Bestandsaufnahme Der Fleischhunger wächst weltweit. Was das für Klima und Umwelt bedeutet

Der soeben erschienene "Fleischatlas 2021" zeigt: Tiere essen ist nicht nur eine Frage des Geschmacks oder der Moral. Der globale Fleischkonsum ist ein wichtiger Treiber der Klimakrise und des Artensterbens
Rinder auf der Weide

Die Tierhaltung ist global für 14,5 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich

Schon seit Jahren prangern Umwelt- und Tierschutzverbände die Bedingungen und Folgen der Tierproduktion in Deutschland an. Als sich im Sommer 2020 mehr als 1500 Mitarbeiter des größten Schlachtbetriebes der Bundesrepublik in Rheda-Wiedenbrück mit dem Corona-Virus infizierten, kam Bewegung in die Debatte. Der Betrieb wurde vorübergehend geschlossen, seit Beginn dieses Jahres sind Werkverträge, mit denen die Fleischbetriebe Arbeiter und Arbeiterinnen aus Osteuropa zu Dumpinglöhnen beschäftigten, verboten.

Verändert hat sich an der Landwirtschaftspolitik ansonsten kaum etwas. Und während in Europa der Fleischkonsum auf hohem Niveau stagniert, steigt er in den aufstrebenden Schwellenländern – zu Lasten von Tieren, Umwelt und Klima. Das zeigt der aktuelle "Fleischatlas 2021" im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung, des BUND und der Monatszeitung Le Monde diplomatique.

Scharfe Kritik an Reformverweigerung der Politik

Während sich die Weltbevölkerung in den vergangenen 50 Jahren verdoppelt hat, hat sich die globale Fleischproduktion mehr als verdreifacht. Und damit auch die Treibhausgas-Emissionen, die durch die Haltung und beim Anbau der Futtermittel entstehen. Die Tierhaltung sei heute für etwa 14,5 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich, sagt Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, in einer begleitenden Pressemitteilung. „Allein die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne emittieren mit 578 Millionen Tonnen so viel klimaschädliche Gase wie der größte Ölmulti der Welt (Exxon) und erheblich mehr als Frankreich oder Großbritannien.“

Im Vorwort zum "Fleischatlas 2021" schreiben die Autoren: „Ohne Kurswechsel wächst die Fleischproduktion bis zum Jahr 2029 noch einmal um 40 Millionen Tonnen auf dann mehr als 360 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr. Die Folgen kann man sich kaum vorstellen, weil bereits jetzt die ökologischen Grenzen unseres Planeten überschritten werden und die Klima- und Biodiversitätskrise für viele Menschen weltweit dramatische Auswirkungen hat.“

Das Aus für die Werkverträge in Deutschland sei zwar ein gutes Zeichen, sagt Barbara Unmüßig. Ein Ende der Ausbeutung markieren sie aber nicht. „Die wirtschaftlichen Interessen der milliardenschweren Fleischindustrie und die Reformverweigerung der Politik halten uns auf einem dramatischen Irrweg, der die ökologischen Grenzen des Planeten sprengt.“

"Fleischkonsum um mehr als die Hälfte reduzieren"

Deutschland und Europa müsse seinen Fleischkonsum um mehr als die Hälfte verringern, die deutsche und die europäische Politik müsse dafür „gezielte Strategien“ vorlegen. Die aktuelle Agrarpolitik sei von einer notwendigen „Fleischwende“ allerdings weit entfernt.

Das kritisiert auch der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. Als Beispiel nennt er die Schweinehaltung in Deutschland: Seit 2010 ist demnach die durchschnittliche Tierzahl pro Betrieb bei Mastschweinen von 398 auf 653 gestiegen. Bedenklich sei, dass die Zahlen bei Schweinen besonders in Nordrhein-Westfalen und Niedersachen gestiegen sind. Also dort, wo schon überdurchschnittlich viele Tiere gehalten werden. „Damit wird die Verschmutzung des Grundwassers in diesen Regionen weiter verschärft“, sagt Bandt.

Mit Daten, Fakten und Grafiken zur aktuellen Fleischproduktion – und zum Konsum zeigt der Fleischatlas schon zum achten Mal, dass Fleisch essen nicht nur eine Frage des Geschmacks ist – sondern politisch.

Mit der Ausgabe 2021 wenden sich die Herausgeber ausdrücklich auch an jüngere Leser. Denn einer begleitend durchgeführten Umfrage zufolge lehnen 70 Prozent der 15- bis 29-Jährigen die Fleischproduktion in ihrer jetzigen Form ab. Und 13 Prozent von ihnen ernähren sich vegetarisch oder vegan – mehr als doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. Mit dem Atlas wolle man vor allem das Engagement der Jüngeren durch Informationen stärken.