Auslese in der Vagina Bremsen Pavianweibchen ungeeignetes Sperma aus?

Pavianmännchen sind ihren Partnerinnen körperlich überlegen. Die Weibchen sichern mit Tricks ihren Einfluss auf die Vaterschaft
Pavianmännchen sind ihren Partnerinnen körperlich überlegen. Die Weibchen sichern mit Tricks ihren Einfluss auf die Vaterschaft
© Irma van der Wiel / mauritius images
Nicht jedes Männchen zeugt genetisch fitten Nachwuchs. Äffinnen beeinflussen die Vaterschaft deshalb nach der Paarung, wie eine aktuelle Studie nahelegt

Lange galten Männchen als aktive Treiber der Evolution. Sie fechten blutige Kämpfe aus, beeindrucken durch Balzgehabe oder stellen ihre Fitness durch ein prächtiges Erscheinungsbild zur Schau. Wer aus dem Kräftemessen als Sieger hervorgeht, darf das wartende Weibchen begatten und so seine Gene an die nächste Generation weitergeben. Zu Darwins Zeiten war die sexuelle Auslese eine revolutionäre Idee. Doch sie war geprägt vom passiven Frauenbild der viktorianischen Zeit

Seit etlichen Jahrzehnten ist klar, dass Weibchen einen viel aktiveren Part bei der Partnerwahl spielen, als Darwin glaubte – sowohl vor der Paarung als auch danach. Denn oft ist die Frage der Vaterschaft mit Vollzug des Geschlechtsakts noch nicht entschieden. Paaren sich die Weibchen mit mehreren Männchen, folgt bei manchen Arten eine verborgene Auslese, bei der die angehenden Mütter die Strippen ziehen. "Cryptic Female Choice" heißt dieses Prinzip. Es hat zum Ziel, dass nur die geeignetsten Spermien die Eizellen befruchten. Eine aktuelle Studie zeigt nun: Offenbar setzen auch unsere nahen Verwandten, die Paviane, darauf.

Verstoßenes Sperma und chemische Signale

Mütter investieren im Durchschnitt mehr Zeit und Energie als Väter in ihren Nachwuchs. Entsprechend interessiert sind sie an dessen Fitness. Die Evolution hat daher vielfältige Mechanismen der verborgenen weiblichen Auswahl hervorgebracht. Bankivahühner, die wilden Verwandten unserer Haushühner, können Sperma beispielsweise direkt nach dem Sex wieder ausstoßen. Weibliche Guppys beeinflussen durch die Dauer der Paarung, wie viel Ejakulat in ihren Körper gelangt. Im weiblichen Geschlechtstrakt der Taufliege Drosophila melanogaster haben besonders große Spermien die besten Chancen – mit dem Ergebnis, dass die Samenzellen der Männchen inzwischen beinahe so lang sind wie die Fliegen selbst. 

Verbreitet ist unter Weibchen auch die Fähigkeit, Spermien mehrerer Männchen im Fortpflanzungstrakt zu speichern – eine weitere Möglichkeit, Einfluss auf die Vaterschaft zu nehmen (während die Spermien gleichzeitig untereinander konkurrieren). Selbst beim Endspurt zur Eizelle greift die Selektion, etwa durch chemische Signale, die Samenzellen anlocken, ausbremsen oder aktivieren. Versuche in der Petrischale zeigen beispielsweise, dass menschliche Spermien unterschiedlich auf die Follikelflüssigkeit reagieren, die bei einem Eisprung freigesetzt wird. 

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© Video: GEO

Die meisten Mechanismen des Cryptic Female Choice wirken im Körper der Weibchen, weshalb sie schwer nachzuweisen und noch schwerer zu beobachten sind. Manche Interaktionen zwischen Zellen lassen sich zwar unter dem Mikroskop nachstellen. Doch solche Experimente liefern ein unvollständiges Bild natürlicher Vorgänge. Forschende müssen daher clevere Versuche entwerfen, die das Unsichtbare bei lebenden Tieren messbar machen. Für Säugetiere existieren bislang vor allem Daten zu Mäusen und Ratten – Spezies, die mit dem Menschen nur entfernt verwandt sind.

Deutlich näher stehen uns die Anubispaviane, die ein internationales Team um Rachel Petersen und James Higham von der New York University nun unter die Lupe nahm. In dem aufwendigen Experiment durften sich neun weibliche und vier männliche Affen nach einem festgelegten Schema miteinander paaren. Nach dem Sex maßen die Forschenden den pH-Wert und die Immunaktivität in der Vagina der Pavianweibchen. Zuvor hatten sie die Tiere mit Belohnungen darauf trainert, einen Abstrich vornehmen zu lassen. 

Gegensätze ziehen sich an

Ein besonders niedriger pH-Wert und eine aggressive Immunantwort machen Spermien das Leben schwer, verringern also die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft. Besonders abweisend reagierte das vaginale Milieu der Weibchen auf den Samen von Männchen, die ihnen genetisch ähnlich waren. Als Maß dafür diente den Forschenden der Major Histocompatibility Complex (MHC), ein Abschnitt des Erbguts, der bei Säugetieren in vielen verschiedenen Varianten existiert. Der MHC spielt eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern. Je vielfältiger die genetische Ausstattung eines Individuums, desto besser ist es gegen Infektionen gewappnet. Studien deuten darauf hin, dass der MHC die Partnerwahl bereits vor der Paarung beeinflussen kann: Manche Tierarten scheinen etwa am Geruch zu erkennen, wessen Gene die eigenen Erbanlagen optimal ergänzen. 

Die Studie mit Anubispavianen, die nun in der Fachzeitschrift "PLoS Biology" erschien, deutet darauf hin, dass der MHC auch nach der Paarung eine Rolle spielt, nämlich bei der Spermien-Auslese. Die Forschenden gaben sich große Mühe, mögliche Fehlerquellen auszuschließen. Sie maßen etwa den pH-Wert und die Immunaktivität in der Vagina der Weibchen zunächst in verschiedenen Zyklusphasen, um Veränderungen nach der Paarung von natürlichen Schwankungen unterscheiden zu können. Auch das Ejakulat der Männchen analysierten sie. Bevor die Äffinnen auf zeugungsfähige Partner trafen, lebten sie mit sterilisierten Männchen zusammen. 

Trotzdem seien die Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen, betont das Team. Denn die Zahl der untersuchten Affen ist extrem klein. Um statistische Ausreißer auszuschließen, sind Versuche mit einer größeren Anzahl von Tieren nötig. Gemessen wurde außerdem nur die unmittelbare Antwort der vaginalen Umgebung nach dem Sex – es gibt keine Daten dazu, wie diese die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft beeinflusst. 

Erschwerend kommt hinzu, dass bislang wenig über die Rolle des weiblichen Immunsystems bei der Fortpflanzung bekannt ist. Es muss den Schutz vor Infektionen mit einer ausreichenden Toleranz gegenüber dem Ejakulat in Einklang bringen. Kommt es zur Befruchtung, wird es noch komplizierter: Jetzt wächst im Körper der Mutter ein Wesen mit teilweise fremden Genen heran, das nicht bekämpft, sondern geschützt und genährt werden soll. Ob der Kinderwunsch bei menschlichen Paaren an fehlender genetischer Kompatibilität scheitern kann, ist bislang übrigens nicht geklärt.

Das New Yorker Forschungsteam wirft auch die spannende Frage auf, welche Strategien die Männchen wohl entwickelt haben, um der postkoitalen Spermienauslese ein Schnippchen zu schlagen. Denn im Kampf der Geschlechter gibt es keine endgültigen Sieger, sondern nur ein fortwährendes Wettrüsten.