Kuriose Tiere Helm ist Pflicht: So schützen sich Knallkrebse vor Beschuss

Ein Knallkrebs auf einem Haarstern
Klein, aber oho: Knallkrebse wie diese kaum fingerlange Art feuern mit ihrer vergrößerten Schere "Schüsse" ab
© Helmut Corneli / Alamy Stock Photos / mauritius images
Knallkrebse gelten als die "Revolverhelden" der Ozeane: Ihre Scheren erzeugen gewaltige Druckwellen. Aber eine bizarre helmartige Wölbung bewahrt ihr Gehirn auch vor Schaden 

Wer in der Natur wunderliche Körperformen sucht, wird schnell fündig. Da wäre zum Beispiel der Dinosaurier Therizinosaurus, der an drei Fingern jeder Hand messerartige Krallen trug. Die bis zu einen Meter langen, ziemlich beeindruckenden Fortsätze brachten ihm den Namen "Sensenechse" ein und dienten wahrscheinlich der Verteidigung. Eine andere eigenartige Konstruktion hat der Sternnasenmaulwurf zu bieten: An seiner Schnauze sind 22 fleischige Tentakel angebracht, mit denen er feinfühlig tastend seine Welt erkundet. 

Ganz weit oben auf der Liste der seltsamen Bauteile steht sicherlich auch der Knallkrebs, auch Pistolenkrebs genannt. Die Krebstiere besitzen eine "Knallschere" – und den dazu passenden Kopfschutz, wie Forschende herausfanden. Aber der Reihe nach.

Der Krebs-Knall ist so laut, dass er im Zweiten Weltkrieg angeblich das Sonar des Militärs durcheinander brachte

Dass die maximal fünf Zentimeter messenden Garnelen etwas speziell aussehen, wird jedem Betrachtenden schnell klar: Eine ihrer Scheren ist oft massiv vergrößert, erreicht zuweilen fast die Länge des Körpers. Obwohl auf den ersten Blick unpraktisch, verfügen sie damit über eine bordeigene Waffe. Der Krebs schließt seine aufgeklappte Schere so schnell, dass im Wasser eine "Dampfblase" entsteht, die sofort wieder in sich zusammenfällt. Dabei wird Wärme frei – kurzzeitig mehr als 4700 Grad Celsius. Auf der Sonnenoberfläche herrschen Temperaturen von 5500 bis 6000 Grad. 

Das Knallgeräusch ist zudem so laut, dass es im Zweiten Weltkrieg angeblich die Sonarortung des Militärs durcheinanderbrachte. Und die Schere setzt eine kurze, aber heftige Druckwelle frei. Solche Wellen können Gewebe schädigen, weil sie in Sekundenbruchteilen enorme Kräfte übertragen.

Mit dieser Technik betäubt oder tötet der Krebs seine Beute und bringt sie auch bei Revierkämpfen zum Einsatz. Weil der "Big Bang" überaus gut zu vernehmen ist, könnte er auch der Kommunikation dienen. Da die Tiere mit Druckwellen regelmäßig selber konfrontiert sind, stellte sich die Frage, ob sie sich davor auch schützen können.

Forschende aus den USA, von der University of Tulsa und South Carolina, untersuchten deshalb eine durchsichtige, helmähnliche Struktur am Kopf des Knallkrebses Alpheus heterochaelis: die so genannte Orbitalhaube – eine Ausstülpung des Außenskeletts über den Augen. In Experimenten entfernten sie bei einigen Krebsen die Haube und setzten sie anschließend dem "Bombardement" von Artgenossen aus.

Leitet die Haube das Wasser um und verringert so die Stärke des "Big Bang"?

Das Ergebnis: Tiere ohne die Ausstülpung reagierten auf die Druckwellen deutlich bedüselt. Sie hatten Schwierigkeiten, ihren Unterschlupf zu finden. Sie wirkten desorientiert und verloren zeitweise die Kontrolle über ihre Bewegungen. Krebse mit intakter Orbitalhaube zeigten selbst nach mehrfachen "Schüssen" keine Auffälligkeiten.

Analysen der Wellen und der Anatomie ergaben, dass der Kopfschutz die Stärke des Beschusses in etwa halbiert. Verschlossen die Wissenschaftler die vordere Öffnung der Haube auf künstliche Weise, verringerte sich diese Wirkung deutlich. Die Forschenden schließen daraus, dass das Konstrukt Wasser aufnimmt und wieder nach außen schießen lässt. Auf diese Weise könnte ein Teil der Bewegungsenergie der Druckwelle umgeleitet, vom Kopf und damit dem Hirn und den Augen ferngehalten werden.

Die Studie zeigt, dass die von Knallkrebsen erzeugten Dampfblasen grundsätzlich auch ihnen selber schaden können. Unter natürlichen Bedingungen verhindert der Kopfschild jedoch offenbar stärkere Verletzungen. Nach Angaben der Autoren handelt es sich um das erste bekannte Beispiel eines biologischen Schutzmechanismus', der starke, explosionsartige Druckwellen abschwächt. Und vielleicht gar eine Inspiration für Helme sein könnte, die auch Menschen vor ähnlicher Einwirkung schützen.