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Kolumne Was ist Natur? Die Lüneburger Heide gehört nicht dazu

Lüneburger Heide
Auf den Böden der Lüneburger Heide wuchs einst ein Buchenurwald
© RuZi / Adobe Stock
Für jeden Menschen ist Natur etwas anderes. Manche verstehen darunter Weinberge oder blühende Rapsfelder, andere wiederum Wacholderheiden, Kiefern- und Fichtenplantagen oder ausschließlich unberührte Laubwälder 

Ist nicht auch der Mensch mit seinen Städten ein Teil davon? Schließlich ist dort mittlerweile eine größere Artenvielfalt anzutreffen als in der umgebenden Agrarlandschaft. Jede Sichtweise hat ihre Berechtigung, denn eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Dennoch können wir uns einer solchen Definition nähern, indem wir uns fragen, wozu wir sie überhaupt brauchen.

Das ist vor allem dann der Fall, wenn es um den Schutz oder die Wiederherstellung intakter Ökosysteme geht. Hier kann die Definition nur lauten: Natur ist das Gegenteil von Kultur. Kurz und knapp formuliert ist so eine Begriffsbestimmung recht schmerzhaft, denn sie schließt die aktive Beeinflussung durch den Menschen aus. Natur ist ein Prozess, kein festes, unveränderliches Bild. Wollen wir Ökosysteme schützen, so müssen wir diese Prozesse zulassen, auch wenn die Reise dann in eine Richtung geht, die uns nicht immer gefällt.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Lüneburger Heide, auf deren Böden einst ein Buchenurwald wuchs. Vor Jahrhunderten ausgeplündert und anschließend mangels Dünger landwirtschaftlich heruntergewirtschaftet, konnte die Gegend nur noch ein paar hungrige Schafe ernähren. Heute würde der Wald zurückkehren, wenn wir ihn denn ließen. Doch hier wurde nicht die Natur, sondern die Heidelandschaft unter Schutz gestellt, also nicht der Prozess ohne Einwirken des Menschen, sondern ein Bild. Um es zu erhalten, werden Schafe hineingetrieben, die den aufkommenden Baumbewuchs abfressen; manchmal wird er sogar einfach angezündet. Würden die Zuständigen dort der Natur freien Lauf lassen, es würde wieder ein Wald wachsen.

Eingriffe sind in Ordnung, um Landschaften zu erhalten

Eingriffe sind in Ordnung, um solch alte Kulturlandschaften zu erhalten. Wir sollten diese Landschaften aber nicht Naturschutzgebiete nennen, denn das suggeriert der Bevölkerung, dass sich dort Flora und Fauna frei entfalten können.

Nur 0,6 Prozent der Fläche in Deutschland sind Wildnis

Wir brauchen den Begriff „Natur“ also insbesondere im Sinne von Schutzmaßnahmen und für die Abgrenzung von unserer „Wirtschaftszone“. Erst dann sehen wir, wie viel oder wie wenig wir tatsächlich abzugeben bereit sind. Amtlich wird echte Natur als Wildnis bezeichnet, und solche Wildnisgebiete machen aktuell nur etwa 0,6 Prozent der Landfläche Deutschlands aus. Da ist also Luft nach oben.

Das Schöne an Wildnis ist, dass sie sofort startet, wenn wir die Landnutzung einstellen. Wir brauchen also nicht Jahrhunderte zu warten, bis echte Natur zurückkommt, denn, Sie wissen schon: Es geht um den ungestörten Prozess.


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