Aktivismus im Netz Was bringen Online-Petitionen?

Gefühlt jeden Tag sollen wir mit unserer Unterschrift die Welt retten. Aber was bringen Online-Petitionen wirklich?
Online-Petitionen

Online-Petitionen gibt es viele. Doch ihr Erfolg ist selten messbar

„Hambacher Wald retten und Klima schützen!“, „Rettet den Glyphosat-Ausstieg!“,  „Tiertransporte in Nicht-EU-Staaten beenden! Jetzt unterzeichen!“ - Wer einmal an einer Online-Petition teilgenommen hat, wünscht sich bald einen Spam-Ordner für Aufrufe zum Mitzeichnen. Denn einmal ein falsches Häkchen gesetzt – und es gibt weitere Informationen über diese oder ähnliche Aktionen. Und wieder ist es super dringend. Wer jetzt nicht unterschreibt und auf den Bestätigungslink klickt, so könnte man meinen, handelt fahrlässig. Denn irgendwie ist es immer fünf vor zwölf.

Doch was bringen Online-Petitionen wirklich? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Skeptiker billigen ihnen kaum Wirkung zu – und sprechen von Clicktivism: eine Neubildung aus Click und Activism. Wer zu bequem ist, auf die Straße zu gehen oder ehrlich politisch zu arbeiten, für den bietet die Online-Petition demnach ein niedrigschwelliges Angebot: Es vermittelt den Teilnehmern völlig kostenlos und in Sekundenschnelle das Gefühl, etwas getan, eine gute Sache unterstützt, etwas bewegt zu haben. Der Medienkritiker Jeff Jarvis forderte gar – per Petition – die Abschaffung aller Petitionen. Es gehe den Antragstellern nur um Aufmerksamkeit.

Erfolg von Online-Petitionen selten direkt messbar

Tatsächlich ist der Erfolg von Online-Petitionen selten direkt messbar. "Eine Online-Petition ist immer nur ein Schritt in einer Kampagne, um öffentlichen Druck aufzubauen", sagt Svenja Koch von der NGO Campact, die sich auch im Bereich Umwelt- und Verbraucherschutz engagiert. "Daneben führen wir politische Gespräche und laden die Mitzeichnenden zu Großdemonstrationen ein oder bitten sie, dezentral kleine Aktionen zum Thema zu machen." Dass eine Petition einmal unmittelbar zum gewünschten Ergebnis geführt habe, gebe es selten, sagt Koch. Doch Campact-Petitionen hätten schon maßgeblich dazu beigetragen. Als Beispiele nennt sie die Verhinderung des Gen-Mais MON810 oder die Mobilisierung für die Anti-Kohle-Proteste am Hambacher Forst.

Auch Tierschützer haben das Medium der Online-Petition für sich entdeckt. PETA fordert im Rahmen seiner Berichterstattung regelmäßig Leser dazu auf, per Unterschrift mitzuprotestieren. Auch hier seien "direkte Erfolge eher die Ausnahme", sagt Jobst Eggert von der Tierschutzorganisation. Immerhin habe PETA das Bekleidungshaus Peek & Cloppenburg dazu bewegen können, keinen Kaninchenpelz mehr anzubieten, die Universität Ulm verzichte nun auf chirurgische Eingriffe an lebenden Schweinen, und immer mehr Städte verbieten Wildtiere in Zirkussen – als Reaktion auf den öffentlichen Druck.

Sinnvoll nur im Rahmen einer Kampagne

Auf Erfolge durch Online-Petitionen verweist auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU). Etwa beim Erhalt von EU-Naturschutz- und Wasserrahmenrichtlinie. Auch Greenpeace sieht seine eigenen Unterschriftenaktionen im Netz positiv. Kommunikationschef Jan Haase nennt als Beispiele die Petition zum Schutz des Hambacher Waldes (zusammen mit anderen Organisationen) oder die Einführung einer Herkunftskennzeichnung von Fleisch beim Discounter Lidl. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wiederum verweist darauf, dass die Zulassung für den Pflanzenkiller Glyphosat dank massiver Proteste - auch in Form von Online-Petitionen - durch die EU-Kommission nicht wie geplant um 15, sondern nur um 1,5 Jahre verlängert worden sei.

Ganz so wirkungslos, wie manche Kritiker meinen, sind Online-Petitionen also offenbar nicht. Vor allem als Baustein einer Kampagne, die zum Beispiel auch Demonstrationen und Diskussionen mit den adressierten Unternehmen oder Politikern einschließt. Und ganz abschaffen, wie Medienkritiker Jeff Jarvis – übrigens erfolglos – forderte, müssen wir sie auch nicht.

Trotzdem macht es bei der Menge der kursierenden Petitionen Sinn, sich auf Wesentliches zu konzentrieren.

Tipps für Gestresste

  • Abonnieren Sie Newsletter nur zu Themen, die Ihnen am Herzen liegen.
  • Nehmen Sie lieber an Online-Petitionen teil, die überregionale Relevanz haben, anstatt tragische Einzelfälle zu unterstützen.
  • Mitmachen lohnt sich nur, wenn es einen klaren Adressaten gibt. Denn eine Forderung kann nur wirken, wenn sie bei der richtigen Person ankommt.
  • Vertrauen Sie Ihre Daten nur seriösen, nicht profitorientieren Plattformen an. Das US-Unternehmen Change.org etwa verdient mit seinen Petitionen gutes Geld. Die einschlägigen Umwelt- und Naturschutzorganisationen aber sammeln damit weder Geld noch Daten. Und verbinden ihre Petitionen immer mit konkreter Lobbyarbeit.
  • Nehmen Sie sich hin und wieder Zeit, mehr zu tun, als nur Online-Formulare auszufüllen. Etwa auf eine Demo zu gehen oder im Laden nach der Herkunft der Ware zu fragen.
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