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Faire Kleidung Hat Corona den Kleidungskauf nachhaltiger gemacht?

Die Modeindustrie trägt mit einem Zehntel zu den weltweiten Treibhausgas-Emissionen bei
Die Modeindustrie trägt mit einem Zehntel zu den weltweiten Treibhausgas-Emissionen bei
© mnimage / Adobe Stock
Faire und nachhaltige Kleidung hatte seit Jahren Konjunktur. Dann kam Corona. Wie hat sich das auf das Kaufverhalten ausgewirkt?

Die Corona-Pandemie hat den Bekleidungsmarkt kräftig durchgeschüttelt: Geschäfte mussten schließen, der Handel blieb zeitweilig auf Hunderten Millionen Kleidungsstücken sitzen. Gleichzeitig meldet der Online-Handel immer neue Rekorde. Und die Retouren fluten die Versandzentren. Nachhaltig ist das nicht.

Der Handlungsbedarf, so viel steht fest, ist riesig – und war es auch schon vor der Pandemie: Weltweit geht eine von zehn Tonnen Treibhausgasen auf das Konto der Modeindustrie. Im Schnitt kaufen Deutsche jedes Jahr 60 Kleidungsstücke – die sie nur noch halb so lange tragen wie vor 15 Jahren. Und europaweit werfen wir jährlich elf Kilogramm Kleidung auf den Müll.

Zum Bild, das Umfragen zeichnen, passt das nicht: Immerhin zwei von drei Verbraucher*innen geben an, dass ihnen Umwelt- und Sozialstandards wichtig sind, wenn sie Kleidung oder Schuhe kaufen. Die Pandemie hat daran offenbar nichts geändert. Im Gegenteil. Corona habe sogar zu einer Bewusstseinsänderung beigetragen, sagt Axel Augustin vom BTE Handelsverband Textil Schuhe Lederwaren. "Die schon seit einigen Jahren zunehmende Nachhaltigkeits-Orientierung hat weiter zugenommen. Die Kunden achten mehr auf entsprechende Informationen, und Second Hand-Ware gewinnt an Bedeutung."

Etablierte Marken bieten Secondhand-Ware an

Auch die Händler haben die Zeichen der Zeit erkannt: Wie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) berichtet, entstanden in den vergangenen Jahren neben klassischen Secondhand-Shops zahlreiche weitere Online-Plattformen, inzwischen bieten sogar etablierte Marken in ihren Online-Shops "Pre-Owned"-Kleidungsstücke an – vor allem aus den gehobenen Preissegmenten. Bei Mänteln beispielsweise liege der Anteil der gebraucht gekauften Stücke bei immerhin sechs Prozent. Unter den Käufer*innen überdurchschnittlich oft vertreten: so genannte Millennials im Alter zwischen 25 und 39 Jahren.

Das muss aber nicht bedeuten, dass der Handel mit Textilien auch unter dem Strich nachhaltiger wird. "Nachhaltigkeit hat ihren Preis", sagt Frank Düssler, Pressereferent des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel. "Wenn die Kaufkraft der Menschen schwindet – denn nichts anderes ist Inflation –, dann könnten den Menschen die Lust an teureren, aber nachhaltigen Produkten vergehen." Anders gesagt: Die aktuelle Geldentwertung könnte einen Rückschlag für den Nachhaltigkeits-Trend bedeuten. Denn Fast Fashion ist in der Regel nicht nur billiger, sondern hält auch nicht so lange.

Das passt zu einem anderen Trend: dem Trend zu immer mehr billiger Kleidung. "Wir haben leider keinen nachhaltigen Effekt, was weniger Konsum angeht", sagt Viola Wohlgemuth von Greenpeace. "Ganz im Gegenteil." Jährlich seien vor der Pandemie 183 Milliarden Stück Textilien produziert worden, erklärt die Kampaignerin für Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschutz. Coronabedingt fiel der Wert auf 160 Milliarden, doch bis 2030 soll laut Prognosen sogar die Marke von 206 Milliarden erreicht werden.

"Obwohl es ein immer größeres Bewusstein und einen Trend weg vom Neukauf, hin zu Secondhand und Leihen gibt, ist es immer noch nur ein kleiner Teil der Käufer*innen, der sich damit beschäftigt", sagt Wohlgemuth. Schlimmer noch: "Wir sehen jetzt eine Entwicklung von Fast Fashion, wie bei H & M oder Zara, hin zu Ultra Fast Fashion, zum Beispiel bei Shein, einem chinesischen Onlinehändler für Mode- und Sportartikel. Die setzen noch mal eins drauf, was die Schlagzahlen und die schlechten Arbeitsbedingungen und Produktionsprozesse anbelangt."

Zudem sei es der boomende Onlinehandel selbst, der Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit zunichte mache: Denn das Shopping via Internet verleite die Menschen, mehr zu kaufen und per kostenloser Retoure zurückzuschicken. Mit der Folge, dass noch mehr einwandfreie, ungebrauchte Ware vernichtet werde.

"Nicht ganz einfaches Thema": Kleidung und Recycling

Dass die Nachhaltigkeit es so schwer hat in der Modebranche, hat aber nicht nur mit dem Kaufverhalten der Menschen zu tun. Sondern auch mit der Mode selbst. "Die Fast-Fashion-Industrie hat Kleidung zu einem Wegwerfartikel gemacht", sagt Wohlgemuth. "Davon müssen wir uns verabschieden." Das Modell sei wegen der Klimakrise und der Ressourcenknappheit einfach nicht mehr tragbar.

Nur ein Prozent der Textilien weltweit werde aus recycelten Fasern hergestellt, sagt Viola Wohlgemuth. Der Rest bestehe zu 70 Prozent aus Erdöl. Das sei nichts anderes als Plastikmüll, der verbrannt werden müsse – oder als Altkleiderexport mit hohem Müll-Anteil nach Afrika gelange, um dort auf Deponien und in Gewässern zu landen.

Langlebigkeit und Nachhaltigkeit sei in der Branche ein "nicht ganz einfaches Thema", sagt auch Axel Augustin vom BTE Handelsverband. Chemiefasern hielten beispielsweise oft länger als Naturfasern. Und manche chemische Ausrüstung sorge dafür, dass Kleidung bequemer sei und länger getragen werde. "Die in anderen Bereichen propagierte Kreislaufwirtschaft stößt bei der Mode noch sehr schnell an Grenzen", sagt Augustin.

Hoffen auf gesetzliche Vorgaben

Doch das könnte sich bald ändern. Die EU-Kommission verabschiedete vor kurzem ihre "Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien". Und die müsse nun in nationales Recht umgesetzt werden, fordert Greenpeace-Kampaignerin Wohlgemuth.

Ein solcher Schritt wäre wohl eine "Zeitenwende" für die ganze Branche: Reparierbarkeit, Langlebigkeit und Recycelbarkeit müssten dann schon beim Design mitgedacht werden. Zudem müsse dafür gesorgt sein, fordert Wohlgemuth, dass Kleidungsstücke getrennt eingesammelt und wiederverwertet werden – vergleichbar mit dem Gelben Sack.

Wie weit der Weg dahin wird, das entscheidet die aktuelle Bundesregierung. Die gerade im Krisenmodus arbeitet.

Ein Impuls für mehr Nachhaltigkeit beim Kleidershoppen könnte nun allerdings aus unerwarteter Richtung kommen: Bislang galt im Onlinehandel ein gesetzliches 14-Tage-Rückgaberecht ohne Angabe von Gründen. Die Kosten für die Rücksendung haben die Händler bislang selbst übernommen. Das könnte sich bald ändern, glaubt Frank Düssler vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel. "Sollten die Inflation, beziehungsweise die Lieferkettenprobleme längerfristig andauern – wovon wir fest ausgehen –, dann ist damit zu rechnen, dass das das Ende der kostenlosen Retoure sein wird."

Wer also künftig per Mausklick Klamotten zum Anprobieren auf die Reise schickt, wird sich das zweimal überlegen. Und so zumindest unnötige Emissionen vermeiden.


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