Studiosus-Geschäftsführer "Zum Schnäppchenpreis ist ein sozial verantwortlicher und umweltschonender Urlaub nicht zu haben"

Die Reisebranche befindet sich zwar stets im Wandel, doch vor dem Hintergrund der momentanen Klimadebatte suchen viele Anbieter noch nach der zukunftsweisenden Lösung. Wir haben mit Studiosus-Geschäftsführer Peter-Mario Kubsch im Interview über den gesellschaftlichen Wandel, dessen Bedeutung für die Reiseindustrie und mögliche Zukunftsszenarien gesprochen
Peter-Mario Kubsch

Peter-Mario Kubsch ist seit 1987 Geschäftsführer von Studiosus Reisen

GEO.de: Nachhaltiges Reisen gewinnt an Relevanz, gleichzeitig war es nie so günstig, die Welt zu entdecken. Wie sehen Sie dieses Dilemma?

Peter-Mario Kubsch: In der Tat, nachhaltiges Reisen steht hoch im Kurs, was ich sehr begrüße. Nachhaltigkeit hat aber ihren Preis: Hotelangestelle haben den berechtigten Wunsch angemessen und fair bezahlt zu werden, Busfahrer benötigen eine gute Unterkunft, um sich von zuweilen anstrengenden Fahrten zu erholen und auch der 24x7-Serviceanspruch darf die Arbeitszeiten nicht aus dem Ruder laufen lassen. Auch die Aufgabe, Klimaschutz und Reisen in Einklang zu bringen, kostet Geld. Nicht nachvollziehbare Billig-Angebote führen daher in die falsche Richtung.

Wie reagiert Studiosus, als einer der führenden deutschen Reiseanbieter, auf diesen gesellschaftlichen Wandel?

Wir sind auf ganz vielfältigen Ebenen aktiv – und das bereits seit langer Zeit. Insofern ist es unsererseits keine Reaktion, wenn Sie mir den Hinweis gestatten, sondern eher eine verstärkte Fortsetzung unserer Bestrebungen, sozial verantwortliche und ökologisch vertretbare Reisen anzubieten. Ein Thema, das uns dabei sehr am Herzen liegt, ist auch der Einsatz für Menschenrechte im Tourismus. Hier engagieren wir uns über die Multistakeholder-Initiative Roundtable Human Rights in Tourism, dessen Gründungsmitglied wir sind, unter anderem für faire Arbeitsbedingungen, Gesundheitsschutz und die Rechte indigener Völker. Auch in puncto Kinderschutz sind wir seit langem aktiv und haben den international anerkannten Kinderschutz-Codex thecode.org unterzeichnet.  Zudem fördern wir unter der Devise „Nicht nur nehmen, sondern auch geben“ seit nunmehr 25 Jahren weltweit ausgesuchte Projekte in den Bereichen soziale Verantwortung, Naturschutz und Kulturerhalt. Seit 2005 erfolgt die Projektförderung von Studiosus dabei über den als gemeinnützig anerkannten Verein Studiosus Foundation e. V.

Wie sieht es mit konkreten Maßnahmen im Bereich Umwelt- und Klimaschutz aus?

Wir setzen uns konsequent für Umwelt- und Klimaschutz ein. So haben wir beispielsweise als erster Reiseveranstalter bereits 1996 das kostenlose Rail- & Fly-Ticket in den Reisepreis eingeschlossen und unsere Routen planen wir zudem immer so, dass Inlandsflüge möglichst vermieden werden. Auch stellen wir zum Beispiel seit 2012 alle Bus-, Bahn- und Schiffsfahrten unserer Gäste durch Kompensation automatisch klimaneutral. Zudem kompensieren wir sämtliche Dienstreisen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Flüge unserer Reiseleiterinnen und Reiseleiter. Auch die gesamte Katalog- und Werbemittelproduktion, den Post- und Paketversand sowie den Geschäftspapier- und Heizungsenergieverbrauch gleichen wir durch Investitionen in Klimaschutzprojekte aus. Und unseren Gästen bieten wir die Möglichkeit, ihren Flug freiwillig zu kompensieren. Mit den Mitteln finanzieren wir dann Klimaschutzprojekte, die alle nach den strengen Kriterien des Gold Standards zertifiziert sind. In Südindien haben wir beispielsweise in Zusammenarbeit mit der Studiosus Foundation e.V. und Klimaschutzorganisationen wie myclimate über 3200 Familien zu einer eigenen Biogasanlage verholfen.

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Gibt es vermehrte Nachfragen zur Nachhaltigkeit Ihres Portfolios?

Unsere Gäste honorieren unseren Einsatz für einen nachhaltigen Tourismus und sie schätzen unsere Art des Reisens, denn sie eröffnet ihnen neue Perspektiven, fördert Offenheit und Toleranz. Denn Studiosus-Gäste kommen immer mit Menschen vor Ort ins Gespräch und erfahren mehr über Land und Leute – ob beim gemeinsamen Essen mit Einheimischen oder beim Besuch eines Förderprojekts der Studiosus Foundation e. V. Wie zufrieden unsere Gäste mit ihrer Reise sind, fragen wir nach der Reise mittels eines Fragebogens ab, der uns wertvolle Erkenntnisse für die Programmplanung liefert. In puncto Nachhaltigkeit sehen beispielsweise aktuell über 94 Prozent der Studiosus-Gäste ihre Erwartungen an die Umweltverträglichkeit ihrer Reise als erfüllt beziehungsweise übererfüllt an. Der Anspruch, sozial verantwortlich gestaltete Reisen anzubieten, wird von den Kunden sogar mit über 98 Prozent bestätigt. Und dies alles vor dem Hintergrund, dass Studiosus-Gäste zu Themen der Nachhaltigkeit deutlich überproportional sensibel sind, wie wir aus der Marktforschung wissen.

Deckt sich das mit der Bereitschaft Ihrer Kunden, für ein nachhaltiges Konzept mehr zu zahlen oder den Flug zu kompensieren?

Einspruch: Die Bereitschaft, seinen Flug freiwillig zu kompensieren, würde ich nicht als Maßstab für die Nachfrage nach nachhaltigem Reisen heranziehen. Dass die freiwillige CO2-Kompensation sich bisher beim Endverbraucher nicht durchgesetzt hat, liegt insbesondere an ihrer unsinnigen Stigmatisierung als „Ablasshandel“. CO2-Kompensation ist aber sehr viel mehr als das: nämlich ein durchaus sinnvoller Beitrag zum Klimaschutz. Nach Spanien oder Island, Japan oder Südafrika kommt man nun einmal in vertretbarer Zeit nur mit dem Flugzeug. So lange der technische Fortschritt kein klimafreundliches Fliegen ermöglicht und gesetzliche Regelungen nicht greifen, setzen wir daher ganz bewusst auf CO2-Kompensation. Es mag zwar nur die zweitbeste Lösung sein, aber es ist eine Lösung. 

Wie wird das steigende Bewusstsein, dass Reisen klimaschädlich sein kann, Ihrer Meinung nach die Reisebranche in den nächsten zehn Jahren verändern?

Meine prophetischen Gaben sind zwar begrenzt, aber eins steht für mich fest: Der Klimaschutz wird uns weiter beschäftigen und alle Akteure müssen mehr im Kampf gegen die Klimaerwärmung machen. Politik, Wirtschaft und Verbraucher sind hier gleichermaßen dazu aufgerufen, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Vielleicht werden die Menschen weniger häufig dafür aber länger verreisen. Das wäre eine unter vielen Aspekten sinnvolle Reaktion. Vielleicht werden im näheren europäischen Umfeld auch vermehrt erdgebundene Reisen unternommen, dagegen stehen im Moment noch die fehlende Vernetzung des Angebotes der europäischen Bahnen und die politisch verfehlte Bepreisung der verschiedenen Transportkostenfaktoren. Und – ich wiederhole mich – solange der technologische Fortschritt keine neuen Lösungen anbietet, ist die freiwillige Kompensation der entstehenden Treibhausgasemissionen ein sinnvoller Beitrag zum Klimaschutz. Dann können die Menschen auch weiterhin mit gutem Gewissen Urlaubsreisen machen. Es ist wie in allen anderen Branchen auch, zum Schnäppchenpreis ist ein sozial verantwortlicher und umweltschonender Urlaub nicht zu haben.

Nun beinhaltet Nachhaltigkeit nicht nur Umweltverträglichkeit, sondern auch ökonomische und soziale Aspekte. Haben Sie das Gefühl, dass die beiden Letzteren sowohl von Anbietern als auch von buchenden Kunden momentan noch vernachlässigt werden?

Da haben sie Recht, wenngleich ich nicht von einer Vernachlässigung seitens der Anbieter und Kunden sprechen möchte, sondern eher von einer aktuellen Dominanz des Umwelt- und Klimaschutzaspektes. Das ist auch wenig verwunderlich vor dem Hintergrund der Fridays-for-future-Bewegung. Aus meiner Sicht ist es aber an der Zeit, dass wir den Blickwinkel beim Thema Nachhaltigkeit wieder weiten und die Aspekte in den Vordergrund rücken, die mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger sind: das Engagement für einen sozial verantwortlichen Tourismus, bei dem der Mensch – das sind wir übrigens alle – und seine Rechte im Kontext einer intakten Umwelt im Mittelpunkt stehen.

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