Betörender Gesang Was bei Vogeldamen gut ankommt, überzeugt auch Menschen

Der melodiöse und komplexe Gesang der nordamerikanischen Singammer (Melospiza melodia) dient dazu, das Revier zu markieren und Weibchen von sich zu überzeugen
Der melodiöse und komplexe Gesang der nordamerikanischen Singammer (Melospiza melodia) dient dazu, das Revier zu markieren und Weibchen von sich zu überzeugen
© Donald M. Jones / Minden Pictures / mauritius images
Menschen finden denselben Gesang attraktiv wie Vögel. Das zeigt ein ungewöhnlicher Versuch mit 4000 Probanden aus der ganzen Welt

Steigende Temperaturen und zunehmende Tageslänge signalisieren der Vogelwelt: Es ist Zeit, sich einen Partner zu suchen. Und zwar mit betörendem Gesang. Tatsächlich ist die musikalische Performance des Männchens bei Amsel, Fink und Star mit ausschlaggebend für die Partnerwahl.

Doch nicht nur weibliche Tiere derselben Spezies – auch Menschen können die Virtuosität gefiederter Sangeskünstler beurteilen. Auch ohne besonderes Vorwissen stimmt ihr Votum über die Attraktivität des Gesangs überraschend oft mit dem der angesprochenen Vogeldamen überein. Das ist das Ergebnis eines ungewöhnlichen Experiments.

Forschende aus den USA, Kanada und Neuseeland baten mehr als 4000 menschliche Probanden aus aller Welt, aus jeweils zwei Rufen oder Gesängen für einen Favoriten zu stimmen. Dabei ging es nicht nur um Vogellaute – sondern auch um die weiterer Spezies aus dem gesamten Tierreich. Darunter Dscheladas – eine sehr seltene Primatenart –, Baumfrösche oder Feldgrillen.

Die Stimmen stammten allesamt aus früheren Forschungsarbeiten. Und in jedem Fall war bekannt, welche der Gesänge bei der eigenen Art "besser ankommen". Die Auswertung zeigte eine hohe Übereinstimmung der tierischen und der menschlichen Präferenzen. Und: Je ausgeprägter die Vorliebe eines (weiblichen) Tieres für einen Ruf oder Gesang, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen zu demselben Urteil kamen.

Außerdem stellten die Forschenden fest: Im niedrigen Frequenzbereich, also bei tiefen Tönen, gab es mehr Überschneidungen beim Votum von Menschen und anderen Tieren. Auch bei Gesangsnummern mit Trillern und Klicklauten war die Übereinstimmung besonders groß.

Wie die Idee zu dem Experiment entstand

Die Idee zu dem ungewöhnlichen Experiment geht auf Forschungen aus den 1980er-Jahren zurück. Stanley Rand vom Smithsonian Tropical Research Institute (STRI) habe damals untersucht, so heißt es in einer Presseerklärung des Instituts, welche Art von Lautäußerungen die Weibchen des männlichen, nur drei Zentimeter messenden Tungara-Frosches bevorzugen. Das Ergebnis damals: Je komplexer, desto attraktiver. Nun interessierte Logan James, ebenfalls Forscher am STRI und Hauptautor der Studie, ob es einen speziesübergreifenden Sinn für Attraktivität gibt.

"Ich war fasziniert von der Frage, woher diese Vorlieben stammen", sagt James. "Außerdem haben wir seit der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse dieses Teams festgestellt, dass auch andere Tiere [...] komplexe Laute bevorzugen. Das hat uns dazu veranlasst, uns zu fragen, wie weit verbreitet solche akustischen Vorlieben sind."

"Darwin stellte fest, dass Tiere offenbar einen 'Sinn für das Schöne' haben, der manchmal unseren eigenen Vorlieben entspricht", erklärt James' Kollege Michael J. Ryan. Und erklärt das beobachtete Phänomen mit evolutionären Gemeinsamkeiten im Tierreich: "Wir zeigen, dass Darwins Beobachtung im Allgemeinen zutrifft, was wahrscheinlich auf die vielen Eigenschaften unseres Sinnessystems zurückzuführen ist, die wir mit anderen Tieren teilen."

Auch wenn wir Menschen mit einigen Tierarten den Sinn für das Schöne – oder zumindest Attraktive – teilen: Von einem universellen Verstehen über alle Artgrenzen hinweg sind wir weit entfernt. Ernüchternd ist beispielsweise das Resümee einer schweizerischen Studie.

Die Forschenden hatten mehr als 1000 Freiwilligen kurze Sequenzen von Tieräußerungen vorgespielt. Nur in 55 Prozent der Fälle gelang ihnen die Unterscheidung zwischen positiven und negativen Empfindungen der Tiere. Und nur in 54 Prozent der Fälle konnten die Befragten starke von schwachen Emotionen unterscheiden. Das ist ein Ergebnis nur knapp über dem Zufall (50 Prozent). Allerdings, auch das ein Ergebnis der Studie: Menschen können ihr Tierverständnis durch gezieltes Üben verbessern.

Noch ein Grund, genau hinzuhören, wenn jetzt im Frühjahr wieder der Sängerstreit anhebt.

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