Lange galt die Annahme, Tiere hätten Sex ausschließlich zur Fortpflanzung. Homosexuelles Verhalten erschien als evolutionäres Paradox. Heute weiß man, dass Sex ein komplexes Verhalten ist, das viele Funktionen erfüllen kann – von Stressabbau über die Festigung sozialer Bindungen bis hin zu reinem Lustempfinden.
Homosexuelles Verhalten ist inzwischen bei rund 1500 Tierarten nachgewiesen, darunter Webspinnen, Hausfliegen, Humboldt-Kalmaren oder Braunbären. Der Autor Josh L. Davis geht davon aus, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt der Realität ist und dass die meisten Tierarten in irgendeiner Form queeres Verhalten zeigen. In seinem Buch "Queer" möchte er einen Einblick in die erstaunliche Vielfalt nichtheteronormativer Biologie liefern, die in der Naturgeschichte lange ignoriert, sogar vertuscht wurde.
Zugleich stellt er infrage, ob sich komplexe Begriffe wie "Geschlecht" über wenige Merkmale definieren lassen, wo es doch von einer Reihe verschiedener Faktoren abhinge und eher ein Spektrum als eine feste Kategorie sei. Schon in der Botanik stößt die strikte Einteilung in "männlich" und "weiblich" an Grenzen: Viele Pflanzen können ihr Geschlecht wechseln, etwa die Europäische Eibe oder der Streifen-Ahorn. Bekannte Auslöser können Mutationen, Umweltbedingungen oder Stress sein.
Geht es um das innere Erleben, also die eigene Geschlechtsidentität, spricht man von "Gender". Ob Tiere ein solches Ich-Empfinden haben, lässt sich nicht nachweisen, ihr Erleben bleibt uns verborgen. Eigenschaften wie "homosexuell", "bisexuell" oder "queer" sind deshalb schwer übertragbar. In der Tierwelt sprechen Fachleute eher von "gleichgeschlechtlichem Verhalten" oder "schwulen/lesbischen Aktivitäten". Diese zumindest sind zahlreich – und ganz natürlich.