Im riesigen Gebiet des Kongobeckens in Zentralafrika liegt ein gewaltiger Schatz: Etwa 30 Milliarden Tonnen nicht vollständig zersetzter Pflanzenreste – etwa ein Drittel des Kohlenstoffs aller tropischen Torfgebiete. Damit kommt dem Kongobecken, obwohl es nur 0,3 Prozent aller Landflächen ausmacht, im Kohlenstoffkreislauf und im Klimasystem der Erde eine wichtige Rolle zu.
Nun haben Forschende im Mai-Ndombe-See im Herzen des Kongobeckens, der etwa viermal so groß ist wie der Bodensee, eine überraschende – und beunruhigende – Entdeckung gemacht.
Der nur wenige Meter tiefe See ist umgeben von Sümpfen und fast unberührten Sumpfwäldern, seine zahlreichen Zuflüsse transportieren pflanzliche Abbauprodukte in den See, die seinem Wasser die Farbe von Schwarztee verleihen. Unter den Schwarzwasserseen Afrikas gilt der Mai-Ndombe-See als der größte. Bei Messungen stellte das Forschungsteam fest: Aus seinem Wasser entweichen große Mengen Kohlenstoffdioxid (CO2) in die Atmosphäre. Die Studie erschien kürzlich im Fachmagazin "nature geoscience".
Kohlenstoffspeicher mit rätselhaftem Leck
Die Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode ergab: Wie zu erwarten, stammte ein größerer Teil des im Wasser gelösten CO2 aus Pflanzenmasse, die erst in jüngerer Zeit in den See gelangt war, etwa verrottendes Holz und Laub. Doch bis zu 40 Prozent des Kohlendioxids stammen der Studie zufolge aus dem Torf tieferer Bodenschichten, der sich im Verlauf von Jahrtausenden in den angrenzenden Wald- und Sumpfgebieten gebildet hat.
"Der Kohlenstoffspeicher hat quasi ein Leck, aus dem uralter Kohlenstoff austritt", erklärt der Co-Autor der Studie, Matti Barthel von der ETH Zürich in einer Pressemitteilung. Lokalisieren konnten die Forschenden das Leck noch nicht. Bislang galt der Kohlenstoff im Untergrund des Kongobeckens als sicher verwahrt.
Von der Beantwortung der Frage, wie der uralte Kohlenstoff in den See gelangt, hängt viel ab. Denkbar wäre den Forschenden zufolge, dass der Klimawandel eine Art Kettenreaktion in Gang gesetzt hat: Längere Trockenperioden könnten demnach Sauerstoff tief in den Boden eindringen lassen, woraufhin Mikroorganismen begännen, die Pflanzenreste zu zersetzten. Was in der Folge zur Freisetzung von CO2 führt. Das wiederum hätte Auswirkungen auf das Klima: Die Durchschnittstemperatur steigt, Trockenperioden werden länger. Und noch mehr Torfboden verwittert.
Auch die Bevölkerungsentwicklung hat Einfluss auf den See
Doch damit nicht genug: Aus dem See entweicht auch extrem klimaschädliches Methan, und zwar besonders viel, wenn der Pegelstand des Sees – wie in der Trockenzeit üblich – niedrig ist. "Werden Trockenheiten länger und intensiver, könnten die Schwarzwasserseen dieser Region zu bedeutenden Quellen von Methan werden, die wiederum das globale Klima beeinflussen", sagt der ebenfalls an der Studie beteiligte ETH-Professor Jordon Hemingway. "Wann der Kipppunkt erreicht ist, wissen wir derzeit nicht."
Und noch etwas bereitet den Forschenden Sorge: Gravierender als der Klimawandel könnten sich Landnutzungsänderungen auf den Kohlenstoffhaushalt der Region auswirken. Prognosen zufolge verdreifacht sich bis zur Mitte des Jahrhunderts die Bevölkerung der Demokratischen Republik Kongo. Um Ackerland für die Nahrungsmittelproduktion zu gewinnen, dürfte zukünftig auch mehr Wald gerodet werden. Und mehr Entwaldung bedeutet: mehr Trockenheit.