Sex auf Armeslänge Oktopusse erschmecken passende Partnerinnen

So paaren sich Oktopusse
© Harvard University / P.S. Villar / H. Jiang / T. Shugaeva et al.
Harvard University / P.S. Villar / H. Jiang / T. Shugaeva et al.
Krakenmännchen setzen einen ihrer Arme nur zur Paarung ein. Eine Studie zeigt: Sie übergeben damit nicht nur ihr Sperma, sondern erkennen auch wichtige chemische Signale

Zugegeben: Sex durch ein Loch in einer Trennwand entspricht nicht unserer Vorstellung von Romantik. Doch das Liebesspiel dieser Kalifornischen Zweipunktkraken dient der wissenschaftlichen Erkenntnis. Das Experiment in einem Labor der Harvard-Universität zeigt, dass Männchen weibliche Artgenossen mithilfe von Chemorezeptoren an ihrem Arm erschmecken. Blickkontakt ist überflüssig. Die Erkenntnis könnte Einblicke in die Entstehung neuer Arten liefern. 

Kraken sind Einzelgänger, die sich in den Tiefen des Meeres nur selten begegnen. Trifft ein Paar zufällig aufeinander, betastet das Männchen das Weibchen mit einem besonderen Arm, Hectocotylus genannt. Während seine sieben übrigen Arme im Alltag den Meeresboden befühlen, um mit Saugnäpfen voller Sinneszellen Essbares zu finden, bleibt der Hectocotylus meist schützend eingerollt. Nur bei der Paarung kommt er zum Einsatz. Dann findet seine Spitze ihren Weg unter den Mantel des Weibchens. Über eine den Arm entlanglaufende Rille transportiert das Männchen ein Spermapaket bis in ihren Eileiter. Ist die Transaktion abgeschlossen, trennen sich ihre Wege wieder.

Dass Krakenmännchen einen designierten Arm für die Fortpflanzung besitzen, ahnte bereits Aristoteles. Offen war jedoch, wie Artgenossen unterschiedlichen Geschlechts einander erkennen und welche Signale dem Hectocotylus den Weg in den weiblichen Geschlechtstrakt weisen. Diese Frage beantwortet nun ein Team um Nicolas Bellono und Pablo Villar in der Fachzeitschrift "Science". Ihre umfangreichen Untersuchungen beweisen, dass der Paarungsarm über Rezeptoren verfügt, die besonders stark auf das weibliche Geschlechtshormon Progesteron reagieren. Mit ihrer Hilfe erkennen Männchen das Geschlecht ihres Gegenübers und finden den Weg in den Eileiter. Ihr Paarungsarm ist damit Sinnes- und Fortpflanzungsorgan in einem. Man stelle sich vor, Säugetiere könnten mit dem Penis Pheromone erschnuppern!

Nicht nur Kalifornische Zweipunktkraken, auch andere männliche Kopffüßer reagierten in Versuchen auf Progesteron. Doch wenn alle Oktopoden das Hormon als Signal nutzen – wie gelingt es dann, zwischen Artgenossen und artfremden Individuen zu unterscheiden? Die Forschenden fanden heraus, dass die Rezeptoren verschiedener Spezies unterschiedlich empfindlich auf chemische Verbindungen reagieren, die dem Progesteron ähneln. Womöglich besitzt also jede Art einen charakteristischen Molekülmix. Außerdem zeigten genetische Analysen, dass sich der exakte Aufbau der Rezeptoren im Laufe der Entwicklungsgeschichte schnell gewandelt hatte. Die Entstehung neuer Arten beginnt also womöglich damit, dass sich Tiere besser oder schlechter schmecken können – und danach entscheiden, mit wem sie sich paaren. So entwickeln sich Populationen in verschiedene Richtungen, und ihre genetischen Unterschiede werden von Generation zu Generation größer. 

Die Vielseitigkeit der Progesteron-Rezeptoren zeigt sich noch an anderer Stelle. Sie treten nämlich nicht nur am Hectocotylus, sondern in leicht abgewandelter Form auch an den anderen sieben Armen der Krakenmännchen auf. Dort erkennen sie keine Partnerin, sondern Nahrung: Sie binden ein Stoffwechselprodukt von Mikroben, die auf der Haut mancher Beutetiere gedeihen.