Selbstmedikation Warum die Affen von Gibraltar absichtlich Erde fressen

Geliebtes Junkfood: Die Aufnahme von Erde könnte dazu beitragen, den Darm der Berberaffen zu schützen und Reizungen durch zu viel Zucker und Fett zu vermeiden, vermuten Forschende
Geliebtes Junkfood: Die Aufnahme von Erde könnte dazu beitragen, den Darm der Berberaffen zu schützen und Reizungen durch zu viel Zucker und Fett zu vermeiden, vermuten Forschende
© Martin Nicourt/Gibraltar Macaques Project/PA
Berberaffen sind die Top-Attraktion auf dem Affenfelsen von Gibraltar. Doch die häufige Begegnung mit Touristen führt bei ihnen zu Verdauungsbeschwerden

Ein Schoko-Croissant, ein Cappuccino: lecker. Doch Menschen mit einem empfindlichen Magen macht die Mischung aus Fett, Zucker und Koffein zu schaffen. Manche von ihnen greifen bei Sodbrennen zu einem bewährten Hausmittel: Heilerde. Und Affen tun es auch, wie Forschende nun herausgefunden haben.

Die Berberaffen (Macaca sylvanus) auf dem 426 Meter hohen Affenfelsen von Gibraltar werden zwar artgerecht gefüttert – bekommen aber auch immer wieder Junkfood von Touristen. Oder klauen es ihnen. Ob gesalzene Erdnüsse, Kartoffelchips, Smarties oder Eis am Stiel: Die Primaten lieben energiereiche Snacks ebenso wie wir Menschen. Aber auch ihnen schlagen die Leckereien irgendwann auf den Magen.

Videoaufnahmen zeigen das Verhalten der Affen von Gibraltar
© Martin Nicourt/Gibraltar Macaques Project
Videoaufnahmen zeigen das Verhalten der Affen von Gibraltar
© Video: Sylvain Lemoine; Martin Nicourt / Gibraltar Macaques Project

Nun haben sie offenbar einen Weg gefunden, damit umzugehen: Sie essen Erde. Das Verhalten wird wissenschaftlich auch als Geophagie bezeichnet. Das berichtet ein Forschungsteam um Dr. Sylvain Lemoine von der Universität Cambridge in der Fachzeitschrift "Scientific Reports".

"Die von Touristen mitgebrachten Nahrungsmittel sind extrem kalorien-, zucker-, salz- und milchreich", sagt Lemoine in einer Pressemitteilung der Universität. "Dies unterscheidet sich völlig von der üblichen Nahrung dieser Tierart, zu der Kräuter, Blätter, Samen und gelegentlich Insekten gehören."

Zucker und Fett schmecken zwar auch unseren entfernten Verwandten. Doch bekömmlich sind sie auch für sie nicht 
Zucker und Fett schmecken zwar auch unseren entfernten Verwandten. Doch bekömmlich sind sie auch für sie nicht 
© Martin Nicourt/Gibraltar macaques project /PA

Die Forschenden vermuten, dass der Konsum von Erde die negativen Folgen des Junkfoods kompensieren hilft. Erdreich könnte demnach Bakterien und Mineralien liefern, die in der Touri-Nahrung fehlen. Und die Darmschleimhaut vor Reizungen durch zu viel Fett und Zucker schützen.  

Ihre Hypothese stützen die Forschenden auf Beobachtungen: So registrierten sie zwischen Sommer 2022 und Frühjahr 2024 insgesamt 46 Mal, dass einer der insgesamt 230 Berberaffen Erde aß. In drei Fällen nahmen die Primaten die Erde direkt nach einem ungesunden Touristen-Mahl zu sich.

Die Primaten ernähren sich zu einem Fünftel von Junkfood

Während der Beobachtungszeit machte Touri-Junkfood im Durchschnitt fast ein Fünftel der gesamten Affen-Ernährung aus. Und das, obwohl das Füttern der Wildtiere offiziell verboten ist. Auffällig war zudem, dass dort, wo viele Touristen sind, mehr Tiere Erde aßen. Nur bei einer der insgesamt acht Gruppen von Affen beobachteten die Forschenden keinen einzigen Fall von Geophagie: Sie hat keinen Kontakt zu Touristen.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Verhalten sozial vermittelt wird. Denn verschiedene Gruppen von Affen haben unterschiedliche Vorlieben für bestimmte Bodenarten, zum Beispiel die charakteristische, rötliche Terra Rossa.

Die Vorliebe für bestimmte Sorten Erde (im Bild: Terra Rossa, "rote Erde") ist je nach sozialer Gruppe unterschiedlich
Die Vorliebe für bestimmte Sorten Erde (im Bild: Terra Rossa, "rote Erde") ist je nach sozialer Gruppe unterschiedlich
© Martin Nicourt/Gibraltar macaques project /PA

Zwar gibt es Berichte von Geophagie auch bei anderen Affenarten. Doch der vermutete Zweck dürfte bei den Primaten von Gibraltar einzigartig sein. "Die Entstehung dieses Verhaltens bei Makaken ist sowohl funktionaler als auch kultureller Natur, ähnlich wie das Nüsseknacken bei Schimpansen, nur dass es ausschließlich durch die Nähe zum Menschen bedingt ist", sagt Lemoine.

Berberaffen sind eigentlich in Nordafrika heimisch. Wie sie auf den europäischen Kontinent gelangt sind, ist nicht geklärt. Gut möglich, dass sie während der maurischen Herrschaft im Mittelalter aus Afrika eingeführt und als Haustiere gehalten wurden. Ob sie damals artgerecht gefüttert wurden, ist nicht bekannt. Zumindest gab es noch kein Junkfood.