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Arbeitsweg Fünf bittere Fakten zum Pendelverkehr: Forschende fordern Abbau "überholter Privilegien"

Fast zwei Tage verbringen Pendler*innen jedes Jahr im Stau
Fast zwei Tage verbringen Pendler*innen jedes Jahr im Stau
© Iuliia Sokolovska / Adobe Stock
Seit Jahrzehnten pendeln immer mehr Menschen immer weiter. Und sehen sich heute mit galoppierenden Energiepreisen konfrontiert. Wo stehen wir heute? Was muss passieren? Expert*innen präsentieren Fakten und Lösungsansätze

Inhaltsverzeichnis

1. Wer im Auto zur Arbeit pendelt, fährt fast immer allein.

Die in Deutschland verkauften Autos werden immer größer. Doch das bedeutet nicht, dass immer mehr Menschen damit fahren: In der Regel sitzen Berufspendler*innen allein im Auto – egal, wie groß es ist. Im Durchschnitt sitzen nur 1,075 Personen im Wagen. Wer mit anderen zusammen zur Arbeit pendelt, ist also eher die Ausnahme. Doch angesichts des Klimawandels und steigender Energiepreise werden Fahrgemeinschaften attraktiver.

2. Expertinnen sehen keine Trendumkehr – trotz Corona und Homeoffice.

Der wichtigste Trend für das Berufspendeln wurde durch die Pandemie ausgelöst: Arbeiteten vorher nur zwölf Prozent aller abhängig Beschäftigten zeitweise von zu Hause aus, sind es in der Pandemie fast die Hälfte. Allerdings rechnen Experten damit, dass die Privatautos nun nicht einfach herumstehen – sondern vermehrt für Freizeitfahrten und von anderen Familienmitgliedern genutzt werden. Fakt ist: In den vergangenen Jahren sind die gefahrenen Distanzen sogar schneller als in der Vergangenheit gestiegen. Und eine "Sättigung" sei "trotz manch gegenteiliger Beobachtungen nicht erreicht", schreiben die Autor*innen der aktuellen Studie "Wende im Pendelverkehr".

3. Jeder fünfte Mensch im Personenverkehr pendelt zur Arbeit.

Zwanzig Prozent aller Menschen, die gerade in Deutschland unterwegs sind, wollen zur Arbeit – oder nach Feierabend zurück nach Hause. Und die überwiegende Mehrheit von ihnen – fast drei Viertel – nutzt dafür das Auto. Ein Grund dafür: Bauland, Immobilien und Mieten sind in den Metropolen für viele unerschwinglich. Wer allerdings aufs Land oder in das Umland zieht, ist oft auf ein privates Auto angewiesen: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauert die Fahrt zur Arbeit im Schnitt doppelt so lange. Im Ergebnis arbeiten fast 20 Millionen Menschen in Deutschland nicht in der Gemeinde, in der sie wohnen.

4. Seit 1976 haben sich die Pendeldistanzen verdoppelt.

Straßenbau, Pendlerpauschale, die Preisentwicklung in den Ballungsräumen und günstige Bedingungen für Eigenheime auf der grünen Wiese haben dafür gesorgt, dass immer mehr und immer weiter gependelt wird. Waren Berufspendler*innen 1976 noch 8,6 Kilometer (einfache Strecke) zu ihrer Arbeitsstelle unterwegs, sind es heute schon 16 Kilometer.

5. Pendler*innen stehen pro Jahr fast zwei volle Tage im Stau.

Wer mit dem Auto pendelt, kennt ein spezielles Problem der PKW-Mobilität: Staus sorgen regelmäßig dafür, dass der fließende Verkehr zeitweilig zum Erliegen kommt. Stau-Hotspots unter den Städten sind in Deutschland vor allem die Städte München, Berlin und Düsseldorf. Und das, obwohl alle drei Metropolen über einen gut ausgebauten ÖPNV verfügen. Vor Beginn der Pandemie, im Jahr 2019, verbrachten Berufspendler, die mit dem Auto zur Arbeit fuhren, durchschnittlich 46 Stunden im Stau. Das entspricht fast zwei verlorenen Tagen.

Diese Lösungen schlage Expert*innen vor

Als Gegenstrategie schlagen die Expert*innen des Dortmunder Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) in ihrer Studie "Wende im Pendelverkehr" nicht nur einen Ausbau des ÖPNV vor: Gleichzeitig müssten auch "überholte Privilegien des Autoverkehrs" abgebaut werden. Dazu zählen sie Tempolimits und die Einführung einer bundesweiten PKW-Maut. Eine "integrierte" Verkehrsplanung müsse nicht nur den Verkehrsfluss, sondern zum Beispiel auch die Aufenthaltsqualität von öffentlichen Räumen oder den Klima- und Umweltschutz berücksichtigen.

Vor allem aber müsse der Bund "Klimaneutralität, Verkehrsverlagerung und soziale Ausgewogenheit als übergeordnete Leitlinien" verfolgen. Und das zielt auf den Bundesverkehrswegeplan, die Entfernungspauschale und das Dienstwagenprivileg. Um nur Beispiele zu nennen.

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