Als er zum ersten Mal hinabtaucht in das eiskalte Wasser des Fjords, habe er sich gefühlt, als schwimme er durch einen Zauberwald, erzählt Florian Huber: Quallen mit Nesselfäden in orange und rosa pumpen sich vor ihm durchs Meer, getigerte Seeanemonen fischen mit ihren Tentakeln nach Nahrung und purpurne Seesterne kleben an den eigenartigen Felsnadeln, die hier unten grüppchenweise beisammenstehen wie versteinerte Tannen. "Ich tauche seitdem ich 13 bin, aber so etwas hatte ich vorher noch nie gesehen", sagt Huber.
Denn üblicherweise ist die Unterwasserwelt hier oben im Norden karg: Hubers Tauchgrund, der Ikka-Fjord im Südwesten Grönlands, liegt nahe des Polarkreises. Um dorthin zu gelangen, ist der 50-Jährige vom nächstgelegenen Ort mehrere Stunden unterwegs, immer wieder muss das Boot dabei Eisschollen umschiffen – der Ikka-Fjord ist selbst für grönländische Verhältnisse abgelegen: Kein Mensch wohnt an seinen Ufern, nur ein paar Moschusochsen und Rentiere grasen an den Bergflanken, die den Meeresarm schroff umstellen. "Und dann tauchst du da ab und plötzlich ist alles voller Leben – und knallbunt!", schwärmt Huber.
Solche Farbenvielfalt kennt der Profitaucher üblicherweise eher von Korallenriffen. Doch hier im Ikka-Fjord hat sie sich an einzigartigen Gesteinsformationen angesiedelt: an Säulen aus Ikait. Dieses Mineral ist weltweit nur in sehr wenigen Regionen zu finden. Nirgendwo aber hat es sich zu derart bizarren Säulen aufgetürmt: Bis zu 20 Meter hoch ragen sie auf. Knapp 1.000 von ihnen stehen im Fjord – dürre Stängel und stämmige Zwerge, reich verzweigte Arme und elegante Schlote. "Eine surreale Welt", beschreibt Huber den Anblick.
Meterhohe Säulen erinnern an Tropfsteine
In mehr als 100 Ländern war der Forschungstaucher aus Kiel schon unterwegs: Als Unterwasserarchäologe begleitet er Ausgrabungen und Expeditionen, deren Funde er mit seiner Kamera dokumentiert. Doch trotz aller Erfahrung sei das Tauchen im Ikka-Fjord für ihn herausfordernd, sagt Huber, denn er dürfe dort keinerlei Risiko eingehen. Schließlich gibt es auf Grönland keine Druckkammer: In diesen Geräten erholen sich Taucher nach plötzlichen Druckabfällen, etwa bei einem Unfall. Eine solche Station befindet sich erst auf Island, mehr als 1300 Kilometer entfernt. Außerdem ist das Wasser im Fjord so kalt, dass die Atemregler an seinen Sauerstoffflaschen einfrieren könnten. "Wir tauchen dort deshalb nie allein und haben immer Ersatz-Regler dabei."
Huber kommt 2021 zum ersten Mal in den Ikka-Fjord, gemeinsam mit einem Fernsehteam, das über die Arbeit der dänischen Geochemikerin Gabrielle Stockmann berichtet. Seitdem begleitet er deren Arbeit: Stockmann untersucht bereits seit Jahren die geheimnisvollen Säulen der Bucht. Sie entstehen, weil durch feine Risse und Poren im Fjord Grundwasser aufsteigt. Dieses enthält in der Region seltene Mineralien, die mit dem kalten, salzhaltigen Meerwasser reagieren. Dabei kristallisieren sie und setzen sich nach und nach als Gesteinsschicht ab – der Grund, warum die Ikka-Säulen optisch an Tropfsteine erinnern.
Überzogen sind sie mit einem feinen Film aus Bakterien: Viele von ihnen existieren nirgendwo sonst auf der Erde. Für die Kalktürme wirken sie wie Klebstoff – und sind zugleich Startpunkt der Nahrungskette, die hier im Fjord so ungewöhnlich viele Arten versorgt. Rotalgen, Schnecken und Krabben, Seegurken und Schlangensterne hat Florian Huber dort bereits gefilmt, außerdem auch Seehasen: Diese Fische bewachen ihre Eier, die sie in winzige Felsnischen der Säulen legen.
Mystische Sage der Inuit
Doch auch an Land gelingen Florian Huber überraschende Funde: Bei Streifzügen in der Region weist ihn der einheimische Expeditionspartner des Teams auf den dort wachsenden Engelwurz hin. Diese Pflanze ist auf Grönland nicht heimisch. Wikinger nutzten sie als Gemüse und Heilkraut – und nahmen sie auch mit auf ihre Eroberungszüge. In der Archäologie gilt Engelwurz deshalb als Hinweis auf Siedlungsversuche der Nordmänner. Tatsächlich entdeckte das Team Reste von Wikinger-Hütten am Ikka-Fjord, genauso aber auch Hinweise auf Inuit-Siedlungen. Beide Gruppen bekämpfte sich im Mittelalter auf Grönland.
"Es gibt sogar eine Sage der Inuit aus dieser Region: Ihr zufolge gelang es den Inuit, die Wikinger auf den zugefrorenen Fjord zu treiben, wo die Männer ins Eis einbrachen, versanken und im Meer zu Stein wurden", erzählt Huber. Diese hellhäutigen Krieger sähe man noch heute kalkweiß durchs Meer schimmern, so die mythische Erklärung für die Kalkfelsen.
Deren Erhalt ist jedoch bedroht. Denn Ikait ist nur bei niedrigen Temperaturen stabil. Sollte sich das Wasser im Ikka-Fjord durch den Klimawandel dauerhaft auf Werte über acht Grad erwärmen, könnten die Säulen brüchig werden. Zu sehen war dieser Effekt schon in einigen warmen Sommern: Die Steinriesen sind dann mit einer kalkigen Schleimschicht überzogen, nur noch wenige Tiere und Pflanzen siedeln dann auf ihnen. Teilweise sind sie mit langen Algenfäden überwuchert, die aussehen wie die langen Bärte und Haare von Nordmännern.
Was Forschungstaucher Huber zudem sorgt: Eine Bergbaufirma will einige Kilometer weit im Inland Bohrungen durchführen. Diese könnten die chemische Zusammensetzung des Grundwassers durcheinanderwirbeln und damit den Ikait-Nachschub für die Kalksäulen gefährden. Noch sind diese Eingriffe nicht genehmigt. Doch die grönländische Regierung sucht nach Wegen, um wirtschaftlich unabhängig von Dänemark zu werden.
Der Ikka-Fjord selbst allerdings ist unter Schutz gestellt. Und von den Wassertemperaturen gab es zuletzt gute Neuigkeiten: Nach einigen zu warmen Sommern in Folge war das Meer in den vergangenen zwei Jahren wieder kalt genug für den Erhalt des Ikaits. Dafür hatten Winterstürme gesorgt, die ausreichend kühles Frischwasser in die Bucht getrieben hatten. Noch also stehen sie, die weißen Krieger am Grund – in ihrem Zauberwald aus Kalk.