Steigender Meeresspiegel Dorf in Wales soll aufgegeben werden - was droht deutschen Küstenorten?

Fairbourne wird wohl als erstes Dorf in Großbritannien ab 2045 in den Fluten des Meeres untergehen. Wie sicher sind die deutschen Küstengebiete, die teilweise sogar unter dem Meeresspiegel liegen?
Fairbourne

Fairbourne am Barmouth Bay liegt nur knapp über dem Meeresspiegel

Der walisische Küstenort Fairbourne hat wenig Besonderes zu bieten. Jetzt schaffte er es trotzdem in die Schlagzeilen. Aus traurigem Anlass. Denn die 1000-Seelen-Gemeinde soll umgesiedelt werden – wegen des steigenden Meeresspiegels.  Die Ortschaft liegt nur knapp über dem Meeresspiegel, und die zukünftig erforderlichen Investitionen in den Küstenschutz sind der Regierung zu teuer.

Darum sollen alle Bewohner ab 2045 ihre Häuser und Grundstücke aufgeben und dem Meer überlassen. Eine Entschädigung, darauf haben die Behörden vorsorglich schon hingewiesen, wird nicht gezahlt. Dazu sei man gesetzlich nicht verpflichtet. Nur beim Umzug in höher liegende Gemeinden soll Hilfe gewährt werden.

Fairbourne ist damit die erste Gemeinde in Großbritannien, die wegen des steigenden Meeresspiegels aufgegeben wird.

Umsiedlungen wegen Klimawandel in Deutschland undenkbar?

Ähnliche Planungen gibt es in den norddeutschen Küstenregionen bislang nicht. Noch bis 2030, rechnen Experten des Norddeutschen Küsten- und Klimabüros am Helmholtz-Zentrum Geesthacht, ist der Schutz durch die bisherigen Deiche an den deutschen Küsten ausreichend. Der Meeresspiegelanstieg bis dahin: zwischen zehn und 20 Zentimeter. Auch Sturmfluten werden um 2030 voraussichtlich "nur" 20 bis 30 Zentimeter höher ausfallen als heute.

„Deutschland hat an der Nordseeküste eine durchgehende Deichlinie“, sagt Peter Fröhle, Leiter des Instituts für Wasserbau der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH). Während in England abgewogen werde, ob es sich finanziell lohne, einen bestimmten Küstenabschnitt zu sichern, sei in den deutschen Wassergesetzen klar definiert, dass im Zusammenhang bebautes Gebiet gegen Hochwasser zu schützen sei. „Und technisch“, sagt Fröhle, „sind wir auf einen Meeresspiegelanstieg vorbereitet“.

Ein halber Meter für sichere Küsten

Schon heute gibt es den sogenannten „Klimazuschlag“: Werden Deiche erneuert, erhalten sie pauschal eine Erhöhung um 50 bis 80 Zentimeter - um dem zukünftigen Meeresspiegelanstieg Rechnung zu tragen. Zusätzlich werden in Schleswig-Holstein die Deichprofile so verbreitert, dass sie sich nach Bedarf „aufstocken“ lassen. Zusammen mit dem „Klimazuschlag“ ergibt sich so eine Reserve von rund 1,5 Metern.

Doch was die fernere Zukunft bringt, kann auch Peter Fröhle nicht voraussagen. Bei ungebremsten Emissionen könnte der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 an den deutschen Küsten um bis zu 80 Zentimeter ansteigen. Wie weit dann die Wassermassen einer Jahrhundert-Sturmflut, wie sie die Nordseeküste im Februar 1962 erlebte, in das Landesinnere schwappen würden, machen interaktive Karten des Norddeutschen Küsten- und Klimabüros sichtbar.

Für die kommenden Jahrzehnte rechnen Experten des IPCC zudem mit einer anwachsenden Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs. Und bei ungebremsten Emissionen sind nach 2100 auch Anstiege um mehrere Meter denkbar. Küstenschutz werde dann immer teurer und schwieriger. "Irgendwann stellt sich die Frage", sagt Fröhle, „ob wir als Gesellschaft noch bereit sind, das zu bezahlen.“