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Europas Böden in Gefahr "Wir verunmöglichen Zukunft"


Die Initiative People4Soil fordert mit einer Petition umfassende EU-Gesetze zum Schutz der Böden. Im Interview erklärt die Starköchin Sarah Wiener, warum sie die Kampagne unterstützt
Sarah Wiener
Starköchin, Unternehmerin, Umweltaktivistin: Sarah Wiener
© Christian Kaufmann

GEO.de: Frau Wiener, können Sie schmecken, ob Gemüse auf gutem Boden gezogen wurde?

Sarah Wiener: Ich glaube schon! Eine Karotte von gesundem Boden hat mehr Kraft als eine Glashauskarotte oder eine Karotte, die mit Kunstdünger gefüttert und gespritzt wurde.

Und darum engagieren Sie sich jetzt für den Bodenschutz in Europa?

Dafür gibt es viel mehr Gründe. Boden ist nicht nur die Basis unserer Kultur und unserer Zukunft, sondern die Grundlage allen Lebens. Leider ist das noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen. Für viele Menschen ist Boden einfach der Dreck unter ihren Füßen. Das Geheimnis des Bodenlebens, wie Mikroorganismen, Springschwänze, Einzeller, Pilze, Viren und Bakterien zusammenleben, ist noch kaum erforscht. Gleichzeitig zerstören wir fruchtbare Böden. Jeden Tag gehen weltweit Hunderte Fußballfelder lebenswichtiger Boden verloren.

Bleiben wir einmal in Deutschland: Was genau ist das Problem?

Ein Problem ist, dass wir aus anderen Erdteilen, etwa Brasilien oder Argentinien, Nährstoffe in Form von Soja oder Mais importieren, die wir an die Tiere in der industriellen Tiermast verfüttern. Als Mist und Gülle verpesten diese importierten Nährstoffe dann zusätzlich unsere Böden – und unser Grundwasser.

Wie könnte die Lösung aussehen?

Was wir brauchen, sind geschlossene Kreisläufe. Sinnvoll wäre eine bodengebundene Tierhaltung. Soll heißen: Jeder Landwirt darf nur so viele Tiere halten, wie sein eigener Boden ernähren kann. Was wir brauchen, sind stabile, dezentrale Systeme und regionale Lösungen.

Einen Entwurf zu einer EU-Bodenrahmenrichtlinie gibt es längst, aber 2007 haben Deutschland und andere Staaten eine Einigung im Europäischen Rat verhindert ...

Das ist ja das Absurde: Im tonangebenden Bauernverband finden Sie keine Kleinbauern, dafür Agroindustrielle, Maschinenhersteller, weiterverarbeitende Betriebe. Die denken nicht langfristig, sondern vor allem an Gewinn- und Renditemaximierung. Wer heute nicht weiß, dass wir vor dem Abgrund stehen, sieht kein Fernsehen und hat auch kein Internet.

Was könnte die Europäische Bürgerinitiative bewirken?

Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Aufklärung. Darüber, dass Boden, der erodiert oder zubetoniert oder versalzen ist, für Hunderte oder sogar Tausende von Jahren verloren ist. Wir sind die erste Generation, die Zukunft verunmöglicht. Dabei sollten wir die Welt so übergeben, dass unsere Kinder und Enkel auch noch eine Chance haben, gut zu leben. Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Diskussion, wie wir uns unsere Zukunft vorstellen. Hier könnte die Initiative People4Soil einen wichtigen Beitrag leisten.

Was kann jeder jetzt schon tun, um selbst Boden gut zu machen?

Bitte nicht spritzen! Keine Pestizide im Vorgarten! Und kochen Sie selber! Denn nur, wenn Sie mit Grundnahrungsmitteln kochen, können Sie die Qualität überhaupt beurteilen. Essen Sie regional, essen Sie saisonal und essen Sie vielfältig! So helfen Sie auch der Vielfalt im Boden.

Mehr als 400 Organisationen haben sich zu People4Soil zusammengetan, um den Bodenschutz in Europa voranzubringen. Mit einer Unterschriftenaktion (Europäische Bürgerinitiative) wirbt die Kampagne für eine EU-weite Gesetzgebung zum Schutz der Böden: www.people4soil.eu


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