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Tierische Lebenserwartung Warum große Hunderassen früher sterben als kleine

Portugiesischer Wasserhund und Jack Russell Terrier
Große Hunderassen haben eine kürzere Lebenserwartung als kleine Rassen
© Karoline Thalhofer - Adobe Stock
Für viele Säugetiere bedeutet Größe und Stärke eine lange Lebenserwartung. Bei Hunden altern große Rassen jedoch deutlich schneller als kleinere Artgenossen – und sterben deshalb auch früher. Während ein Jack Russel Terrier beispielsweise gut 16 Jahre alt werden kann, müssen sich Herrchen und Frauchen von einer Dogge schon nach acht bis zehn Jahren trennen

Im Tierreich gilt: Größe ist gut! Große Tiere haben weniger Fressfeinde und können ihre Körperwärme effizienter nutzen, weil die Körperoberfläche im Verhältnis zur Masse abnimmt. Zudem müssen Tiere derselben und anderer Arten häufig konkurrieren und da gilt: der Größere und Stärkere gewinnt.

Besonders in der Welt der Säugetiere ist Größe ein entscheidender Faktor – auch für die Lebenserwartung. Elefanten können beispielsweise bis zu 70 Jahre alt werden, kleine Nagetiere wie Mäuse werden hingegen nur zwei Jahre alt. Wale können ein ähnliches Alter wie Elefanten erreichen. Die bis zu 18 Meter langen Grönlandwale, die bis zu 100 Tonnen wiegen, werden für menschliche Begriffe sogar steinalt: 211 Jahre zählte das älteste bislang gefangene Exemplar.

Große Hunde altern schneller als kleine

Bei Hunden ist es allerdings umgekehrt: Hier haben kleine Hunderassen eine weitaus höhere Lebenserwartung als ihre großen Artgenossen. Winzige Chihuahuas beispielsweise, die kaum größer sind als eine Hauskatze, können mitunter 15 Jahre alt werden – und erreichen damit fast das doppelte Alter ihrer viel größeren Artgenossen, die Deutschen Doggen.

Der Grund: Große Hunde altern biologisch schneller und sterben deshalb auch früher, so heißt es in einer Untersuchung der Universität Göttingen in der Fachzeitschrift "American Naturalist". Die Forschenden untersuchten den Zusammenhang zwischen der Größe und dem rassespezifischen Verlauf der Mortalitätskurve, also der Abhängigkeit des Todesrisikos vom Alter.

Basis für die Untersuchung des Teams um die Evolutionsbiologin Cornelia Kraus waren Datenbanken aus Nordamerika mit Daten von mehr als 50.000 Hunden, die 74 verschiedenen Hunderassen angehörten. Die Ergebnisse ließen sich aber auf Europa übertragen, so die Forschenden.

"Im Vergleich zu ihren kleineren Artgenossen scheint es, als ob ihr Erwachsenenleben im Zeitraffer abläuft“, wird Dr. Cornelia Kraus in einer Mitteilung der Universität Göttingen zitiert. Die niedrigere Lebenserwartung großer Rassen könnte die Folge eines übermäßig schnellen Wachstums sein.

Züchtungen als Ursache für geringe Lebenserwartung

Ein Grund hierfür liege auch in der Züchtung durch den Menschen. Dabei seien im Laufe der Zeit Hunderassen geschaffen worden, die vom zwei Kilogramm leichten Tier bis zum 80 Kilo schweren Koloss reichten.

Während Züchterinnen und Züchter den Fokus also mehr auf die Größe gelegt haben und große Rassen miteinander kreuzten, wurde die Lebenserwartung der Tiere vernachlässigt. So führen manche Züchtungen heute unabsichtlich dazu, dass Vertreter großer Rassen vergleichsweise früh sterben, während kleinere Hunde ein längeres Leben führen können.

Einen weiteren Ansatz fand vor einigen Jahren ein amerikanisches Team der Colgate University in Hamilton. Die beiden Forscher Josh Winward und Alex Ionescu untersuchten 2017 insgesamt 80 Gewebeproben sowohl von Welpen als auch von ausgewachsenen Hunden, von kleinen und großen Rassen.

Schnelles Wachstum im Welpenalter führt im Körper großer Rassen zu Stress

Ein bedeutendes Ergebnis: In den Zellen von Welpen großer Hunderassen ließ sich ein sehr großer Anteil an freien Radikalen nachweisen – deutlich mehr als Antioxidantien. In den Gewebeproben von Welpen kleiner Hunderassen hingegen wurde dieser Überschuss an freien Radikalen nicht festgestellt – hier stimmte die Balance.

Freie Radikale sind instabile Moleküle, die ein ungepaartes Elektron aufweisen – denen also ein Elektron fehlt und die dadurch äußerst reaktionsfreudig sind. Um chemische Stabilität zu erreichen, haben freie Radikale die Tendenz, ein weiteres Elektron von einem potenziellen Reaktionspartner zu "stehlen". Dabei können die Moleküle jedoch Zellmembranen beschädigen, was im Organismus Stress und schließlich auch Krankheiten wie Krebs auslösen kann. So genannte Antioxidantien neutralisieren diese freien Radikale und machen sie damit unschädlich. Daher ist eine Balance von freien Radikalen und Antioxidantien innerhalb eines Organismus wichtig.

Bei Welpen großer Hunderassen ist dieses Gleichgewicht nicht hergestellt, die Anzahl der freien Radikale übersteigt die der Antioxidantien. "Die Welpen großer Rassen haben einen schnellen Stoffwechsel, wachsen schneller und benötigen mehr Energie als kleine Rassen", schreibt Josh Winward in einer Mitteilung der Universität. Da die Zellen großer Hunderassen eine enorme Wachstumsleistung in kurzer Zeit erbringen müssten, liefe der Stoffwechsel im Welpenalter auf Hochtouren.

Dadurch entsteht jedoch oxidativer Stress. Die Überzahl an freien Radikalen schädige die Zellen von Welpen großer Hunderassen bereits in jungen Jahren. Zellschäden in der Wachstumsphase können weitreichende Wirkung haben. Josh Winward und Alex Ionescu vermuten, dass Junghunde großer Rassen sich im Grunde nicht von den Anstrengungen des schnellen Wachstums erholen und dass die Zellschäden nach abgeschlossenem Wachstum der Hunde das schnelle Altern bedingen. So kommt es dazu, dass große Hunderassen früher sterben als kleine.

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