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Risikoanalyse zum Klimawandel Atembeschwerden, Ernteausfälle, Hochwasser: Da kommt was auf uns zu!

Risikoanalyse zum Klimawandel: Atembeschwerden, Ernteausfälle, Hochwasser: Da kommt was auf uns zu!
© IMAGO / Olaf Döring
Trockenheit, Starkregen und Hitze bringen enorme Risiken mit sich – nicht nur für die Natur, sondern auch für Gesellschaft, Wirtschaft und Gesundheit. Die aktuelle Risikoanalyse der Bundesregierung zum Klimawandel zeigt: Es muss dringend gehandelt werden  

Deutschland im Jahr 2100: Schon wieder machen Ernteausfälle den Landwirten zu schaffen, der Wald leidet unter Scharen von Schädlingen. Invasive Arten breiten sich aus, verdrängen heimische Tiere und Pflanzen und verringern so die biologische Vielfalt. Wind und Wassermangel sorgen für Bodenerosionen, gleichzeitig versalzt das Grundwasser und der Meeresspiegel steigt. In der Nähe von Flüssen werden Gebäude und Straßen durch das wiederkehrende Hochwasser beschädigt, in den Städten bilden sich Wärmeinseln. Und immer mehr Menschen klagen aufgrund der verunreinigten Luft und des zunehmenden Pollenflugs über Atembeschwerden und Allergien.    

Es ist kein rosiges Bild, das die Klimawirkungs- und Risikoanalyse im Auftrag der Bundesregierung für das Ende des Jahrhunderts zeichnet – vorausgesetzt, das Klima erwärmt sich ungebremst weiter und es findet keinerlei Anpassung an den Klimawandel statt. Alle sechs Jahre werden die Risiken, die der Klimawandel in Deutschland für Gesundheit, Wirtschaft, Natur und Alltag mit sich bringen könnte, untersucht. Und gleichzeitig aufgeschlüsselt, wie diese gemindert werden können. Mehr als 1200 Seiten umfasst das Mammutwerk, an dem 25 Bundesbehörden und Institutionen beteiligt waren.  

Das Ergebnis: Die Gefahren durch den Klimawandel sind seit der Veröffentlichung des letzten Berichts im Jahr 2015 deutlich gestiegen. Und: Die Klimarisiken betreffen künftig nicht mehr nur einzelne Regionen, sondern das ganze Bundesgebiet. „Die gute Nachricht ist: Wir können das Allerschlimmste verhindern, wenn wir ambitionierten Klimaschutz betreiben“, so der Präsident des Umweltbundesamts, Dirk Messner, bei der Vorstellung der Ergebnisse. Das wichtigste Ziel sei es deshalb, die Treibhausgasemissionen zu senken. Wenn sich die Temperatur in Deutschland lediglich um 2 Grad Celsius im Vergleich zur frühindustriellen Zeit erhöhe, seien Anpassungen zwar notwendig, aber relativ einfach möglich. Stolpere man dagegen in eine globale Erderwärmung von drei bis vier Grad Celsius, seien instabile Gesellschaften und eine gefährdete Demokratie die Folge. 

"Ganz Deutschland wird ein riesiger Hotspot"

Um das zu verhindern, auch das macht der Bericht deutlich, muss sofort gehandelt werden. Denn die vorgeschlagenen Anpassungsmaßnahmen brauchen Zeit – in vielen Fällen vergehen zwischen 10 und 50 Jahre, bis sie greifen. Zudem sind die Prognosen immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. „Wir müssen uns auf eine Zukunft vorbereiten, die wir nur in ihren Umrissen beschreiben können“, so Messner. Die Klimawirkungs- und Risikoanalyse vergleicht deshalb zwei verschiedene Szenarien für die Zeit bis zum Jahr 2100. Ein optimistisches Szenario beschreibt einen schwächeren Klimawandel mit einem Temperaturanstieg um 2,4 Grad zur Mitte des Jahrhunderts im Vergleich zur frühindustriellen Zeit – und geht gleichzeitig davon aus, dass sich die beobachteten Parameter günstig entwickeln. Ein pessimistisches Szenario dagegen rechnet mit einem Temperaturanstieg von mehr als drei Grad.  

Schon jetzt schreitet die Erderwärmung in Deutschland schneller voran als im globalen Durchschnitt, gemessen wird bereits eine 1,6 Grad höhere durchschnittliche Jahrestemperatur als zu Beginn der Messungen im Jahr 1881. Gab es im Jahr 1950 noch drei heiße Hochsommertage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius, waren es in den vergangenen Jahren bereits zehn. Von Starkregen, Hitze und Trockenheit sind bisher zwar nur wenige Regionen in Deutschland betroffen. Mit einem starken Klimawandel wird sich das jedoch ändern: Im Süden und Westen sieht die Klimawirkungs- und Risikoanalyse die stärksten relativen Veränderungen im Vergleich zu heute, im Südwesten und Osten dagegen nehmen die klimatischen Extreme zu. „Faktisch ist aber das ganze Bundesgebiet betroffen“, sagt Walter Kahlenborn vom Forschungs- und Beratungsinstitut Adelphi, das die Studie durchgeführt hat. „Mehr oder minder wird ganz Deutschland ein einziger riesiger Hotspot.“  

Bis es soweit ist, kann keinesfalls gewartet werden. Bei 31 der über 100 identifizierten Risiken durch den Klimawandel besteht der Studie zufolge schon jetzt dringender Handlungsbedarf, etwa weil das Klimarisiko bereits im mittleren Bereich liegt oder eine besonders lange Anpassungsdauer zu erwarten ist. Besonders brisant sind etwa die Risiken für die Gesundheit durch die extreme Hitze, die sich in den Städten anstaut – vor allem die Metropolen entlang des Rheins und an der Spree, den wärmsten Regionen Deutschlands, bereiten hier Sorgen. In ländlichen Regionen im Osten und der westlichen Mitte Deutschlands dagegen besteht Gefahr durch Trockenheit und Niedrigwasser, Siedlungen und Infrastruktur in der Nähe von Gewässern oder in engen Tälern der Mittelgebirge sind durch Starkregen, Sturzfluten und Hochwasser bedroht. Und an den Küsten nehmen die Gefahren durch den Anstieg des Meeresspiegels in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts deutlich zu. Auch der Ausbreitung invasiver Arten und Schäden in Wäldern muss demnach dringend Einhalt geboten werden, um die biologische Vielfalt nicht zu gefährden. Großen Handlungsbedarf gibt es auch bei der Bodenerosion durch Wasser und Wind. „Zum Ende des Jahrhunderts könnten einige Risiken in Deutschland so stark ansteigen, dass sie nur durch tiefgreifende Vorsorgemaßnahmen reduziert werden können“, mahnt Messner. „Wir müssen jetzt handeln.“ 

Anpassungsmaßnahmen reichen nicht aus

Um sich frühzeitig an den Klimawandel anpassen zu können, unterstützt das Bundesumweltministerium Kommunen ab Juli mit einem Beratungszentrum. Außerdem sollen sogenannte Anpassungsmanager finanziert werden, die vor Ort die Anpassungen an den Klimawandel vorantreiben. Diese können beispielsweise dafür sorgen, dass an den Klimawandel angepasste und allergenarme Stadtbäume gepflanzt werden. Auf lange Sicht senken solche Bäume nicht nur die Temperatur in den überhitzten Innenstädten, sondern schützen auch vor UV-Strahlung und damit vor Hautkrebs. Gleichzeitig verringern sie die Luftverschmutzung und folglich auch Atemwegserkrankungen. Um die Bäume effektiv zu nutzen, sind größere und stärker vernetzte Grün- und Wasserflächen in der Stadt jedoch genauso nötig wie neue Bewässerungskonzepte.  

Messner vom Umweltbundesamt fordert außerdem eine konsequente Umsetzung naturbasierter Maßnahmen – beim Hochwasser und Küstenschutz etwa, oder bei der Auenrenaturierung. „Parallel müssen wir die Verschmutzung und Übernutzung von Wasser, Boden und Luft drastisch verringern, und in eine massive Begrünung von Freiflächen und Gebäuden investieren.“ Landschaften und Städte müssten so umgebaut werden, dass sie sich ohne Schäden an Ökosystemen, Häusern und Infrastrukturen wie ein Schwamm mit Wasser vollsaugen und es wieder abgeben können. „Wir müssen asphaltierte Flächen verkleinern oder mit wasserdurchlässigen Baustoffen ersetzen, Freiflächen und Begrünung schaffen und den Flächenverbrauch so schnell wie möglich reduzieren“, so Messner. 

Teilweise wurden solche Anpassungsmaßnahmen schon in die Wege geleitet. Der Waldumbau hin zu naturnahen Mischwäldern hat begonnen, das nationale Hochwasserschutzprogramm soll natürliche Systeme wie Auen stärken. Die Risikoanalyse zeigt jedoch: Bei einem starken Klimawandel werden solche Maßnahmen nicht ausreichen, es braucht weitergehende Anpassungsstrategien. Nur dann können viele der Klimarisiken zumindest auf ein mittleres Niveau gesenkt werden. 

Böden, Wälder und Gewässer leiden am meisten

In manchen Fällen, sagt Walter Kahlenborn von Adelphi, stößt die Anpassung ohnehin an ihre Grenzen. Schwierig wird es für hochspezialisierte Arten beispielsweise in Hochgebirgsregionen, die eine bestimmte ökologische Nische besetzen. Außerdem werde es Konflikte geben, etwa um die Nutzung von Wasserressourcen oder von Land. Ein Beispiel: Aus Biodiversitätssicht ist es wichtig, Biotopverbände zu schaffen, die es bedrohten Arten ermöglichen, von einem Lebensraum in einen anderen auszuweichen. Gleichzeitig braucht es aber mehr Platz, um grüne, zukunftsfähige Siedlungen zu bauen. Und die Forstwirtschaft benötigt eben diesen für stabile Mischwälder, die dem Klimawandel trotzen.  

Dabei sind es gerade die natürlichen Lebensgrundlagen, die der Studie zufolge unter dem Klimawandel leiden: Böden, Wälder und Gewässer also, ebenso wie Fischerei, Land- und Forstwirtschaft, die auf deren Ressourcen angewiesen sind. Denn die Temperaturerhöhung führt nicht nur zu einer Verschiebung der Anbauregionen, sondern sorgt auch dafür, dass sich bislang fremde Schädlinge in unseren Breitengraden wohlfühlen. Die südostasiatische Kirschessigfliege etwa bereitet Winzern in Süddeutschland schon seit Jahren Probleme, weil sie inzwischen frostfreie Plätze zum Überwintern findet. Andernorts können sich Arten durch die sich verändernden Ökosysteme nicht mehr anpassen und das Artensterben beginnt. Der erste Dominostein einer langen Kette fällt – die irgendwann auch den Menschen und dessen Gesundheit erreicht.    

Die Anpassung an den Klimawandel ist eine Jahrhundertaufgabe. Wie viel sie kosten wird, können die Expertinnen und Experten bislang nicht vorhersagen. Sicher ist nur: Sie ist unausweichlich. Messner sagt: „Wenn es uns nicht gelingt, den Klimawandel um zwei Grad herum zu stabilisieren, dann könnten wir in Situationen kommen, in der Anpassung entweder immer teurer wird oder uns schlicht und einfach überfordern könnte.“ 


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