Der Freitaucher Joe Rianto hat vor der Ostküste Australiens bei New South Wales einen besonderen Moment mit seiner Kamera festgehalten: Er tauchte gerade im Meer, als plötzlich ein gewaltiger Rochenschwarm lautlos im Wasser an ihm vorbeizog. Sein Unterwasservideo zeigt, wie Hunderte Tiere Seite an Seite durch das tiefe Blau gleiten. Die Szene wirkt wie aus einer anderen Welt – dabei folgt sie einem ganz irdischen Naturphänomen: der saisonalen Wanderung bestimmter Rochenarten, die sich zu eindrucksvollen Großgruppen zusammenschließen.
In den Gewässern von New South Wales treffen gemäßigte und subtropische Meeresströmungen aufeinander – eine Konstellation, die das Meer besonders nährstoffreich macht und eine große Vielfalt an Meereslebewesen anzieht. Zu den häufigeren Besuchern gehören auch verschiedene Rochenarten.
Welche Rochen hier vorkommen
Sowohl riffgebundene Arten als auch wandernde Hochsee-Rochen halten sich vor der australischen Küste auf. Besonders spektakulär sind die großen planktonfressenden Rochen – etwa Riffmantarrochen und andere Teufelsrochen -, die mit ihren imposanten Spannweiten von mehreren Metern elegant durch das Wasser gleiten. Die Tiere ernähren sich vor allem von Zooplankton, Fischeiern und anderen winzigen Organismen. Wo Strömungen Nährstoffe nach oben transportieren und sich Plankton ansammelt, steigen die Chancen, Rochen zu sehen.
Große Rochenschwärme
Vor allem Teufelsrochen der Gattung Mobula sind dafür bekannt, in großen Gruppen aufzutreten, mitunter in Schwärmen von Hunderten oder gar Tausenden Tieren. Solche Ansammlungen treten häufig in Zusammenhang mit saisonalen Wanderungen auf, wenn viele Tiere gleichzeitig demselben Nahrungszug folgen.
Dann lohnt es sich für die Rochen, gemeinsam zu reisen: Die Gruppe kann helfen, effizienter Futter zu finden, und erhöht möglicherweise auch die Chancen bei der Partnersuche, wenn sich zur Paarungszeit viele Tiere an einem Ort einfinden.
Für viele Rochen sind die Küstenbereiche Australiens Zwischenstopps auf längeren Routen. Taucherinnen und Freitaucher erleben die Versammlungsorte und Futterplätze der Tiere wie Bühne und Kulisse eines Naturfilms. Tauchreviere an der Ostküste Australiens werben seit Jahren mit der Chance, diesen Tieren zu begegnen, sei es an Riffen, an Unterwasserbergen oder entlang von Steilküsten.
Die Wanderung der Rochen
Viele Rochenarten legen in ihrem Leben weite Strecken zurück. Ihre Wanderungen folgen im Kern drei Faktoren: Wassertemperatur, Nahrungsangebot und Fortpflanzung. In wärmeren Monaten oder bei bestimmten Strömungslagen verschieben sich Planktonwolken und Fischlaichgebiete – die Rochen ziehen mit.
Markierungsstudien mit Satellitensendern haben gezeigt, dass etwa Mantas und andere Großrochen teils über Hunderte, mitunter über Tausend Kilometer entlang von Küsten und über offene Meeresflächen wandern. Dabei nutzen sie wiederkehrend bestimmte Hotspots, die sich durch besonders günstige Bedingungen auszeichnen. Für Forschende sind diese Routen wichtig, um kritische Lebensräume zu identifizieren, für den Naturschutz, um Schutzgebiete gezielter zuzuschneiden.
Der Klimawandel verändert die Routen
In jüngeren Arbeiten zu Großmeeresbewohnern vor Australien zeigt sich, dass steigende Meerestemperaturen die Verbreitung und Aufenthaltszeiten mancher Arten verändern. Für Regionen wie New South Wales bedeutet das: Einige Großrochen könnten künftig länger im Jahr oder häufiger in diesen Gewässern anzutreffen sein, weil sich Temperaturfenster und Nahrungsbedingungen verschieben. Modelle deuten darauf hin, dass wichtige Habitate für Mantas und andere Megafauna entlang der Ostküste in Zukunft noch bedeutsamer werden könnten. Das erhöht einerseits die Chance auf spektakuläre Beobachtungen wie den nun viral gegangenen Rochenschwarm, andererseits steigt damit der Druck, diese Lebensräume vor Überfischung, Schiffsverkehr und anderen Einflüssen zu schützen.