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Psychologie Nehmen Borderliner die Welt durch eine negative Brille wahr?

Drei Studien versuchen, das Borderline-Symptom intensiv aufwallender Wut zu erhellen. Könnte eine verzerrte Deutung sozialer Situationen Auslöser für die Rage sein? 
Zwischen Borderline-Störung und intensiv aufwallender Wut könnte als Bindeglied eine negativ getönte Sicht auf Situationen liegen
Zwischen Borderline-Störung und intensiv aufwallender Wut könnte als Bindeglied eine negativ getönte Sicht auf Situationen liegen
© Sally Anscombe / Getty Images

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung gilt als Störung der Emotionsregulation. Menschen mit dieser Diagnose neigen dazu, mit intensiver Wut bereits auf kleine Auslöser zu reagieren: Ein schiefer Blick, eine verspätete Nachricht, ein knappes "Ok" im Chat oder ein mehrdeutiger Witz. Schneller als Menschen ohne Erkrankung geraten sie in Rage und sind überzeugt, dass jemand ihnen schlecht gesonnen ist oder sogar schaden will. 

Typisch für die Erkrankung sind außerdem die starke Furcht, verlassen, abgelehnt oder verraten zu werden. In Freundschaften und Partnerschaften führt das schnell zu Streit und heftigen Konflikten. Die dabei intensiv aufflammende Wut macht diese Beziehungen instabil, Kontaktabbrüche sind häufig und belasten sowohl die Betroffenen als auch ihr Umfeld.

Ein Forschungsteam um den Sozialpsychologen Virgil Zeigler-Hill von der Universität Oakland hat nun in einer Serie von drei Studien mit unterschiedlichen Bevölkerungsstichproben untersucht, wie genau Borderline-Persönlichkeitsmerkmale mit Wut zusammenhängen und wodurch diese Emotion vermittelt sein könnte. Statt mit klinisch diagnostizierten Patienten und Patientinnen arbeiteten sie mit Personen aus der Allgemeinbevölkerung, deren Wutneigung und Ausprägung Borderline-typischer Merkmale per Fragebogen erfasst wurden. 

Hinter der Borderline-Wut könnte eine verzerrte Interpretation stecken

Im Zentrum stand eine Frage: Wie schnell unterstellen Menschen mit Borderline-Zügen anderen böse Absichten? Die Hypothese: Zwischen Borderline-Merkmalen und intensiver Wut liegt als Zwischenglied eine feindliche Interpretation – eine negativ verzerrte Sicht auf mehrdeutige, ambivalente soziale Situationen. Im Kern vermuteten sie also eine Störung der Informationsverarbeitung hinter den Gefühlsstürmen.

Menschen mit erhöhten Borderline-Merkmalen könnten, so die Annahme, ihrer Umwelt eher feindselige oder böse Motive zuschreiben – und genau diese negative Brille würde den aus ihrer Sicht berechtigten Ärger wecken. Eine pessimistische Deutungsschablone würde also die Spirale der Wut in Gang setzen und anheizen.

Intensivstes Gefühlsleben und große Anspannung: In der Borderline-Forschung geht es darum, wie Gefühle gut reguliert werden können. Betroffene sollen mithilfe sogenannter Skills lernen, ihre Innenwelt zu beruhigen 

Psychologie Ist die Borderline-Diagnose überholt?

Stimmen mehren sich unter Fachleuten, dass der Begriff Borderline ein "toxischer Term" sein könnte, der Betroffenen eher schadet und Wissenschaft und Behandlung nicht weiterbringt. Stimmt das? Und wie kann Menschen mit instabilem Gefühlsleben geholfen werden?

Geprüft wurde dieser Wahrnehmungs-Bias in drei Stichproben: einer amerikanischen Hochschulstichprobe (Studie 1), einer Stichprobe von amerikanischen College-Studierenden in romantischen Beziehungen (Studie 2) sowie bei langjährigen Paaren in Israel (Studie 3). Die Forschungs-Teams unterschieden dabei zwei Untertypen feindlicher Zuschreibungen: direkte und indirekte. 

Bei einer direkten Zuschreibung wird eine offene Aggression unterstellt, die Wut auslöst: Stößt jemand beim Verlassen eines Restaurants mit einer Person zusammen, könnte dies beispielsweise als gezielter Angriff gedeutet werden. Bei indirekter Feindseligkeit wird eher angenommen, dass jemand subtil am eigenen sozialen Status sägt – etwa wenn Schweigen in einem Gruppengespräch als Ablehnung gelesen oder Kritik als Versuch einer sozialen Bloßstellung verstanden wird. Beides kann Wut auslösen, auch wenn die Situation objektiv offen, harmlos oder unklar bleibt.

Die Umwelt wird als kränkend und böse erlebt 

Die Ergebnisse aller drei Studien stützen die Annahmen der Forschenden: Personen mit ausgeprägten Borderline-Merkmalen berichteten in allen drei Studien deutlich häufiger über Emotionen starker Wut. Zugleich neigten sie dazu, neutrale oder mehrdeutige Situationen so zu deuten, als wollten andere sie gezielt kränken, ausnutzen oder angreifen. Genau diese feindlichen Zuschreibungen erklärten einen wichtigen Teil ihrer emotionalen Reaktion. Die typische Wut war statistisch vermittelt durch die Tendenz, sowohl direkte als auch indirekte feindselige Absichten zu unterstellen. Menschen mit erhöhten Borderline-Merkmalen scheinen das Verhalten anderer eher als absichtlich schädigend wahrzunehmen – durch offene Aggression, aber auch durch subtilere und indirekte Formen sozialer Abwertung.

Für Therapie und Psychoedukation bedeutet das: Es lohnt sich, mit Betroffenen an ihrer Deutung sozialer Erfahrungen zu arbeiten. Psychologen und Psychologinnen können auf das "Drehbuch im Kopf" aufmerksam machen: Welche Geschichte entsteht innerlich, wenn andere sich distanziert, unklar oder ambivalent verhalten? Betroffene könnten lernen, Reaktionen von Mitmenschen multiperspektivisch zu betrachten, alternative Erklärungen zu prüfen und so Eskalationen und Kontaktabbrüche eher zu vermeiden.

Dieser Fokus auf Wahrnehmungsverzerrungen kann helfen, Beziehungen zu stabilisieren und Wut auf ein gesundes Maß zu regulieren. Gleichzeitig birgt dies aber die Gefahr, die Wahrnehmung der Betroffenen als Übertreibung zu deklassieren. 

Die kritische Frage bleibt: Wann ist eine feindliche Zuschreibung in einer sozialen Situation verzerrt – und wann realistisch? Viele Menschen mit Borderline haben tatsächlich massive biografische Zurückweisungen, Gewalt oder Missbrauch erlebt. 

Wer ausschließlich mit der Brille der Fehldeutung auf ihr Erleben blickt, blendet leicht die strukturelle und biografische Gewalt aus, die diese Menschen – oft mit deutlichem Traumahintergrund – tatsächlich erlitten haben. Es kann passieren, dass man mit einer teils auch stigmatisierenden Schablone "der Verzerrung" zu wenig das Leiden würdigt und eher das Wissen heranzieht, um Betroffene weniger ernst zu nehmen und als stets Übetreibende zu deklassieren.  

mae