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Trotz längerer Vegetationsperioden Bäume wachsen nur an wenigen Tagen im Jahr

Baum mit Messgerät umgeschnallt
Punktdendrometer an einem Stamm zur Messung von kontinuierlichen Stammradiusänderungen mit Mikrometerauflösung. Die Daten liefern Informationen zum Wachstum und zum Wasserhaushalt von Bäumen
© Roman Zweifel, WSL
Mehr warme Tage im Jahr bedeuten mehr Chancen für Pflanzenwachstum – so lautet eine Annahme zu den Auswirkungen der Erderwärmung. Doch für Bäume stimmt diese Hypothese möglicherweise mitunter nicht, wie eine neue Analyse zeigt

Bäume in Regionen wie der Schweiz wachsen nicht wie bisher angenommen über weite Teile des Jahres, sondern nur an einigen Tagen. Bäume von sieben untersuchten Arten wuchsen im Mittel an 29 bis 77 Tagen im Jahr, wie Forschende in der Fachzeitschrift "Ecology Letters" berichten. Eine längere Vegetationsperiode führte nicht automatisch zu mehr Wachstum.

Das erlaubt den Wissenschaftlern zufolge Rückschlüsse auf die Kohlenstoffaufnahme von Bäumen im Zuge des Klimawandels in gemäßigten Breiten: Anders als vielfach angenommen tragen mehr wärmere Tage im Frühling und Herbst offenbar kaum zum Holzwachstum bei. Tendenziell sei es sogar so, dass ein früher Wachstumsstart vor April sowie ein spätes Ende nach Oktober zu weniger Jahreswachstum führe.

Steigende Temperaturen im Zuge der Erderwärmung verlängern die potenzielle Wachstumsperiode in unseren Breiten – mit mehr Waldwachstum als möglicher Folge. Beim Wachsen lagern Pflanzen Kohlenstoff ein – mehr Wachstum kann dazu beitragen, mehr klimaschädliches Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu holen.

Bäume legten an überraschend wenig Tagen neue Holzzellen an

Die Forschenden um Sophia Etzold von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL in Birmensdorf (Schweiz) analysierten nun Wachstumsdaten aus acht Jahren (2012-2018) von 160 Bäumen an 47 Standorten in der Schweiz. Sieben Baumarten wurden einbezogen – alle legten an überraschend wenigen Tagen neue Holzzellen an.

Generell wuchsen die Bäume im Frühjahr zunehmend mit einem Spitzenwachstum von April bis etwa Mitte Juni und einem meist starken Rückgang kurz vor der Sommersonnenwende im Juni. Wahrscheinlich wirke die abnehmende Tageslänge ab der Sonnenwende als Signal, um das Wachstum abzuschließen und anderen Prozessen wie der Anlage von Früchten und Knospen Vorrang zu geben, so die Wissenschaftler.

Beeinflusst wird das Wachstum von Bäumen unter anderem von der Temperatur, der Wasserverfügbarkeit und den Lichtverhältnissen. "Erstaunlich war, dass alle sieben untersuchten Baumarten durchschnittlich an nur 29 bis 77 Tagen pro Jahr wuchsen", sagte Etzold. Die meisten Tage pro Jahr wuchs demnach die Tanne, die wenigsten die Waldkiefer. Die Fichte wiederum verzeichnete die größten täglichen Wachstumsraten (25 Mikrometer/Tag), erreichte aber im Mittel nur 43 Wachstumstage pro Jahr.

Negative Einflüsse wie Trockenheit oder große Hitze während der Wachstumsmonate April bis Juni beträfen Nadelbäume stärker als Laubbäume, da sie in der Regel bis zu 30 Tage später anfingen, Holz anzulegen und damit ein kürzeres Zeitfenster des optimalen Wachstums hätten. "Fichten in tieferen, trockeneren Lagen dürften auch deswegen in der gegenwärtigen Klimaentwicklung kaum eine Chance haben." In höheren Lagen hingegen könnten höhere Temperaturen den Bäumen nützen.

Annett Stein, dpa

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