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"Hau drauf!" Das Pferd als olympisches Sportgerät ist nicht zeitgemäß

"Moderner Fünfkampf" bei Olympia 2021: Das Pferd Saint Boy von Annika Schleu aus Deutschland verweigert den Sprung
"Moderner Fünfkampf" bei Olympia 2021: Das Pferd Saint Boy von Annika Schleu aus Deutschland verweigert den Sprung
© Marijan Murat/dpa
Die kläglichen Szenen von Olympia machen deutlich: Sensible Lebewesen sollten nicht für den Kampf um Medaillen missbraucht werden

Es waren die wohl unwürdigsten Bilder von Olympia: Annika Schleu, wie sie fassungslos auf einem angsterfüllten Pferd sitzt und im Kreis rückwärts reitet. Angefeuert von der Trainerin, macht die hilflose Reiterin ausgiebig Gebrauch von Gerte und Sporen. Jetzt hat der Deutsche Tierschutzbund Strafanzeige wegen Tierquälerei erstattet.

Man kann das für Wohlfeil halten. Denn die epische Szene hat in den "sozialen" Netzwerken ohnehin für reichlich Häme und auch für Hasskommentare gesorgt. Zudem hat es bei den Olympischen Spielen weitere, weitaus schwerwiegendere Szenen mit Pferden gegeben.

So verletzte sich in diesem Jahr in Tokio bei einem Vielseitigkeits-Ritt Jet Set, das Pferd des Schweizer Reiters Robin Gödel, so schwer, dass die Verantwortlichen entschieden, es zu töten. Einem anderen Pferd, Kilkenny, strömte während des Parcours Blut aus der Nase. Weder der Reiter, der Ire Cian O’Connor, noch die Wettkampfrichter und -Richterinnen sahen darin einen Grund, abzubrechen.

Immer wieder steht der Reitsport in der Kritik. Und das völlig zu Recht. Denn empfindungsfähige, äußerst sensible Lebewesen werden in vielen Disziplinen zu Leistungen gezwungen, die nicht ihrem natürlichen Verhaltensspektrum entsprechen. Auch mit Doping und tierquälerischen Methoden. Kein Pferd würde über ein 1,60 Meter hohes Hindernis springen und damit Knochenbrüche und Bänderrisse riskieren – außer, es wird von einem Rudel Wölfe verfolgt.

Der Ehrgeiz verleitet dazu, das Wohl der Tiere aus dem Blick zu verlieren

Der Verdacht liegt zumindest nahe, dass sportliche Wettkämpfe mit Pferden nicht in erster Linie dazu dienen, das Wohlbefinden des Pferdes zu stärken – sondern den Ehrgeiz der Reiterinnen und Reiter zu befriedigen. Und je begehrenswerter die Auszeichnung und das Renommee (olympisches Gold!), desto größer die Versuchung, den Willen des Pferdes zu ignorieren.

Es spricht Bände, dass die unglückliche Reiterin im Interview erklärte, "mit der Gerte einmal auf den Hintern zu hauen, das ist schon etwas, was man machen kann, um das Pferd zu überzeugen". In Wahrheit hat das Schlagen mit der Gerte oder mit den Sporen natürlich nichts mit "Überzeugung" zu tun. Sondern das Pferd tut, was der Mensch verlangt – um weitere Schmerzen zu vermeiden.

Im besten Fall klärt die Strafanzeige der Tierschutzbundes also nicht nur die Frage, ob das Schlagen mit der Gerte oder die unwürdige Anfeuerung der Trainerin dem Tatbestand der Tierquälerei und der Beihilfe zur Tierquälerei erfüllen. Sondern ermöglicht einen kritischen Blick auf ein System, das Reiterinnen und Reiter dazu verleitet, ihre Empathie aufzugeben und das Tierwohl zu ignorieren: Das Pferd als olympisches Sportgerät ist einfach nicht mehr zeitgemäß.


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