Gefährliche Langzeitfolgen Bestimmte Infektionen erhöhen das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall

Hände halten ein gemaltes Herz
Eine Reihe an Studien zeigt, dass eine schwere Grippeerkrankung in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten das Risiko für einen Herzinfarkt steigert
© BeritK / Getty Images
Manche Infektionen können das Risiko für Folgeerkrankungen deutlich steigern, etwa für Herzinfarkt und Schlaganfall. Inzwischen wissen Mediziner warum

Herzinfarkt nach Grippe, erhöhtes Lungenkrebs-Risiko nach Covid, Demenz durch den Gürtelrose-Erreger Herpes zoster: Etliche Studien aus den vergangenen Monaten deuten darauf hin, dass manche Infektionen neben einer akuten Krankheit teils wesentlich gravierendere Spätfolgen haben können. Inzwischen ist die Medizin den zugrunde liegenden Mechanismen auf der Spur.

Erstes Beispiel: Kürzlich berichtete ein US-Team im Fachblatt "Cell", dass Menschen mit schweren Verläufen von Covid-19 und Grippe ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs haben. "Ein schwerer Verlauf von Covid-19 oder Grippe kann die Lunge in einen langanhaltenden Entzündungszustand versetzen, der es Krebs später erleichtert, sich dort anzusiedeln", erläuterte Hauptautor Jie Sun von der University of Virginia. 

Das Forschungsteam hatte Daten von knapp 76 Millionen Erwachsenen ausgewertet, von denen ein Teil an Covid erkrankt war. Eine solche überstandene Erkrankung mit Klinikaufenthalt war mit einem 1,24-fachen Lungenkrebs-Risiko verbunden. Ähnlich erhöhte Risiken für Lungenkrebs seien auch nach Grippe beobachtet worden, hieß es.

Zweites Beispiel: Ebenfalls in "Cell" und in "Nature" berichtete eine Gruppe um Pascal Geldsetzer von der kalifornischen Stanford University, dass die Impfung gegen Gürtelrose - zumindest bei Frauen - das Risiko für eine Demenz-Erkrankung deutlich senkt. Möglicherweise, so eine Vermutung, könne eine Infektion von Nervenzellen mit dem Varizella-Zoster-Virus Demenz-begünstigende Veränderungen bewirken. Gesichert ist dieser Zusammenhang jedoch nicht.

Folgen von Infektionen auf Herz-Kreislauf-System gut nachweisbar

Drittes Beispiel: Wesentlich besser belegt ist die Verbindung zwischen Grippe und Herz-Kreislauf-Ereignissen wie etwa Herzinfarkt und Schlaganfall. Eine ganze Reihe von Studien zeigt, dass eine schwere Grippeerkrankung in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten das Risiko für ein solches Vorkommnis bei gefährdeten Menschen deutlich steigert.

So berichteten US-Mediziner 2018 im "New England Journal of Medicine" ("NEJM") nach einer Studie an älteren Menschen, dass eine bestätigte Grippe binnen einer Woche das Risiko für einen Herzinfarkt um das Sechsfache steigerte. Weitere Studien bestätigen ähnliche Trends - allerdings schwächer ausgeprägt - für Erkrankungen durch Covid und das Humane Respiratorische Syncytial-Virus (RSV), das schwere Atemwegsinfekte verursachen kann.

Hoffnungsvolle Nachricht: Herzmuskelzellen, so zeigen Studien, können sich in größerem Umfang regenerieren als vermutet - durch Bewegung 

Prävention Über die Fähigkeit des Herzens, sich selbst zu regenerieren

Ein internationales Team hat an der Uniklinik Heidelberg an Mäusen untersucht, ob sich das Herz durch ein Bewegungsprogramm verjüngen lässt – und herausgefunden: Das Herz ist weitaus fähiger, sich zu regenerieren als bisher angenommen. Medizinerin Carolin Lerchenmüller erläutert, was jeder für die Herzgesundheit tun kann 

"Die Folgen solcher Infektionen lassen sich gerade auf das Herz-Kreislauf-System gut nachweisen, weil die Latenzzeit sehr kurz ist", erläutert der Infektiologe Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena. Dies sei bei Krebs- oder Demenzerkrankungen, die über viele Jahre entstehen, grundlegend anders.

"Es geht um die schweren Infektionen"

Pletz selbst, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, hat in einer Studie in Thüringen den Einfluss von RSV bei hospitalisierten Menschen mit einer Lungenentzündung untersucht. Bei jenen Patienten ab 65 Jahren, deren Lungenentzündung durch diese Viren verursacht war, starben in den 30 Tagen nach der Einweisung mehr als 18 Prozent. Und mehr als 36 Prozent hatten einen schweren Herz-Kreislauf-Vorfall, wie das Team im "Journal of Infection" berichtet. "Die kardiovaskuläre Sterblichkeit wird zu einem großen Teil durch Infektionen getriggert", sagt Pletz.

Lange hätten Ärzte sich bei der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die klassischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, hohe Blutfettwerte und Diabetes konzentriert, sagt Dirk Westermann vom Universitäts-Herzzentrum Freiburg. "Doch in den letzten Jahren hat sich immer deutlicher gezeigt, dass auch Infektionen eine große Rolle spielen."

Dabei geht es aber nicht um jede Infektion, wie Carsten Watzl von der TU Dortmund betont. "Es ist nicht der normale Schnupfen, es ist nicht jeder Atemwegsinfekt, sondern es geht um die schweren Infektionen", sagt der Immunologe. Und gefährdet seien vor allem Menschen mit Vorerkrankungen oder im fortgeschrittenen Alter.

Verantwortlich sind Entzündungsprozesse

Inzwischen seien die Mechanismen für solche Folgen etwa von Grippe, Covid und RSV auf Herz und Kreislauf weitgehend geklärt, sagt Westermann, der auch dem Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung angehört. Gewöhnlich seien es nicht die Erreger selbst, die Ereignisse wie etwa einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen, sondern die dadurch ausgelösten Entzündungsprozesse.

Diese könnten akut etwa Plaques an den Wänden der Blutgefäße verändern, erläutert der Experte. Bei diesen Ablagerungen werde ein Lipidkern nach außen oft von einem dünnen, weichen Häutchen verschlossen. Durch Entzündungsprozesse könne diese Kappe aufreißen, so dass sich auf dem Plaque ein Blutpfropfen - ein Thrombus - bilde. Der behindere den Blutfluss an der ohnehin bereits verengten Stelle weiter, mitunter bis zu einem Verschluss. Eine Folge könnten - je nach Ort des Verschlusses - etwa Herzinfarkt, Schlaganfall oder Niereninfarkt sein.

Neben dieser akuten Folge könne eine Entzündung über längere Zeit auch den Prozess der Arteriosklerose beschleunigen, sagt Westermann: Die Blutgefäße verengen, verhärten, altern schneller. Dauerhaft erhöhte Entzündungswerte gingen mit einem erheblichen kardiovaskulären Risiko einher, betont er.

"Bislang haben wir kaum spezifische Therapien"

Einen dritten Mechanismus beschreibt der Immunologe Watzl: Mitunter könnten etwa bei einer Covid-Erkrankung Immunzellen bis ins Herz vordringen und dort direkt eine Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung auslösen. 

"Die Effekte von Entzündungen können riesig sein", sagt der Kardiologe Westermann. Wenn bei Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko die klassischen Risikofaktoren - also etwa Blutdruck, Blutfett, Diabetes und Tabakkonsum - eingestellt seien, dann sollte die Prävention von Entzündungsprozessen der nächste Ansatzpunkt sein, um schwere Vorfälle zu verhindern. Denn viele Erkrankungen fördern Entzündungsprozesse im Körper - von Rheuma über entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn bis hin zu Parodontitis.

"Bislang haben wir kaum spezifische Therapien", sagt Westermann. Das könnte sich dem Experten zufolge in den kommenden Jahren ändern. Derzeit würden, teilweise schon in Phase-3-Zulassungsstudien, sogenannte Inflammationsmodulatoren an Menschen mit Herz- und Nierenerkrankungen geprüft. Diese Wirkstoffe sollen Entzündungsprozesse gezielt bremsen, etwa über die Hemmung des entzündungsfördernden Zytokins Interleukin-6 (IL-6). 

 "Eine Unze Vorbeugung ist soviel wert wie ein Pfund Heilung"

Doch bisher ist das Zukunftsmusik. Derzeit, darin sind sich Experten einig, bestehe die beste Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen - in Deutschland nach wie vor Todesursache Nummer 1 - darin, sich etwa gegen Grippe, Covid und RSV impfen zu lassen. 

Das zeigt etwa eine internationale Doppelblind-Studie: Darin wurden rund 2.500 Menschen mit einer Herzerkrankung in Krankenhäusern entweder gegen Grippe geimpft oder sie erhielten eine wirkungslose Placebo-Spritze. Bei den tatsächlich geimpften Patienten lag in den folgenden zwölf Monaten die Rate an schweren Herz-Kreislauf-Vorfällen um 28 Prozent niedriger als in der Placebo-Gruppe. Die Herz-Kreislauf-bedingte Sterberate war sogar um 41 Prozent geringer, wie das Team um Ole Fröbert von der schwedischen Universität Örebro im Fachjournal "Circulation" berichtete.

Dieses Ausmaß sei "wahrlich bemerkenswert", heißt es in einem Kommentar im selben Journal, auch wenn die Studie einige Schwächen aufweise. So wurde sie wegen der Corona-Pandemie vorzeitig abgebrochen, zudem waren Männer deutlich überrepräsentiert. Dennoch sollten Kardiologen Herzpatienten unbedingt zur Grippeimpfung raten, schreiben die Kommentatoren und zitieren ein Bonmot des US-Gelehrten und Politikers Benjamin Franklin: "Eine Unze Vorbeugung ist soviel wert wie ein Pfund Heilung."

Inanspruchnahme der Grippeimpfung hierzulande auf Tiefststand

"Impfungen schützen nicht nur vor der Grunderkrankung selbst, sondern auch vor den Folgerisiken dieser Erkrankung, etwa für das Herz", betont Watzl. Dass dieser Aspekt Eindruck auf Menschen mache, zeige eine Studie aus Dänemark. Das Land habe - im Gegensatz zu Deutschland - ohnehin sehr hohe Impfquoten, sagt Watzl: "In Dänemark kriegt jeder ab 65 jedes Jahr ein Schreiben, das an die Grippeimpfung erinnert."

Wurden Empfänger in einer Studie mit einer leicht veränderten Erinnerung darauf hingewiesen, dass sie damit auch ihre Herzgesundheit fördern, so stieg die Inanspruchnahme der Impfung - wenn auch nur mäßig - von rund 80 auf 81 Prozent, wie das Team im Fachblatt "The Lancet" berichtete. Das mag wenig erscheinen, aber Resonanz fand das zusätzliche Argument vor allem bei Menschen, die sonst eher impfunwillig sind.

Von solchen Zahlen ist Deutschland weit entfernt: In der Saison 2024/2025 sank die Quote der Standardimpfung gegen Influenza in der Altersgruppe ab 60, für die eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) gilt, im Vergleich zur vorherigen Saison nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) um 4 Prozentpunkte, auf nur noch 34 Prozent, so das RKI in seinem epidemiologischen Bulletin: "Sie liegt damit auf dem niedrigsten Niveau seit Beginn der Berichterstattung in der Saison 2008/2009."

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