Tschechien Wandern: Warum nicht mal Böhmen statt Bayern?

Unterwegs auf der Via Nova und dem Goldenen Steig: Durch geschichtsträchtiges Terrain und den tschechischen Nationalpark Šumava führen die zwei europäischen Wanderwege vorbei an Burgen und verschwundenen Dörfern
Burg Kašperk, Südböhmen, Tschechien

Über kleine Waldsteige gelangen Wanderer zur erhabenen Burg Kašperk, die aus dem Böhmerwald herauslugt.

In diesem Artikel
Böhmische Dörfer
Böhmisches Glas
Böhmischer Wald
Wandern in Südböhmen
Schlafen in Südböhmen

Nein, das Rezept rückt der Kellner im Gasthof nicht heraus. Mit Engelszungen versuche ich, es ihm zu entlocken, aber er will partout nicht preisgeben, was sich in dem sagenhaft erfrischenden Getränk außer Gurken, Zitronen und Eiswürfeln noch befindet. Brennnessel? Zucchini? Keine Chance. Abkühlung tut Not an diesem heißen Sommertag. Einige Stunden Wanderschaft liegen hinter mir – über kleine Waldsteige zur erhabenen Burg Kašperk und von dort aus über Forst- und Feldwege nach Kašperské Hory, dem ehemaligen Bergreichenstein.

Die einst mit Goldbergbau zu Reichtum gekommene Stadt ist Etappenziel auf gleich zwei europäischen Wanderwegen: dem historischen Handelsweg Goldener Steig und dem Pilgerweg Via Nova. Beide verlaufen, auf unterschiedlichen Routen, vom österreichischen Salzkammergut über den Bayerischen Wald bis nach Mittelböhmen und queren dabei den Šumava-Nationalpark. Beide führen durch geschichtsträchtiges Terrain, das in Vergessenheit geraten war. Und auf beiden stellt sich ein Gefühl ein, wie es wohl nur in der unmittelbaren Nachbarschaft des einstigen Eisernen Vorhangs entsteht. Eine Art historischer Phantomschmerz: Man spürt die Tiefe der Geschichte – und zugleich auch eine eigentümliche Abwesenheit. Irgendetwas fehlt.

GEO Saison 5/2018

Dieser Beitrag stammt aus GEO SAISON HEFT NR. 05/2018

Böhmische Dörfer

In Kašperské Hory verursacht dieses Gefühl der vorbildlich renovierte Stadtkern: Großer Marktplatz, prächtiges Renaissance-Barock-Rathaus mit geschwungenen Giebeln, schön anzusehen und doch seltsam überdimensioniert für das gerade mal 1500 Einwohner zählende Städtchen. Auch im zehn Wanderkilometer entfernten Hartmanice irritiert das Missverhältnis zwischen städtisch anmutender Architektur und Dorfgröße. Ein Besuch in der renovierten Bergsynagoge bringt mich schließlich auf die Spur. Dort hängen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die die Region vor dem Zweiten Weltkrieg zeigen: Kornfelder, Bauernhöfe, Wirtshäuser und Pensionen – ein Landidyll und beliebtes Kur-Urlaubsziel.

Doch eine Reihe aktueller Fotos, 70 Jahre später vom gleichen Standpunkt aufgenommen, zeigen: Von diesen Orten ist so gut wie nichts geblieben. Zuerst wurden, zur Zeit der Nazidiktatur, die jüdischen Mitbürger verjagt und verschleppt. Nach dem Krieg wurde die mehrheitlich deutsche Bevölkerung ausgesiedelt beziehungsweise vertrieben. Und schließlich wurde der Landstrich an der Zonengrenze militärisches Sperrgebiet. Mit den Menschen verschwanden Felder, Gasthäuser und ganze Dörfer. Größere Orte wie Kašperské Hory oder Hartmanice fielen in einen Dornröschenschlaf.

Kasperske, Rathaus

Das Renaissance-Barock-Rathaus von Kašperské ist auffallend prachtvoll für eine Stadt mit nur 1500 Einwohnern.

Böhmisches Glas

Auch das benachbarte Dobrávoda (ehemals Gutwasser) gehörte beinahe zu den verschwundenen Dörfern. Häuser und Kirche blieben nur deshalb erhalten, weil das Dorf nach dem Krieg Verwaltungsstelle eines Truppenübungsplatzes war und das Gotteshaus zum Lager für Militärmaterial wurde. Heute ist der Wallfahrtsort wieder eine wichtige Station auf der Via Nova. Einen nicht geringen Anteil daran hat Vladěna Tesařová.

Die Prager Glaskünstlerin hat sich mit Familie und Atelier im ehemaligen Schulgebäude eingerichtet und schuf dort den mittlerweile berühmten Glasaltar der Wallfahrtskirche St. Gunther, eine fünf Tonnen schwere, jadegrüne Installation. Das durch Eisenoxid grünlich schimmernde Glas wurde schon im Mittelalter in Glashütten entlang des Goldenen Steigs hergestellt. Tesařová betrachtet den Böhmerwald als Sinnbild der Schöpfung. »Die Natur inspiriert meine Arbeit«, sagt sie. Mit ihren Dalmatinern streift sie auch gern abseits der Wege durch das Dickicht: »Es gibt nichts Schöneres, als unter Bäumen im Moos zu liegen oder das kalte, klare Wasser aus den Bächen zu trinken.«

-----------------
FOLGEN SIE UNS: Ihnen gefallen unsere Beiträge? GEO finden Sie auch auf Pinterest, Instagram und Facebook.
-----------------

Im Video: Die schönsten Wanderrouten weltweit

Böhmischer Wald

Die schon vor 100 Jahren vom Dichter Karel Klostermann besungene »Wald­einsamkeit« kann man auch auf den Wegen genießen, besonders im Šumava­ Nationalpark, wo es nur wenige Sied­lungen oder Hütten gibt. Einer der schönsten Wege führt entlang des Flus­ ses Vydra, durch die sogenannte Schachtelei. Das von den Hochmooren teebraun gefärbte Wasser gurgelt um riesige, glatt geschliffene Granitfindlin­ge herum. Und es spendet einen kühlen­den Lufthauch, der an diesem Tag ge­nauso willkommen ist wie der Schatten der alten Tannen und Fichten. Doch auch in der vermeintlich zeitlosen Natur holt mich die jüngere Geschichte ein: Am Eingang zur Schachtelei passiere ich einen Hang mit grauen, gefällten Stäm­men, andernorts im Nationalpark gibt es ganze Höhenzüge mit schwarzen Baum­gerippen.

Saurer Regen und Borkenkäfer haben dem Böhmerwald, in weiten Tei­len eine Fichten­-Monokultur, besonders zugesetzt. Es sind apokalyptisch anmu­tende Anblicke, doch zwischen den ab­gestorbenen Stämmen wächst bereits eine neue Generation von Bäumen heran: der Wald der Zukunft, naturnah und widerstandsfähig. Hinter einer Flussbiegung taucht das ersehnte Ziel der Wanderung auf: die beliebte Gast­wirtschaft Turnerhütte. An manchen Tagen kann man von dort Otter beob­achten, die im Fluss den Forellen nach­stellen. Heute ist es wohl selbst ihnen zu warm. Ich begnüge mich mit einem Schattenplatz auf der Veranda – und einem großen Glas eines rötlichen Erfri­schungsgetränks. Im Unterschied zum verschwiegenen Kellner von Kašperské Hory macht die Bedienung in der Berghütte kein Geheimnis aus den Zutaten: Es handelt sich schlicht und einfach um Himbeerlimonade.

Vydra, Südböhmen, Tschechien

Einer der schönsten Wanderwege führt entlang der Vydra durch die sogenannte Schachtelei.

Wandern in Südböhmen

Karten, Übernachtungs­tipps, kurze Infos zu den Etappen des rund 160 Kilometer langen tsche­chischen Teils der Via Nova finden sich hier – auch auf Deutsch.

Infos zu den Routen des Goldenen Steigs und geführten Wande­rungen gibt es hier.

Hilfreich ist auch das Portal des Nationalparks Šumava, teils auf Deutsch.

Geführte Wander­ und Radreisen bietet der kleine regionale Spezialist Ahoj Tours an.

Aufgepasst: In den warmen Monaten ist der Böhmer­wald ein Risikogebiet für die von Zecken übertragenen Krankheiten FSME und Borreliose.

Schlafen in Südböhmen

Einzige Unterkunft im Kerngebiet des Nationalparks Šumava ist die historische Turnerhütte. Zimmer schlicht und einfach, im Restaurant gibt’s böhmische Haus­mannskost (DZ ab 35 €).

Etwas abseits der Via Nova, aber sehr feudal, erschwinglich und mit Wellnessangebot: das Schlosshotel Zdíkov im Örtchen Zdíkov. Auf der Website stehen wertvolle Wandertipps für die Umgebung und den Nationalpark (DZ ab 56 €).

Toller Blick über waldige Höhen, beste böhmische Küche, guter Ausgangspunkt für Wanderungen im Šumava­Nationalpark: das Hotel Klostermannova Chata in der 1924 errich­teten Hütte im Ort Modrava am Golde­nen Steig/an der Via Nova (DZ ab 57 €).

Zur Startseite
GEO Reise-Newsletter