Vom Müllchaos zu Zero Waste 90 Prozent Recyclingquote: Was die griechische Urlaubsinsel Tilos anders macht

  • von Frauke Gans
Küste Tilos, Rhodos
Tilos liegt in der Südlichen Ägäis, etwa 15 Kilometer nordwestlich von Rhodos. Die knapp 800 Menschen auf der Insel leben vom Tourismus
© Thomas Jastram
Die Insel Tilos kämpfte mit maroden Stromsystemen und ineffizienter Müllentsorgung. Dann nahm sich die Bürgermeisterin der Sache an. Nun taugt Tilos zum Vorbild

35.000 Menschen strömen in den Sommermonaten auf die 500 Einwohner-Insel Thilos. Jahrelang ist das Stromnetz überlastet, die Müllberge quellen über. Bis die Menschen aus der Gemeinde und ihre Bürgermeisterin Maria Kamma das Problem in die Hand nehmen – und so Tilos als weltweit erste Insel zur "Zero Waste Certified City" machen.

Auf den griechischen Inseln kommen im Schnitt 110 Besucher auf eine Einwohnerin, pro Tag. Die meisten Touristen kommen zwischen April und November. Eine harte Probe für das Stromnetz und die Müllentsorgung – ohnehin wunde Punkte in Griechenland. Zwar dominieren erneuerbare Energien mittlerweile die Stromversorgung, jedoch dicht gefolgt von Erdgas und der Verbrennung von Schweröl. Auch das Eiland Tilos bezog seinen Strom lange Zeit über ein Unterwasserkabel von Kos. Das ist teuer: Die Kraftwerke sind klein und wenig effizient. Die Infrastruktur ist zudem alt und dank der Entfernung von über 50 Kilometern anfällig für Pannen. Große Mengen ungekühlter Lebensmittel in Restaurants, Ausfall der Klimaanlagen in Hotels – regelmäßige Stromausfälle waren lange ein großes wirtschaftliches Problem für einen Ort, der vom Tourismus lebt. Und dabei viel Geld für Strom bezahlt.

Ausweg aus der Müllmisere

Warum also nicht die 300 Sonnentage im Jahr und die fast stetige Brise für die Stromgewinnung nutzen, fragte sich Bürgermeisterin Kamma. Mit EU-Geldern ließ sie eine Windkraftanlage und 592 Solarpaneele mit einer Höchstleistung von 270 Watt errichten. Auf dem nordwestlichen Zipfel der Insel angesiedelt, versorgen sie Bewohner und Touristen. Eine hitze- und kälteresistente Batterie speichert die Energie aus Wind und Sonne, stellt auch nachts Strom bereit und gleicht Schwankungen aus, während ein intelligentes Steuersystem Produktion, Speicherung und Verbrauch im Gleichgewicht hält. Über ein lokales Mikronetz gelangt der Strom in die Haushalte, Tavernen, Geschäfte und Hotels. 510.000 Euro Energiekosten konnte Tilo so in drei Jahren sparen. Außerdem 3000 Tonnen CO2 – was weitere 39.000 Euro Emissionskosten sparte.

Als Ausweg aus der Müllmisere verbannte die Bürgermeisterin von Tilos die öffentlichen Gemeinschaftscontainer von den Straßen. Früher landete der dort gesammelte Abfall auf der örtlichen Deponie – wie vielerorts in Griechenland, wo illegale Müllkippen das Grundwasser verseuchen. An manchen Orten ist ein Recyclingsystem vorhanden, bricht aber immer wieder zusammen. Auf Tilos fehlte es gänzlich.

Hausfassade Tilos
Über viele Jahre landete der Abfall unsortiert auf der Deponie der Insel. Nun wird Müll zu Hause sortiert und zu 90 Prozent recycelt. Die Deponie gibt es nicht mehr
© Thomas Jastram

Maria Kamma änderte das. Sie verlegte die Mülltrennung direkt in die Haushalte. Ein Team holt den Abfall dreimal die Woche ab, schaut sofort, ob alles richtig getrennt wurde und bringt frische Tüten mit. Das Ergebnis: eine Recyclingquote von 90 Prozent. In Deutschland sind es knapp 70 Prozent.

Wo einst die Deponie der Insel ihren Standort hatte, werden heute die wiederverwertbaren Materialien verschnürt und verdichtet – bereit für ihren Weg nach Athen in zertifizierte Recyclingeinrichtungen. Der Biomüll kompostiert auf Tilos. Nur noch zehn Prozent des Abfalls ist Restmüll. "Zu Pellets komprimiert, wird er an Industrieanlagen mit Filtern zur Energiegewinnung verkauft," so das Team um die Bürgermeisterin. So rechne sich der hohe Aufwand: "Dank der hohen Wiederverwertungsquote ist das System wirtschaftlich effizient."

Keine Stromausfälle mehr und saubere Straßen

Tilos trägt nun die Titel "Smart Energy Island" und "Zero Waste Certified City". Fehlende Stromausfälle, saubere Straßen und Strände, haben die Bewohner überzeugt. Aber: "Sind wir mit dem Ergebnis zu 100 Prozent zufrieden? Noch nicht. Da geht noch mehr," verkündet Maria Kamma.

Erschienen in GEO 03/2026