Pflanzen sind untrennbar mit unserem Leben verbunden. Sie bilden die Grundlage unserer Ernährung, reinigen die Luft, filtern Gewässer und dienen als Arznei. Kaum verwunderlich also, dass Gelehrte, Ärzte und Apotheker sich bereits vor Jahrtausenden der systematischen Pflanzenerfassung widmeten. Wie sich diese Praxis zu einer eigenständigen Wissenschaft entwickelte, wollen die Autorinnen anhand von 300 Werken aus der Antike bis zur Gegenwart darstellen – ihre "botanische Bibliothek" ist inhaltlich wie optisch ansprechend, wenn auch perspektivisch begrenzt.
In sechs Kapiteln führen Fry und Wayland durch verschiedene Epochen und Länder, um zu zeigen, wie sich botanisches Wissen, die Art seiner Verbreitung und inhaltliche Schwerpunkte veränderten. Aus einem anfänglichen Interesse an Heilpflanzen erwuchs ein Expeditionsdrang, neue botanische Gebiete wurden auf dem ganzen Globus erschlossen, Ästhetik, Macht und Profit traten als Motivatoren auf den Plan, gleichzeitig schärfte sich der Blick für mikroskopische Welten und wissenschaftliche Zusammenhänge. Während man sich früher auf die Genauigkeit eines Künstlers verlassen oder Pflanzen schriftlich beschreiben musste, können wir heute selbst winzige Bestandteile einer Pflanze präzise ablichten.
Abbildungen aus dem Buch
Heute helfen moderne Technologien bei der Klassifizierung der gesamten Pflanzenwelt – und unterstützen in Naturschutzfragen. Gleichzeitig gerät das gedruckte Buch durch die Digitalisierung in Bedrängnis. Die botanische Bibliothek der Zukunft dürfte, so die Autorinnen, eine digitale sein. Ihr Werk hält dagegen.
Zwar erzählen sie aus einer westlichen Perspektive, doch sie reflektieren diese bewusst und brechen gelegentlich daraus aus. So widmen sie sich dem "goldenen Zeitalter der Botanik" in der islamischen Wissenschaft, verweisen auf Erkenntnisse indigener Völker, die in westlichen Erzählungen marginalisiert wurden und ordnen wissenschaftlichen Rassismus kritisch ein. Dennoch bleibt manches nur anzudeuten, denn die Botanik ist mit Entwicklungen in Medizin, Mythologie, Politik, Kunst, Landwirtschaft, Umwelt und vielen anderen Bereichen eng verbunden. In unterschiedlichen Kulturen bringt die Pflanzenkunde verschiedene Erkenntnisse hervor, verfolgt andere Ziele. So können die Autorinnen manches nur anreißen, und ihr Buch ist als perspektivisch begrenzte Momentaufnahme zu verstehen.
Der mit Fakten und Zahlen durchsetzte Text erfordert Konzentration und ist, anders als das romantische Cover vermuten lässt, keine entspannte Gartenlektüre. Ein zweites Durchblättern sei Lesenden ans Herz gelegt, denn die Ästhetik dieses Buchs ist großartig: Aquarelle, Illustrationen, Kupferstiche und Fotografien offenbaren die Magie floraler Welten, wie es kein Text allein vermag. Sie zeigen, dass bei allem Wandel doch eins unverändert bleibt: Die Faszination für alles, was wächst.