Verhalten Nähe zum Menschen hat Mäuse cleverer gemacht

Menschen prägen und verändern die natürliche Umwelt seit Jahrhunderten. Für viele Wildtiere heißt das, ständig neue Probleme lösen zu müssen. Zumindest bei Mäusen hat diese Fähigkeit im Verlauf der Evolution zugenommen
Hausmaus

Schlauer dank der Nähe zum Menschen: die Hausmaus

Die Nähe zum Menschen hat Hausmäuse schlauer werden lassen: Tiere aus Populationen, die schon lange in menschlicher Umgebung leben, können Probleme besser lösen als Artgenossen mit jüngeren Beziehungen zum Menschen. Das berichten drei Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön im Fachmagazin «Proceedings B» der britischen Royal Society. Die besseren kognitiven Fähigkeiten ermöglichten es den Nagern vermutlich, in einer vom Menschen beeinflussten Umwelt besser zurechtzukommen.

Seit Jahrhunderten verändert der Mensch die Landschaft des Planeten nachhaltig, mittlerweile werden etwa 50 bis 70 Prozent der Landoberfläche der Erde durch menschliche Aktivitäten geformt - mit weitreichenden Folgen für die Verbreitung und das Verhalten der Tierwelt. Welche Folgen der menschliche Einfluss für die Evolution von Tieren hat, ist bislang noch nicht hinreichend untersucht. Die Forscherinnen um Anja Guenther vom MPI in Plön führten nun eine Reihe von Verhaltensexperimenten mit drei Unterarten der Hausmaus (Mus musculus) durch, die unterschiedlich lange in menschlicher Umgebung leben: 3000, 8000 und 11.000 Jahre.

Die Wissenschaftlerinnen testeten die Mäuse in sieben verschiedenen Versuchen mit unterschiedlichen Komplexitätsstufen, in denen die Tiere Hindernisse überwinden mussten, um an einen Leckerbissen zu gelangen. So galt es etwa in einem Experiment, ein kleines Fenster zu öffnen, um einen Mehlwurm zu bekommen. Die Hausmäuse, deren Vorfahren bereits am längsten beim Menschen lebten, lösten die Aufgabe am besten - eine Beobachtung, die sich in allen Versuchssettings wiederholte.

Kognitive Fähigkeiten wurden vererbt

Die Wissenschaftler untersuchten zudem, ob sich die Unterschiede zwischen den drei Unterarten durch individuelle Persönlichkeitsmerkmale der Tiere erklären ließen, etwa Neugier, Motivation oder Beharrlichkeit. Das war allerdings nicht der Fall, zeigten die Untersuchungen - ein Hinweis darauf, dass die festgestellten Unterschiede auf unterschiedliche kognitive Fähigkeiten zurückgehen müssen.

Die Studie bekräftigt frühere Forschungsergebnisse, die sich vor allem mit der Intelligenz von Vögeln beschäftigten. So wurde etwa in Großbritannien schon vor 70 Jahren beobachtet, dass Blau- und Kohlmeisen gelernt hatten, den Aluminiumdeckel von Milchflaschen zu öffnen, die von Milchmännern vor die Haustür geliefert wurden, um an den Rahm zu kommen. Unklar war bislang aber, ob jene kognitiven Fähigkeiten individuelle Ausprägungen einzelner Tieren darstellten, oder ob tatsächlich evolutionäre Vorgänge dabei eine Rolle spielen, also genetische Vererbung.

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Für die Autorinnen der aktuellen Studie ist eine evolutionäre Anpassung sehr wahrscheinlich, da die Versuchstiere für fünf Generationen in standardisierten Laborumgebungen gehalten wurden - entsprechend gehen die Wissenschaftlerinnen davon aus, dass die verbesserten kognitiven Fähigkeiten vererbt wurden.

Sie schreiben abschließend: «Mit der rasanten Zunahme urbaner Umgebungen wird die Frage, wie sich Wildtiere an die Herausforderungen des Lebens in unmittelbarer Nähe zum Menschen anpassen, immer relevanter, und ein Verständnis der anpassenden Eigenschaften und der ihnen zugrundeliegenden Mechanismen entscheidend sein.» Ihre Ergebnisse zeigten, dass Hausmäuse während ihres Zusammenlebens mit dem Menschen verbesserte kognitive Fähigkeiten entwickelt hätten. Diese Fähigkeiten, insbesondere innovatives Problemlösen, könnten Schlüsselfaktoren für Tiere sein, um in vom Menschen veränderten Lebensräumen zu gedeihen.

Alice Lanzke/dpa