Niedersachsen Keime in Gewässern entdeckt: Wie gefährlich sind die multiresistenten Erreger?

NDR-Recherchen haben enthüllt, dass gefährliche Bakterien in der Umwelt zu finden sind. Das Risiko, das von ihnen ausgeht, ist weitgehend unbekannt
Das Zwischenahner Meer in Niedersachsen

Die Proben wurden exemplarisch an zwölf Orten in Niedersachsen genommen. Darunter auch der Badesee Zwischenahner Meer

Multiresistente Erreger, also Bakterien, die gegen wichtige Reserveantibiotika resistent sind, sind überall. Nicht nur in Krankenhäusern und Tierställen. Sondern auch in Bächen und Badeseen. Das haben Recherchen des NDR gezeigt. Zwar war bekannt, dass solche Erreger in der Umwelt zu finden sind, doch das Ausmaß überrascht. Die Proben wurden an zwölf Orten in Niedersachsen genommen - aus Flüssen, Bächen, Badeseen und aus der Kanalisation unter einer Klinik. In allen Gewässern konnten Wissenschaftler multiresistente Erreger nachweisen. Wie gefährlich ist das für Mensch und Tier?

Die Bedrohung ist unklar, aber das Risiko steigt

Wie bei anderen Erregern auch gilt: Gesunde Menschen sind in der Regel nicht gefährdet, wenn sie mit den Erregern in Kontakt kommen. Ist allerdings ihr Immunsystem geschwächt, kann es zu einer Infektion kommen. Nach NDR-Angaben sind sogar lebensbedrohliche Entzündungen der Harnwege, der Lunge oder eine Blutvergiftung (Sepsis) möglich. Eine Behandlung ist dann schwer möglich. Jedes Jahr sterben allein in Deutschland bis zur 4000 Menschen an den Folgen einer Infektion mit multiresistenten Erregern.

Auslöser der NDR-Recherchen war ein Fall aus Frankfurt. Im Frühjahr 2017 war ein Mann in einen Bach gefallen, Wasser war in seine Lunge gelangt. Er starb im Krankenhaus – möglicherweise an einem Super-Bakterium, gegen das kein Antibiotikum mehr half. In Proben, die später aus dem Bach entnommen wurden, fanden sich multiresistente Erreger.

Für gesunde Menschen sind die Erreger oft harmlos

Generell gilt, dass Ältere Menschen und Neugeborene in höherem Maß gefährdet sind – weil ihr Immunsystem schwächelt oder noch nicht voll ausgebildet ist.

Doch viele Menschen tragen die Erreger auch in sich – etwa im Darm oder auf der Haut –, ohne etwas davon zu merken. Sie gelten nicht als infiziert, sondern Ärzte sprechen von einer „Besiedelung“. Gefährlich wird es erst dann, wenn besiedelte Menschen die Keime an geschwächte Menschen weitergeben. Etwa bei einem Besuch im Krankenhaus oder im Altenheim.

Mehr Erreger in der Umwelt, Risiko unbekannt

Die NDR-Recherchen zeigen, dass sich die Keime über die Kanalisation und natürliche Gewässer in der Umwelt ausbreiten. Und das in einem Ausmaß, das den Antibiotika-Experten Tim Eckmanns vom Robert-Koch-Institut "überrascht". Zudem können Tiere wie Vögel, Ratten, Hunde, selbst Insekten zu ihrer Verbreitung beitragen.

Wie groß die Gefahr für Menschen ist, die Erreger aufzunehmen und sich zu infizieren, ist bislang unklar. Allerdings steigt das Risiko mit der Anzahl der Keime in der Umwelt. Systematische Kontrollen gibt es bislang nicht.

742 Tonnen Antibiotika – allein in der Tiermast

Multiresistente Erreger entstehen überall dort, wo viele Antibiotika eingesetzt werden – vor allem in Krankenhäusern und in der Tiermast. In deutschen Ställen wurden nach Angaben des Umweltbundesamtes allein im Jahr 2016 rund 742 Tonnen Antibiotika eingesetzt. Das NDR-Team entnahm die Proben aus Flüssen, Bächen, Badesee und aus der Kanalisation einer Klinik in Niedersachsen.

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