Symbiosen im Garten Das unsichtbare Zusammenspiel von Erde, Pflanzen und Tieren

Wilder Garten
So schön kann ein wilder Garten sein. In dem Allerlei aus verschiedenen Pflanzen finden viele Lebewesen Wohnstatt, Unterschlupf und Nahrung. Diese Vielfalt ist die Basis dafür, dass die Prinzipien der Natur sich entfalten können
© Sonja Schwingesbauer
Wer beim Gärtnern lieber mit der Natur statt gegen sie arbeitet, sollte ihre Prinzipien verstehen. Die sind gar nicht kompliziert, wie Autorin Sonja Schwingesbauer erklärt

Schnecken im Beet, Wühlmäuse im Rasen, Prozessionsspinner auf der Hecke: Manchmal kann es sich anfühlen, als kämpfe man im Garten eher gegen die Natur, als mit ihr im Einklang zu existieren. Dass das nicht so sein muss, zeigt die Autorin Sonja Schwingesbauer. In einem neuen Buch hat die österreichische Pflanzplanerin aufgeschrieben, wie man den Garten in ein natürliches Gleichgewicht bringt. Man muss dazu nur die verborgenen Kräfte aktivieren, die im Zusammenspiel von Pflanzen, Tieren und Materie wirken. Versteht man die Prinzipien, die dahinterliegen, ist das gar nicht so schwer.

Erst Beziehungen machen Leben möglich

Auch wenn ein Garten strenggenommen keine Natur, sondern Kulturlandschaft ist: Das Leben darin hängt in unzähligen Verflechtungen zusammen. Das geht weit über reine Symbiosen hinaus, bei denen zwei Arten mit beiderseitigem Nutzen eine Gemeinschaft eingehen. Die Beziehungen sind noch vielfältiger: Der Vogel nistet im Baum, der ihm Schutz und Behausung gibt (Synökie). Der Vogel trägt wie ein Taxi dessen Samen weiter (Phoresie) und frisst die Insekten, die an seinen Blättern knabbern (Antagonismus). In einer leeren Spechthöhle finden Hummeln einen Unterschlupf (Metabiose). Und die bestäuben wiederum die Pflanzen (Symbiose), deren Werden und Vergehen den Boden verbessert, in dem der Baum wächst.

Statt all diese Beziehungen zu unterbrechen, kann man sie im Garten nutzen und sogar fördern, argumentiert Schwingesbauer. Und zwar, indem man genau versteht, was im Boden, zwischen Pflanzen und Tieren passiert.

Kohlmeise flattert über Garten
Unsichtbar verbirgt sich im Boden, was einen gesunden Garten ausmacht: Hier findet das Recycling von organischem Material statt, das erst die Nährstoffe liefert, damit Wachstum möglich wird
© Rita Engl

Erdreich: Eine geheime Welt

Auch wenn unseren Augen sein Innenleben verborgen bleibt: Ein gesunder Garten beginnt mit einem lebendigen Boden. "Unzählige Lebewesen, winzigste Mikroben, kleine und weniger kleine Tierchen sind hier ständig am Werkeln. Mit ihrer Arbeit leisten sie ein Wunderwerk – sie verarbeiten organisches Material, spalten es auf und machen es so als Nährelemente für Pflanzenwurzeln wieder verfügbar", schreibt Schwingesbauer dazu. 

Pestizide und Fungizide sollte man deshalb meiden. Denn die töten nicht nur die gewünschten Schädlinge, sondern auch die Lebewesen, die für das Recycling von organischem Material zuständig sind und so Nährstoffe zugänglich machen – nur so kann überhaupt etwas wachsen. Auch sollte man vorsichtig mit dem kostbaren Boden umgehen. Ein grobes Umstechen "verursacht Chaos im Boden", erklärt Schwingesbauer: Es kehrt nach oben, was eigentlich nach unten gehört, und andersherum. Bodenlockerung ist nur sinnvoll, wenn Böden etwa verdichtet sind, denn das führt zu Sauerstoffarmut. Besonders schonend dabei: Sauzahn, Grabegabel oder Gartenkralle.

Illustration von Mais, Bohne und Kürbis in Gemeinschaft
"Drei Schwestern" nannten sie schon die First Nations Nordamerikas: Mais, Bohne und Kürbis wachsen zusammen besser und tragen mehr Früchte, wenn sie gemeinsam wachsen. In ihrem Buch "Von Pflanzen, die sich mögen & Tieren, die uns helfen" gibt Sonja Schwingesbauer Tipps, wie man ein solches "Milpa-Beet" anlegt
© Rita Engl

Pflanzengemeinschaft: Zusammen stärker

"Drei Schwestern“ werden sie von den First Nations Nordamerikas genannt: Mais, Bohne und Kürbis. Schon vor Urzeiten haben die Menschen erkannt, was die Wissenschaft heute erklären kann. Denn die drei Pflanzen nehmen sich beim Wachsen keinen Raum, sondern unterstützen sich gegenseitig: Die Bohne klettert am Maisstängel nach oben und bekommt so mehr Sonne ab. Der Kürbis zu ihren Füßen verdrängt Unkraut. Und unsichtbar im Boden leistet auch die Bohne ihren Beitrag. Sie gehört zu den wenigen Pflanzen, die Stickstoff aus der Luft aufnehmen können. In Symbiose mit Bakterien an ihren Wurzeln verwandelt sie den Stickstoff so, dass Mais und Kürbis immer genug zu "essen" haben. Wo die Drei Schwestern zusammen gedeihen, werden sie immer mehr Früchte tragen, als es eine allein vermocht hätte.

Leguminosen heißen Pflanzen wie die Bohne, die der Erde Nährstoffe zurückgeben, statt sie auszulaugen. Sie wachsen auch auf kargen Standorten und können als Pionierpflanzen den Boden für nachkommende Arten bereiten. Gartenfreunde können diesen Effekt für sich nutzen: Außer Bohnen gehören auch Rot- und Weißklee, Lupinen, Luzernen und Erbsen zu den Leguminosen.

Pflanzen sind auch widerstandsfähiger gegen Trockenheit oder Schädlinge, wenn sie in Gemeinschaft wachsen. Ein Beispiel dafür sind Winterkresse, Löwenzahn und wilder Gemüsespargel, die sich in ihren Wachstumsphasen abwechseln. Schwingesbauer schreibt über solche Mischkulturen: "Selbst wenn also ein Befall durch einen Schadorganismus erfolgt, ist der Schaden gering, weil andere Pflanzenarten verschont bleiben; das Risiko eines Totalausfalles minimiert sich.“

buntes Treiben von wilden Tieren im Garten
Im Netzwerk der Tiere hat jedes seine Aufgabe und Funktion. Zauneidechse, Amsel, Igel und Hermelin sind die Helfer von Gärtnern und Gärtnerinnen, weil sie Schädlinge in Schach halten. Sie kommen aber nur, wenn man ihnen eine begehrte Wohnstatt schafft
© Rita Engl

Tierverbünde: Mein Freund ist der Feind meines Feindes

Es ist nicht nur schön und fühlt sich lebendig an, wenn man seinen Garten mit anderen tierischen Wesen teilt. Jedes einzelne von ihnen hat auch eine Funktion. Raupen schlemmen sich durch den Kohl, Blattläuse zerfressen die Tomaten? "Ruhig bleiben“, empfiehlt Schwingesbauer: Schließlich sind sie auch Futter für Marienkäfer, Erzwespen und Kohlmeisen. In einem gesunden Garten halten sie als Fressfeinde unerwünschte Gäste in Schach.

Auch Wühlmäuse und Maulwürfe sind keine Feinde im Garten, sondern Helfer: Ihre Aufgabe ist es, den Boden mit ihren Gängen und Tunneln zu belüften; auch Regenwasser gelangt durch sie schneller in die Tiefe. "In einem funktionierenden Ökosystem setzt sich die Nahrungspyramide aus zahlreichen Gliedern zusammen, wodurch sich vielfältige Nahrungsketten ergeben. Untereinander verbunden weben sie ein dichtes Nahrungsnetz", schreibt Schwingesbauer. In diesem Netz beginnt alles mit den Pflanzen, die von den Veganern und Vegetariern verspeist werden: Reh und Hase, Wildbiene und Käfer. Diesen Primär- folgen die Sekundärkonsumenten: Wiesel, Eidechsen, Vögel, Füchse gehören bei uns etwa dazu.

Buchcover von "Von Pflanzen, die sich mögen & Tieren, die uns helfen."
Noch viel mehr Natur zum Nachdenken, hilfreiche Anleitungen und wunderschöne Illustrationen finden Sie im Buch. Sonja Schwingesbauer: "Von Pflanzen, die sich mögen & Tieren, die uns helfen. Erfolgreich gärtnern mit Symbiosen". Gebundene Ausgabe, Haupt Verlag 2026, 192 Seiten, 34 Euro
 
© Rita Engl / Sonja Schwingesbauer / Haupt Verlag

Im Garten gilt das Prinzip: Mein Freund ist der Feind meines Feindes. Um Schädlinge in Schach zu halten, sucht man sich also am besten Verbündete. Im heimischen Garten sind das Igel und Spitzmaus, Hermelin und Kohlmeise, aber auch Reptilien und Amphibien, Spinnen und Insekten. Am besten gelingt das, indem man seinen Garten zu einer begehrten Wohnstatt für diese Tiere macht. Und das sind dann eben kein kurzgemähter Rasen und akkurate Beete, sondern ein wildes Allerlei aus Versteckmöglichkeiten, Wasserquellen, Nistmaterial und vielfältigem Nahrungsangebot. Nur dann, schreibt Schwingesbauer, wird sich eine Art auch dauerhaft ansiedeln.

Gesunde und vitale Pflanzen hielten es aus, wenn Larven an ihnen knabbern oder Läuse an ihnen saugen. "Und nach und nach finden sich dann die Freunde der Pflanzen, die Raubtiere und Beutegreifer, ein und fressen die lästigen Tierchen wie Blattlaus und Maus einfach auf", ist Schwingesbauer überzeugt. Man muss die Natur nur in dem unterstützen, was sie schon von sich aus macht. Und dann: Geduld haben.

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