Sicherheitspolitik Naturschutz als Verteidigung: Warum Moore militärisch interessant werden

Torfmoor in Sundom, Westfinnland
Feuchtgebiete – hier ein Moor in Finnland – gewinnen in Zeiten zunehmender Spannungen mit Russland an strategischer Bedeutung für die Nato
© OLIVIER MORIN / AFP
Ausgaben für die Verteidigung und für den Natur- und Klimaschutz schließen sich nicht gegenseitig aus. Das zeigt ein Vorschlag einer britischen Denkfabrik

In der Zeitenwende verschieben sich europaweit die politischen Prioritäten: Geld für Klima- und Naturschutz ist plötzlich knapp, während Investitionen in die eigene Verteidigungsfähigkeit in die Höhe schießen. Dass beides kein Gegensatz sein muss, zeigt ein aktuelles Strategiepapier einer britischen Denkfabrik im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung – am Beispiel von Mooren.

Feuchtgebiete sind als CO2-Speicher nicht nur wichtige Verbündete im Kampf gegen den Klimawandel und bieten selten gewordenen Pflanzen und Tieren einen Lebensraum. Sie können auch der Landesverteidigung dienen. Denn Moore und Sümpfe erschweren den Vormarsch feindlicher Truppen; Schienentrassen, Straßen und Wege fehlen, offene Wasserflächen und sumpfiger Boden müssen mit Spezialgerät überwunden werden. Das verlangsamt nicht nur das Vorankommen – es macht die Angreifer auch zu einem leichten Ziel.

Als Beispiel nennen die Autoren des Royal United Services Institute (RUSI) das NATO-Mitgliedsland Estland: Im Osten der ehemaligen Sowjetrepublik liegt der Peipussee und – südlich davon – der mit ihm verbundene Pleskauer See. Beide bilden eine natürliche Barriere, die russische Truppen bei einem Angriff auf estnisches Territorium zwingen würde, für den Vormarsch im Norden eine nur 45 Kilometer breite Landbrücke zwischen dem Peipussee und der Ostsee zu nutzen – oder, im Süden, einen knapp 25 Kilometer breiten Streifen nahe der russischen Stadt Pskow. Gezielt wiederhergestellte Feuchtgebiete könnten an diesen Stellen, so die Autoren, das Vorrücken zu einem strategisch riskanten Manöver machen.

In dem Papier geht es nicht allein um Moore. Die NATO-Mitgliedsstaaten hatten im Juni 2025 beschlossen, nicht nur jeweils 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in militärisches Material zu investieren. Zusätzlich sollen 1,5 Prozent in Investitionen in die Infrastruktur fließen. Was genau damit gemeint ist, bleibt jedoch vorläufig unklar. Der "Schutz der zivilen Infrastuktur" wird ebenso genannt wie die "Resilienz der Bevölkerung". Die Vorschläge der Autoren zielen darauf ab, dass öffentliches Geld nicht in unnötiger Bürokratie versickert.

Für eine strategische Nutzung von Mooren kommen demnach Länder infrage, die eine Grenze mit Russland und Belarus teilen und über große (ehemalige) Moor- und Sumpfgebiete verfügen: Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen.

Moore könnten natürliche Barrieren stärken

"Bei richtiger Ausrichtung könnten die zusätzlichen Mittel in Infrastruktur-, Resilienz- und Naturwiederherstellungsprojekte fließen, die sowohl die drei Kernaufgaben der NATO unterstützen als auch den Anstieg der Emissionen und den Verlust der biologischen Vielfalt eindämmen könnten", schreiben die Autoren der Studie.

Und zeigen damit, dass Nachhaltigkeit und gemeinsame Verteidigung keine konkurrierenden Prioritäten sind, wie es in der Pressemitteilung zu der Studie heißt: "Intelligente Investitionen – in die Mobilität im Schienenverkehr, die Modernisierung des Energienetzes, dezentrale erneuerbare Energien, die Diversifizierung der Lieferketten und die Wiederherstellung der Natur – können mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen: Sie verbessern die militärische Mobilität, verringern die Abhängigkeit von anfälligen Infrastrukturen für fossile Brennstoffe, steigern die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und unterstützen die Klimaziele."

Nach einem Bericht des Magazins "Politico" zeigen sich neben Estland auch Finnland und Polen offen für die Idee von "Verteidigungsmooren" entlang der Ostflanke der NATO. 

Die Idee, landschaftliche Gegebenheiten zum eigenen militärischen Vorteil zu nutzen, ist nicht neu: Im Februar des Jahres 1500 besiegten dithmarscher Bauern ein zahlenmäßig weit überlegenes dänisches Ritterheer, indem sie tief liegendes Marschland überfluteten und in eine Sumpflandschaft verwandelten. 522 Jahre später beschädigten ukrainische Streitkräfte einen Damm am Fluss Irpin, setzten eine sumpfige Aue im Norden unter Wasser – und verzögerten so den russischen Vorstoß auf Kiew.

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