VG-Wort Pixel

Der Berg ruft Wie die Eiger-Nordwand zum gefährlichen Sehnsuchtsziel wurde

Eiger-Nordwand in den Schweizer Alpen im Abendlicht
Der Eiger gehört zu den Berner Alpen, seine Nordwand ist über 1800 Meter hoch
© mauritius images / EyeEm / Sandra Gygax
Die Eiger-Nordwand gilt auch mehr als 80 Jahre nach ihrer Erstbesteigung als Herausforderung für jeden Bergsteiger. Der legendäre Teil des Eiger-Berges in den Schweizer Alpen hat bis heute mehr als 70 Todesopfer gefordert – und lockt trotzdem immer wieder Mutige unter Einsatz ihres Lebens zu neuen Temporekorden an

Mehr als 1800 Meter hoch, berüchtigt für schlagartige Wetterwechsel, Lawinen und Steinschlag – die Nordwand des Eiger steht weltweit als Synonym für höchste Anforderung und Leistung im Bergsteigen. Erst 1938 gelang einem deutsch-österreichischen Quartett die Durchsteigung der gefährlichen Wand: Andreas Heckmair, Heinrich Harrer, Ludwig Vörg und Fritz Kasparek.

Zu dem Zeitpunkt hatten schon andere Bergsteiger versucht, die Nordwand am Eiger zu durchsteigen, mussten in Not gerettet werden oder wurden tot geborgen. Der benachbarte Jungfrau-Gipfel war bereits 1811 erstmals bestiegen worden.

Den Gipfel des Eiger hatte der Engländer Charles Barrington bereits 1858 über eine andere Route als die Nordwand erstmals bestiegen. Was aber macht sowohl die Gefahr als auch gleichzeitig den Reiz am Klettern in der Eiger-Nordwand aus? Die Wand hat:

  • den Schwierigkeitsgrad AS – äußerst schwierig
  • bis zu 80 Grad steile Passagen
  • 3000 Meter an Kletterstrecke
  • 1800 Höhenmeter, die überwunden werden müssen
  • Eisfelder
  • extreme Wetterwechsel mit starken Stürme und Temperaturen bis zu minus 40 Grad Celusius

Goldmedaille für erste Durchsteigung der Eiger-Nordwand

Vor der Erstbesteigung stürzten noch im Juni 1938 zwei Italiener an der Eiger-Nordwand in den Tod. Sie wurden von einem Gewitter überrascht. Trotzdem machte sich das Vierer-Team um Andreas Heckmair einen Monat später auf, um die Eiger-Nordwand endlich zu bezwingen.

Der Wettlauf um die Erstbesteigung wurde unter anderem auch dadurch befeuert, dass Adolf Hitler den Erstbesteigern während der Olympiade 1936 eine Goldmedaille versprochen hatte.

Heckmair, Vörg, Harrer und Kasparek kämpfen sich zum Gipfel

Zum Vorteil gereichte der Vierergruppe, dass inzwischen das zwölfzackige Steigeisen auf dem Markt war und damit besseren Halt im Eis bot. Trotzdem arbeitet sich das Quartett am Morgen des 22. Juli in zwei getrennten Seilschaften mühevoll durch das Eis: Heckmair und Vörg sowie Harrer und Kasparek. Fritz Kasparek hat die alte, zehnzackige Variante der Steigeisen, Heinrich Harrer hat gar keine Steighilfe für das Eis.

Schild mit der Heckmair-Route am Fuße der Eiger-Nordwand
An die Heckmair-Route der Erstbesteigung erinnert heute ein Schild am Fuße der Eiger-Nordwand
© mauritius images / Dirk Hedemann / Alamy

Dann schließen sich die beiden Seilschaften zusammen. Gemeinsam kommen sie besser voran, aber das Wetter schlägt um. Die Vier kämpfen sich durch und klettern weiter durch Eisfelder und  Fels. Bei Sturm, Nebel und Frost, nach zwei Biwak-Übernachtungen im Berg und zig Lawinenabgängen erreichen sie als erste Bergsteiger über die Eiger-Nordwand den Gipfel des 3967 Meter hohen Eiger.  Es ist der 24. Juli 1938, 3.30 Uhr morgens. Die gesamte Aufstiegszeit: Drei Tage.

Neue Temporekorde auf Heckmair-Route

Diese Zeiten sind inzwischen längst "pulverisiert" worden. Immer wieder haben in den darauf folgenden Jahrzehnten unzählige Bergsteiger aus der ganzen Welt versucht, die Durchsteigung der Eiger-Nordwand auf neuen Routen und schneller zu schaffen.

Darunter ist auch der bekannte Bergsteiger Reinhold Messner. Er stellte im August 1974 auf eben genau der Heckmair-Route der Erstbesteigung einen neuen Rekord auf. Gemeinsam mit Peter Habeler aus Südtirol benötigte er statt drei Tagen nur zehn Stunden – und überholte dabei in der Wand noch drei andere Seilschaften.

Wettlauf der Bergsteiger in den Berner Alpen

Zu dem Zeitpunkt hätte sich Reinhold Messner sicher nicht träumen lassen, welche Geschwindigkeiten der immerwährende Kletterwettkampf an der Eiger-Nordwand in den Berner Alpen noch annehmen würde. Der aktuelle Temporekord in der Durchsteigung der legendären Wand wurde im Herbst 2015 sozusagen in Stein gemeißelt. Die engen zeitlichen Abstände  stehen für die Anstrengungen der Bergsteiger und den Antrieb, sich mit der schnellsten Durchsteigung der Eiger-Nordwand an die Spitze der Alpinisten zu setzen.

Dani Arnold knackt bisherigen Rekord

Während noch im Jahr 2008 der Schweizer Alpinist Ueli Steck mit einer Zeit von 2:47 Stunden eine neue Marke setzte, wurde ihm dieser Rekord schon vier Jahre später von seinem Landsmann Dani Arnold abgenommen. Auch er hatte sich für seinen Aufstieg zum Gipfel des Eiger für die klassische Heckmair-Route entscheiden.

Sein Start: 9.05 Uhr beim Sommereinstieg der Route. Sein Jubelruf auf dem Gipfel des Eiger: 11.33 Uhr. Damit hat Dani Arnold für die Durchsteigung der Eiger-Nordwand nur 2 Stunden und 28 Minuten gebraucht – und das solo und ganz ohne versteckten Hubschraubereinsatz.

Ueli Steck holt sich Tempo-Krone an der Eiger-Nordwand zurück

Was Ueli Steck wiederum zu neuen Höchstleistungen anspornte. Im November 2015 machte er sich erneut zu einer Durchsteigung der Eiger-Nordwand im Turbotempo auf und schaffte es tatsächlich, Dani Arnold den Rekord abzunehmen: Mit einer Zeit von 2:22 Stunden. Eine Schweizer Zeitung titelte zu recht "Ueli Steck rennt wieder die Eiger-Nordwand hoch".

Mehr als 30 Routen in der Wand zum Gipfel des Eiger

Inzwischen gibt es an der Eiger-Nordwand mehr als 30 verschiedene Routen für den Aufstieg, die auch miteinander verbunden sind. Als erste Frau schaffte die Durchsteigung der gefährlichen Wand die estnisch-deutsche Daisy Voog im September 1964. Als bisher ältester Bergsteiger durchstieg der damals 74-Jährige Peter Habeler die Eiger-Nordwand im März 2017.

Todesbiwak aus dem Jahr 1935

Alle Strecken- und Altersrekorde ändern aber nichts daran, dass die Eiger-Nordwand eine unberechenbare Extremstrecke ist und bleibt. Das beginnt bei der Tragödie des ersten ernsthaften Versuches im Jahr 1935, die Eiger-Nordwand zu durchsteigen. Die beiden Münchener Max Seldmayer und Karl Mehringer werden von einem Wettersturz in der Wand überrascht. Vereiste Felsen und Neuschnee machen eine Rettung unmöglich - beide sterben, nur einer wird leblos entdeckt. Seitdem trägt die Fundstelle den Namen "Todesbiwak".

Erste erfolgreiche Rettung aus der Nordwand

Beim "Corti-Drama" verunglückte im August 1957 eine deutsch-italienische Vierergruppe an der Eiger-Nordwand. Durch Steinschlag, einen Absturz im Seil und schlechtes Wetter waren sie bereits sechs Tage in der Wand. Der Italiener Stefano Longhi saß durch den Absturz auf einem Felsvorsprung fest. Die beiden Deutschen stürzten beim Versuch ab, Hilfe aus dem Tal zu holen.

Während Longhi auf dem Felsvorsprung starb, konnte nur sein Kollege Claudio Corti zwei Tage später gerettet werden. Der Aufwand: 70 Alpinisten und Rettungskräfte aus fünf Staaten waren im Einsatz. Mit Hilfe einer Stahlseilkonstruktion am  Gipfelgrat konnte Corti geborgen werden. Es war die erste erfolgreiche Rettung eines Bergsteigers aus der Eiger-Nordwand.

Eiger-Nordwand ist und bleibt extrem

Wie extrem die Eiger-Nordwand ist, zeigt das jüngste Beispiel des erfahrenen Schweizer Bergführers Julian Zanker. Im Februar 2019 ist der damals erst 28-Jährige an der Wand in den Tod gestürzt. Trotz aller Wettervorhersagen, Routenkenntnis und moderner Ausrüstung bleibt die Eiger-Nordwand seit der ersten Durchsteigung im Jahr 1938 eine der extremsten Kletter-Herausforderungen und nicht von ungefähr haben Bergsteiger ihr längst einen ganz eigenen Namen gegeben: Eiger-Mordwand.


Mehr zum Thema