückte die Fawn-Strategie neben die gut dokumentierten Reaktionen auf äußeren Stress: Fight, Flight oder Freeze.
Die Entdeckung dieser Stressmuster beginnt in einem Labor der renommierten Harvard-Universität. Bereits ab den 1910er-Jahren beobachtete der Physiologe Walter Cannon dort Katzen, die er kontrollierten Stresssituationen aussetzte. Indem er Herzfrequenz, Blutdruck und Adrenalinwerte der Tiere maß, entdeckte er ein Muster, das die Psychologie bis heute prägt: Wenn der Organismus Gefahr und großem Stress ausgeliefert ist, bereitet das sympathische Nervensystem einen von zwei Überlebensmodi vor: Kämpfen oder Fliehen. 1915 fasste Cannon seine Erkenntnisse in dem Buch "Bodily Changes in Pain, Hunger, Fear and Rage" zusammen.
Bei Gefahr beschleunigt Adrenalin den Herzschlag, der Blutdruck steigt, Muskeln spannen sich, die Verdauung wiederum stoppt, und das Schmerzempfinden sinkt. Überlebensmuster werden damit hochgefahren, energieverbrauchende Vorgänge abgeschaltet. So konnten unsere Vorfahren überleben, wenn der Säbelzahntiger angriff, sie kämpften oder flohen. Effektive Werkzeuge der Evolution.
Stressmuster und das autonome Nervensystem
Jahrzehnte später wurden die Fight- und Flight-Modi um eine dritte Überlebensreaktion ergänzt. Fachleute beobachteten das Freeze-Muster: Erstarren ist eine dritte Form, auf äußersten Stress zu reagieren. Wenn der Körper nicht kämpfen oder fliehen kann, "friert" er ein. Die Stimme bricht vielleicht, der Kopf mag sich leer fühlen, die Welt erscheint in Nebel gehüllt wie hinter einer milchigen Glasscheibe. Mancher hat das Gefühl bereits erlebt, als würde er neben sich stehen.
Was wie Passivität erscheint, ist neurobiologisch das Gegenteil. Die niederländische Neurowissenschaftlerin Karin Roelofs erforscht an der Radboud-Universität in Nijmegen die Freeze-Reaktion: Erstarren ist kein Abschalten, sondern ein hochaktiver Vorgang – sie beschreibt es als parasympathische Bremse auf das motorische System. Der Körper drückt Gas und Bremse gleichzeitig. Das sympathische Nervensystem fährt hoch: Die Muskelspannung steigt, Pupillen weiten sich, Adrenalin flutet den Organismus. Gleichzeitig tritt der Parasympathikus auf die Bremse: Der Vagusnerv verlangsamt den Herzschlag, die Atmung wird flacher, die Motorik wird gehemmt. Das Ergebnis: Ein Körper unter maximaler innerer Spannung, der vollkommen stillsteht — aber hellwach ist. Das Gehirn scannt die Lage, sucht einen Ausweg.
Wenn Stress zum Einfrieren führt
Der Neurowissenschaftler Stephen Porges lieferte für die Hierarchie der Stressmuster mit seiner Polyvagaltheorie den Rahmen: Das autonome Nervensystem arbeitet in drei hierarchischen Stufen. Zuerst versucht es, Sicherheit durch soziale Verbindung herzustellen (ventraler Vagus). Gelingt dies nicht, mobilisiert der Sympathikus Kampf- oder Fluchtreaktionen. Scheitern diese beiden Optionen, aktiviert der stammesgeschichtlich älteste Schaltkreis – der dorsale Vagus – das Einfrieren, die Freeze-Reaktion oder den Kollaps, die Ohnmacht.
Mit den drei Überlebensreaktionen Flight, Fight und Freeze schien das Bild lange vollständig, bis es um Fawn ergänzt wurde: die übermäßige Anpassung, das ewig lächelnde und gefällige Verhalten. Für die klinische Psychologin und Autorin Dr. Ingrid Clayton reagiert bei dieser unterwürfigen Reaktion ein Mensch auf bedrohlichen Stress, indem er bemüht ist, übermäßig gefällig und hilfreich zu sein.
Wenn in der Kindheit Kampf oder Flucht nämlich keine Option waren und erstarren keinen Sinn ergab, kommt die Anpassung ins Spiel. Buchautorin Clayton schreibt: "Als Traumareaktion stellt Fawning das Verhalten in einen größeren Zusammenhang mit Entmachtung und Misshandlung. Es geht darum, angesichts von Ausbeutung, Scham, Vernachlässigung, Missbrauch oder anderem Unheil die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Kinder etwa streben danach, Verbundenheit aufrechtzuerhalten, weil sie auf eine Erziehungsperson angewiesen sind."
Fawning will Schutz. Wie auch im Fall der Angestellten, die keinen Auftrag zurückweist, um ihre Stelle zu sichern. Dazu werden notfalls Werte, Meinungen und Bedürfnisse übertrieben zurückgestellt.
Der Psychologe Pete Walker entdeckte diese Reaktion bei Erwachsenen, die als Kinder missbraucht, vernachlässigt oder emotional überfordert worden waren – und an einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung litten. Statt die üblichen Überlebenstechniken zu zeigen, gefielen sie.
Walker beschrieb erstmals für die Fachwelt einen subtilen Mechanismus, der jahrzehntelang auch von Experten übersehen blieb: Kinder, die in einem Umfeld aufwachsen, in dem Widerstand bestraft wird und Flucht unmöglich ist, lernen diese Strategie. Sie lesen die Stimmung der Bezugsperson, passen sich an, stellen die eigenen Bedürfnisse zurück. Sie machen sich nützlich, gefügig, unsichtbar. Und erkaufen sich so Sicherheit wie das verlassene Rehkitz.
Aus Sicht der Polyvagal-Theorie des Neurowissenschaftlers Stephen Porges greift die Fawn-Reaktion ausgerechnet auf jenen Schaltkreis zum Überleben, der für soziale Verbindung und Zugehörigkeit zuständig ist – den ventralen Vagus. Das Nervensystem spricht die Sprache der Nähe, obwohl der Körper Schutz vor den engsten Bezugspersonen sucht. Ein Zusammenhang, den auch Entführungsopfer beim Stockholm-Syndrom als Identifikation mit dem Aggressor zeigen.
Was diese Reaktion schwer erkennbar macht: Sie wirkt wie ein charakterlicher Wesenszug, ja eher wie eine Tugend, nicht wie ein Symptom: Die aufopferungsvolle Kollegin. Der verständnisvolle Freund. Die Angestellte, die Ja sagt. Die Gesellschaft lobt und schätzt ihr Verhalten. Und übersieht: Hinter der Freundlichkeit kann ein gelerntes und verzweifeltes Muster stecken.
Lektüre-Tipp: Ingrid Clayton: "Fawning. Die unterschätzte Traumareaktion". Ullstein 2025.